Dienstag, 20. November 2018
Tag der Sachsen 2018: Schlossstraße
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TORGAU. „Was nicht gepasst hat, wurde passend gemacht!“ Scharf dringen diese Worte in der Grußansprache von Roland Jahn durch die dichtbesetzten Sitzreihen der Alltagskirche in die Ohren der Frauen und Ma¨nner. Alle wissen: Er meint nicht etwa einen groben Holzklotz oder ein Werkstu¨ck. Der Bundesbeauftragte fu¨r die Unterlagen des Staatssicherheits- dienstes der ehemaligen DDR spricht von jenen 4046 Jugendlichen, die zwischen 1964 und 1989 zur „Umerziehung“ in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen wurden. Diese jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren wur- den „passend gemacht“. Mit ko¨rperlicher Gewalt, Drill, Repressalien, Demu¨tigung, Intrigen, entwu¨rdigenden Ritualen, auch mit sexueller Gewalt. So artete sozialistische Erziehung im DDR-Regime aus.

 

... und keiner hat was mitbekommen

 

Genau 29 Jahre, nachdem der letzte Jugendliche am 17. November 1989 aus der Torgauer Anstalt entlassen wurde, gab es am Samstag, 17. November 2018, eine Festveranstaltung zum 20ja¨hrigen Bestehen der „Gedenksta¨tte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ (GJWH). Sie umrahmte das nunmehr 16. Treffen ehemaliger Heimkinder und begann mit einem Festakt am Vormittag in der Torgauer Alltagskirche. Roland Jahn erinnerte an zehntausende Biografien, die von der Willku¨r der DDR-Diktatur gezeichnet wurden und bis heute gescha¨digt sind. Und: Von allen Jugendwerkho¨fen und Heimen sei Torgau jedoch am Ha¨rtesten, Unbarmherzigsten gewesen, bekannt als „Ho¨lle von Torgau“. Und er fragt, was in vielen Ko¨pfen weiterhin rumort: Was war los in Torgau, dass anscheinend keiner etwas mitbekommen hat?“

 

Eine Antwort bleibt aus. Sie ist wohl auch ku¨nftig nur mit den diktatorischen DDR-Scheuklappen zu erkla¨ren, die jeden intensiveren Blick als staatsfeindlich gewertet ha¨tten.

 

Gabriele Beyler, Vorstandsvorsitzende der Initiativgruppe, hatte die Ga¨ste herzlich begrüßt. Und gleichwohl sie aus unza¨hligen Gespra¨chen die Schicksale ehemaliger Heimkinder kennt und weiß, was sich hinter den Mauern, in den Arrestzellen, bei der sportlichen Ertu¨chtigung an der „Sturmbahn“ und in den „Sanita¨rra¨umen“ zugetragen hat, ist sie wa¨hrend des Festaktes und auch anschließend in der Gedenkstätte sichtlich beru¨hrt von den herzlichen Begegnungen – und den allzu schmerzlichen Erinnerungen. Die Ehrenga¨ste, vor allem Politiker und

 

Vertraute, die den langen und beschwerlichen Weg des einstigen Jugendwerkhofes hin zur bundesweit einzigartigen Gedenksta¨tte fo¨rdernd begleiteten, haben die Einladung zum Festakt sehr gern angenommen. Doch im Mittelpunkt ste- hen die Betroffenen. Denn hauptsa¨chlich ihr Mut war der Auslöser dafür, dass die unfassbar leidvolle DDR-Heimerziehung überhaupt zum Thema wurde. 

 

 

Bundesweit etabliert

 

Dr. Eva-Maria Stange, Staatsministerin fu¨r Wissenschaft und Kunst, wu¨rdigte das ehrenamtliche Engagement der Initiativgruppe. Sie überbrachte herzliche Grüße von Ministerpra¨sident Kretschmer. Er hatte die Gedenksta¨tte unla¨ngst be- sucht. Dr. Stange ku¨ndigte an, dass der Freistaat ku¨nftig noch besser unterstu¨tzen wolle. Schließlich sei es dem hartna¨ckigen Dranbleiben von Gabriele Beyler und ihren Mitstreitern zu verdanken, dass die Institution als wichtiger Erinnerungsort der DDR-Geschichte innerhalb der Gedenksta¨ttenlandschaft auch bundesweit etabliert werden konnte.

 

Torgaus Oberbu¨rgermeisterin Romina Barth nutzte die Chance, vor allem das ehrenamtliche Wirken zu wu¨rdigen. Die Einrichtung habe im heutigen Torgau, der Stadt der Renaissance und der Begegnung, einen festen, mahnenden Platz erhalten. Dieser Teil der Geschichte sei dunkel und brauche deshalb O¨ffentlich- keit.

 

Prof. Bernd Neumann, Staatsminister a. D., schloss sich diesem Gedanken an: Es mu¨sse noch mehr zur Aufgabe gemacht werden, solche Orte und Geschehnisse in die Wahrnehmung der Menschen zu ru¨cken. Er sprach aus eigener Erfahrung: Fu¨r ihn habe der 3. September 2008, der Tag, an dem er zum ersten Mal die Torgauer Gedenksta¨tte besucht habe, Grundsa¨tzliches vera¨ndert. Damals er- kla¨rte er sich spontan bereit zu unterstu¨t- zen – und er tat es vielfach, wie Gabriele Beyler bekra¨ftigte.

 

Markus Meckel, Vorsitzender des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufar- beitung der SED-Diktatur: „Wer das hier einmal erlebt hat, den la¨sst das nicht mehr los.“ Die Opfer kommunistischer Herrschaft mu¨ssten viel mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft geru¨ckt werden. Das sei la¨ngst nicht in vollem Umfang geschehen. Meckel pla¨diert zudem fu¨r eine Gesetzesa¨nderung, die auch DDR-Heim-Kindern, die bis zu einem halben Jahr zwangseingewiesen wurden, eine Opferrente ermo¨glicht.