Mittwoch, 17. Oktober 2018

 
Montag, 17. Juli 2017

DOMMITZSCH

Der Bürokratie ein Schnippchen geschlagen

Viele Radfahrer legen einen Stopp an der Getränkebox ein und zahlen in die Kasse des Vertrauens. Foto: TZ/N. Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Drebligar. Ein Ortsfremder verirrte sich früher selten nach Drebligar. Das ist seit einigen Jahren anders. Genauer gesagt: Seit bestehen des Elberadweges. Zumindest in den Sommermonaten strampeln nun täglich Radfahrer durch den beschaulichen Elsniger Ortsteil.

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Mal mehr, mal weniger. Manchmal sogar in richtig großen Gruppen. Anfangs neugierig beobachtet haben sich die Ansässigen längst an das Bild gewöhnt. Einige Einwohner machten sich sogar Gedanken, wie man aus dem Zufall – der Radweg hätte genauso gut durch das näher zur Elbe gelegene Polbitz führen können – einen Nutzen schlägt.

Da gibt es seit längerer Zeit den Radlertreff von Sigrid Rößner mit Imbissversorgung und Zimmervermietung. Und demnächst auch noch ein Hofcafé. Gabriele und Gerhard Karge sind fleißig beim Umbau. Doch so viel steht schon fest. In diesem Jahr wird es keine Eröffnung mehr geben. „Wir machen alles in Eigenleistung. Ich bin Rentner. Wir haben keinen Zeitdruck“, sagt Gerhard Karge. So ganz „trocken“ sollen die Radfahrer trotzdem nicht durch Drebligar rollen. Der Radlertreff hat schließlich nicht immer auf. „Und bei manchen hängt schon tüchtig die Zunge“, lächelt der Landwirt im Ruhestand und so hat er eine Saft- und Wasserbar mit Kasse des Vertrauens eingerichtet.

Die Box mit den gekühlten Getränken steht direkt am Straßenrand, daneben ein paar große Schilder. 60 Cent sollen Durstige zahlen. Das ist wirtschaftlich ohne Bedeutung, mehr Mitleid, schmunzelt Karge. Ein bisschen hat er die Eigenschaften eines Radtouristen schon studiert. „Die wollen den Radweg nicht verlassen und ihr Gepäck und ihr Rad immer im Auge haben“, beispielsweise. Solche Besonderheiten werden im künftigen Hofcafé natürlich berücksichtigt.

Es gibt Freisitze und alles wird klein und gemütlich gehalten, also überschaubar. Die Kasse des Vertrauens existiert seit etwa vier Wochen und Gerhard Karge hat noch keine schlechten Erfahrungen damit gemacht. „Die Leute sind ehrlich. Manche legen extra viele Cents rein. Einmal befand sich Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten drin. Damit können wir natürlich nichts anfangen“, sieht es der Drebligarer eher als kleinen Scherz. Als „großen Scherz“ empfand er dagegen die zahlreichen Vorschriften bei der Beantragung von LEADER-Fördermitteln, nur dass Karge nicht darüber lachen konnte.

„Wir waren fast durch mit den Anträgen: Dann kam zuletzt noch eine Aufforderung: Wir sollten eine Ertragsvorschau für die nächsten fünf Jahre leisten, inklusive Toilettenanlage. Das war der springende Punkt. Wie will ich das machen? Dann – hab ich gesagt – machen wir das eben alleine, wenn die so bürokratisch und pingelig sind“, lässt der Mann seinen Unmut freien Lauf.

Besser sei die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt gewesen. Die „Hygiene“ habe den ehemaligen Hühnerstall, der zur Café-Küche umgebaut wird, schon abgenommen. Das Ehepaar möchte hier künftig Eis, Kaffee und Kuchen anbieten. „Besser gesagt meine Frau, denn ich bin ja Rentner“, wiederholt Gerhard Karge. Es sei ein Zubrot zum Landwirtschaftsbetrieb, den ebenfalls seine Frau führt. 15 Hektar Land sowie eine Mutterkuh- und Schafhaltung gehören dazu. Bis vor einigen Jahren bewirtschafteten die Karges 70 Hektar und waren als „Bio“-Betrieb eingestuft. Das ist vorbei. Probleme mit dem Rentner-Dasein hat der Hausherr nicht. Im Gegenteil. „Ich mache alles so weiter, nur langsamer“, schmunzelt er.

Gerhard Karge hatte eigentlich mal Elektromeister gelernt, bis er in die Landwirtschaft wechselte. Heute weiß er: Ein Unternehmen unter 500 Hektar ist zum Untergang verurteilt, lässt sich kaum noch wirtschaftlich führen. Aber seine Frau müsse sich eben die paar Jahre bis zu ihrer eigenen Rente noch durchhangeln. Bald hilft das Hofcafé. Von Mai bis Oktober sollen hauptsächlich Radtouristen hier einkehren. Läuft es gut, könnte ein Arbeitsplatz entstehen.

Das Ehepaar hat auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Grundstück übernommen und eine alte Scheune bereits weggerissen. Hier werden die vier Pkw-Stellplätze ausgewiesen, die die Baubehörde gefordert hat. Ein entkerntes Gebäude bleibt als Unterstand. „Wir sind dem Bürgermeister dankbar, dass er uns das Grundstück vermittelt hat“, lobt Karge. Auch an eine Ladestation für E-Bikes sei gedacht.

„Es gibt am Elberadweg keine Toiletten, die Leute gehen in die Felder, man sieht an vielen Ecken Taschentücher und Häufchen. Es fehlt an Unterstellmöglichkeiten bei Regen und seit dem Wegriss des Fährhauses an gastronomischen Angeboten zwischen Dommitzsch und Torgau“, fasst der Drebligarer zusammen. Ansonsten sei der Elberadweg eine feste Größe geworden, was in den 90er Jahren niemand vermutet hätte. Damals war die Resonanz eher spärlich.

Einen familiären Nachfolger haben die Karges in ihrem Betrieb übrigens nicht. Der Sohn (37) wohnt in Wittenberg, arbeitet auf dem Amt. „Der lacht über das, was wir hier einnehmen.“ Allerdings, das betonen die Betreiber der künftigen Einkehr, macht es auch Spaß, sich selber etwas aufzubauen. Das Hofcafé wird nächstes Jahr nicht nur durstige Kehlen und hungrige Mäuler stillen, sondern auch insgesamt das Ortsbild von Drebligar aufwerten.


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