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Donnerstag, 26. Oktober 2017

NORDSACHSEN

"Wir sind nicht nur in der Mitte!"

Als Michael Czupalla (rechts) im Sommer 2015 seinen offiziellen Abschied gab, durften diese beiden Herren auch nicht fehlen: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (links) und der CDU-Fraktionschef im Sächsischen Landtag, Frank Kupfer. Ort der Feierlichkeiten vor mehr als zwei Jahren: natürlich das Heide Spa in Bad Düben. Foto: TZ/Archiv

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Bad Düben/Nordsachsen. Stanislaw Tillich, Frank Kupfer, Martin Schulz, Marian Wendt, Michael Kretschmer – sie alle spielten eine Rolle im Interview mit Landrat a.D. Michael Czupalla.

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Bad Düben/Nordsachsen. Der beste Ort, Nordsachsens ehemaligen Landrat zu treffen, ist das Bad Dübener Heide Spa. Zumindest, wenn man Zeit mitbringt. Denn im Zentrum seines ehemaligen Wirkungsgebiets und dem Ort, den er als politischer Antreiber hinter der Heide-Spa-Idee entscheidend mitgeprägt hat, ist Michael Czupalla bekannt, wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Kurzer Schwatz auf dem Parkplatz, ein paar nette Worte zur Restaurantfachkraft auf dem Weg zur „Mühlenstube“ kurzer Austausch mit der Kellnerin. Und kaum sind die Plätze eingenommen, schaut auch schon Geschäftsführer Ole Hartjen zur Begrüßung um die Ecke. Manche Dinge ändern sich eben nie. Das Finden eines Interviewtermins innerhalb von 24 Stunden gehört trotz Sparkassenstiftung, Normenkontrollrat, EU-Projekt, Opa-Pflichten und geplantem Stadionbesuch beim Leipziger Pokalkracher gegen die Bayern auch dazu.

Um die CDU soll es gehen, die Rücktrittsankündigung von Stanislaw Tillich und die Aufarbeitung der Bundestagswahl auf dem Kreisparteitag der Christdemokraten. Wie blickt jemand auf das alles, der mehr als 25 Jahre Politik gelebt und gestaltet hat – jemand, der immer klug zwischen Hemdsärmeligkeit und Hinterzimmer gewählt hat? Mit Sorge, so viel ist sicher. Aber: „Ich respektiere, dass Tillich für sich entschieden hat: Bis hier hin und nicht weiter.“ Es sei richtig gewesen, dass er im gleichen Atemzug einen Nachfolger vorgeschlagen habe. „Sonst wäre das Durcheinander noch größer gewesen.“

Czupalla selbst hatte einen ähnlichen Weg gewählt und mit ordentlich Abstand zur nächsten Landratswahl sowohl sein Nichtantreten als auch seinen Wunschnachfolger Kai Emanuel präsentiert. Zurück nach Dresden hätte man aus seiner Sicht sicherlich auch den Fraktionsvorsitzenden der Landtagsfraktion ins Spiel bringen können. „Frank Kupfer hatte immer hervorragende Wahlergebnisse, hat ein unwahrscheinliches Standing unter Mitgliedern und war ein ausgezeichneter Landwirtschaftsminister.“ Das sei aber überhaupt keine Kritik an Michael Kretschmer, den er als ehrlich, bodenständig und gut vernetzt kenne. „Vielleicht ist es in diesen Zeiten doch besser, es kommt jemand aus Berlin, als direkt vom Kabinettstisch.“

Kritik in der Causa Tillich übt Michael Czupalla an den Christdemokraten insgesamt. „Man kann jetzt sagen, wir haben die Migrationspolitik unterschätzt, und Sachsen war schon immer ein bisschen rechts und so weiter – wie bei Angela Merkel wird jetzt alles auf eine Person zurückgeführt. Dabei gab es eine Fraktion, gab es Landesparteitage, die immer mit großen Mehrheiten zugestimmt haben.“ Ihn habe gestört, dass niemand aus der Partei vernehmbar aufgestanden sei, um Tillich den Rücken zu stärken, als die große Kritik über diesen hereinbrach.

Nicht nur Tillich, die Politik in Gänze habe in den vergangenen Jahren Fehler gemacht. Beispiel ländlicher Raum: „Den haben wir kaputt gemacht, weil wir sparen mussten.“ Das zuzugeben sei hart. „Wir brauchen aber wieder eine gesunde Streitkultur. Wir müssen nach vorne denken!“, fordert der Polit-Veteran. Bei der Bundestagswahl habe der Wähler seine Partei nicht mehr ernst genommen, „wir waren zu weit weg von den Menschen. Das hat Vertrauen gekostet und dann werden Rentner gewählt.“ Flüchtlinge, Migration, Sicherheit und Kriminalität – das seien die Themen gewesen, die die Wahl entschieden haben. „Es hat ja nicht eine Million weniger die CDU gewählt, weil Renten nicht stimmen oder der Sozialstaat nicht funktioniert.“

Deshalb hat aus Czupallas Sicht auch der Gerechtigkeits-Wahlkampf von Martin Schulz nicht gezündet. „Ich komme ja viel in der Welt rum. Bei all den Problemen, die wir sicher haben, kenne ich kein Land, in dem es gerechter zugeht, als Deutschland.“ Schulz habe den Mittelstand gar nicht angesprochen, sondern mit einem Thema für eine kleine Gruppe das Land gespalten, so die knallharte Analyse des Delitzschers. Doch mehr als die Positionierung der SPD treibt ihn die Ausrichtung seiner CDU um. Für ihn steht fest: „Wir sind nicht nur Mitte!“ Die CDU sei eine konservative Partei mit einem klaren Wertegefüge.“ Ein Teil der CDU-Spitze habe gedacht, es reiche weiter, die Mitte zu besetzen und  die Konservativen an die AfD abzugegeben. Das sei schwachsinnig gewesen.

„Wir sollten endlich erkennen, dass sechs Millionen AfD-Wähler keine Nazis, Bekloppte oder Verrückte sind.“ Es sei in der Geschichte immer so gewesen: „Wenn es einem gut geht, hat man Angst davor etwas zu verlieren. Und wer in dieses Horn stößt, kriegt die Leute auf die Straße. Wir haben dabei nur zugesehen. Und relativ wenig reagiert. Wir haben gedacht, dass es sich beruhigt.“

Michael Czupalla nimmt sich da nicht aus. Er selbst habe erst Ende August tatsächlich realisiert, wie gefährlich die AfD bei der Bundestagswahl werden könnte. Eher zufällig sei er an einem Pegida-Montag in Dresden gewesen. Die Veranstaltung habe aus zehn Minuten Belehrung bestanden, 40 Minuten Programm – es ging nur um Flüchtlinge und Kriminalität, dann wurde sich bei der Polizei bedankt, die Nationalhymne gesungen, und Schluss. „Im Anschluss gingen die in die Kneipe. Ganz normale Menschen mit Familien. Da wusste ich, was uns erwartet.“

Politik brauche in der Auseinandersetzung zu den Themen eine gemeinsame Sprache, die auch die Leute verstehen, weiß der ehemalige Landrat und kleidet diesen Gedanken in ein Beispiel. „Wenn eine Frau hier drei Kinder hat, nun noch die Enkel betreut und die Aussicht hat, später mal die Grundsicherung zu bekommen, kann man dieser Frau nicht vermitteln, dass jemand, der vier Wochen hier ist, genauso hohe Ansprüche hat wie sie.“ Das zu verstehen, aber auch zu erklären, wie sich Politik beispielsweise die Grenzziehung im Sozialstaat vorstelle, könne nur an der Basis passieren. „Wenn wir nicht anfangen, uns wieder mehr zusammenzusetzen und von Angesicht zu Angesicht zu sprechen und stattdessen immer mehr elektronisch kommunizieren, dann wird die Gesellschaft noch kälter.“

Das ist auch sein Wunsch an die CDU in Nordsachsen. „Wir brauchen wieder stärkere Ortsverbände. Als wir die hatten, hatten wir starke Ergebnisse.“ Die Entscheidung, Marian Wendt erneut zum Kreisvorsitzenden zu wählen, hält Czupalla deshalb für unglücklich. „Herr Wendt hat Gott sei Dank seinen Wahlkreis gewonnen und das Bundestagsmandat errungen. Er sollte sich mit voller Kraft um die Probleme in Berlin kümmern.“ Vor Ort brauche man jemanden, der ständig in der Region sei. Ein Jörg Kiesewetter fiele im da ein, der als Landtagsabgeordneter auch die direkte Verbindung nach Dresden halten könnte: „Dieser Kreisverband wird von Berlin aus schlecht zu führen sein.“

Positiv bewertet Michael Czupalla die Zusammensetzung des neuen Vorstands – aus seiner Sicht eine Mischung aus Strategen wie Müller, Pfeilsticker und Wohlschläger sowie jungen Leuten. Ihnen gibt er auf den Weg: „Unsere Aufgabe war es immer, sich dem ländlichen Raum zu widmen.“ Landwirtschaft, Dienstleistung, Infrastruktur – mit diesen Kernthemen müsse man zu den Menschen zurück. Und Heimat: „Wir müssen endlich aufhören, diesen Begriff so zu verhunzen. Heimat ist doch nicht Heino oder die Wanderhose. Heimat ist Geborgenheit, Tradition und Zukunft!“


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