Donnerstag, 18. Oktober 2018

 
Montag, 30. Oktober 2017

NORDSACHSEN

"Schloss Hartenfels ist massentauglich geworden"

Dr. Uwe Niedersen vor Schloss Hartenfels.Foto: TZ/S. Stöber

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Der 31. Oktober markiert den Höhepunkt des Lutherjahres 2017. Doch was bleibt, wenn die Lutherdekade endet. Um diese Frage zu beantworten, verabredete sich die TZ mit Dr. Uwe Niedersen vom Förderverein Europa Begegnungen.

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Torgau. Der 31. Oktober markiert den Höhepunkt des Lutherjahres 2017. Er setzt aber auch den Schlusspunkt unter die Lutherdekade. Auch Mitmenschen, die sich herzlich wenig um Religion oder Reformation scheren, können allein schon beim Blick aufs sanierte Schloss nur schwer ignorieren, dass sich in dieser Zeit für Torgau etwas getan hat. Doch was bleibt, wenn die Lutherdekade endet. Um diese Frage zu beantworten, verabredete sich die TZ mit Dr. Uwe Niedersen vom Förderverein Europa Begegnungen. Mit Forschungen zu Torgau als politischem Zentrum der Reformation, mit einer hochkarätig besetzten Tagungsreihe und einem von der Landeszentrale für politische Bildung verlegten Tagungsband ritt er die Reformationswelle perfekt und lenkte überregionale Aufmerksamkeit auf die Elbestadt. Doch das Gespräch mit ihm beginnt nicht mit einem Exkurs in die Begriffsgeschichte der Reformation. Stattdessen präsentiert Dr. Niedersen einen Zeitungsausschnitt.

TZ: Was ist das?
Dr. Uwe Niedersen:
Diesen Leserbrief habe ich der Torgauer Zeitung entnommen. Ein Professor aus Mainz berichtet darin über seinen Besuch in Torgau. Darin kommt viel von dem zum Ausdruck, was wir heute besprechen wollen.

Und zwar?
Er äußert sich sehr positiv über Torgau, die Stadt sei lieblich, schön, beständig. Das unterschreibe ich alles. Er schreibt in einem Satz aber auch, dass im Vergleich zu anderen Reformationsstädten die großen Besucherströme an Torgau vorbeifließen.

Was bedeutet das jetzt für uns?
Torgau steht an einem ganz wichtigen Punkt. Wir stehen kurz davor, einen Eingang in die große Geschichte zu finden. Um auch damit die großen Besucherströme anzulocken. Es besteht aber auch die Gefahr zu scheitern.

Das müssen Sie erklären.
Schauen Sie, wir sind gestartet mit dem „Torgau, Amme der Reformation“. Die „Amme“ assistierte uns durchaus, etwa beim Finden von spezifischeren Aussagen. So haben wir in den letzten Jahren einer anderen Begrifflichkeit zum Durchbruch verholfen: Torgau als politisches Zentrum der Lutherischen Reformation. Als den Ort, der maßgeblich dafür steht, dass sich weltliche, kurfürstliche Macht und der neue evangelische Glaube verschleifen konnten. Das Regieren aus dem politischen Zentrum heraus wird als Konfessionalisierung bezeichnet. Beides zusammen kann als das Wesen des Residenzschlosses verstanden werden.  

Wie ist das gelungen?
Indem wir diese theoretisch gut erklärbare Beziehung, das Wesen des Schlosses, anschaulich gemacht haben. In unserem Schloss lässt sich anschauen, ja anfassen, wie Kirche und Staat miteinander verwoben waren. Sehen Sie, es gibt da diesen Durchgang, eine Tür, die die Kurfürstlichen Gemächer und die Schlosskapelle verbindet. Stellt man sich in diesen Bogen, ist man mit einem Schritt wahlweise im weltlichen oder im kirchlichen Bereich. An dieser Stelle besonders exponiert, aber auch an vielen anderen Stellen des Schlosses, lässt sich dieses Spannungsverhältnis zwischen Kirche und Staat erleben. Das Wesen von Schloss Hartenfels tritt darin quasi in Erscheinung. Damit gelingt es ein solches Wesen begreifbar, eben massentauglich zu machen.

Massentauglichkeit könnte man auch negativ deuten, als Verflachung beispielsweise.
Nein, keine Vereinzelungen, keine Verflachungen! Vielmehr den Kern der Sache so erzählen, dass er massentauglich wird. Wittenberg hat den Thesenanschlag, darin vor allem äußert sich das Wesen von  Wittenberg als Reformationsstadt. Wir haben keinen Thesenanschlag. Wir waren aber in der Zeit der Reformation politisches Zentrum, aus dem heraus konfessionalisiert wurde. Das Wesen von Schloss Hartenfels ist noch heute erlebbar, und wir müssen dieses stetig wiederholen.

Das ist viel Theorie, oder?
Wir sind viel zu untheoretisch in Torgau…

…Sie ja nun gerade nicht …
…gut. Aber sehen Sie, es lohnt sich allemal über Begriffe nachzudenken und zu streiten. Für alle hier sollte klar sein, wir brauchen das theoretische Fundament, um die nächsten Schritte gehen zu können. Ohne diese Unterlegung hätten wir zwar immer noch ein schönes Schloss und viel Renaissance in Torgau. Aber, dies alles bleibt eine einzelne Erscheinung, jedes Detail für sich genommen ist nicht wirkungsmächtig genug, um mit Torgau in die große Geschichte hinaus zu greifen. Oder, um auf den Leserbrief zurückzukommen, die großen Besucherströme nach Torgau zu lenken. Wir würden scheitern.

Wie muss es aus Ihrer Sicht jetzt weitergehen?
Erstens muss der wieder zu stellende Erweiterungsantrag für das Weltkulturerbe bereichernder formuliert werden und genau das eben Besprochene sollte dann für die Jury nicht einfach überlesbar sein.
Zweitens brauchen wir die längst beschlossene große Dauerausstellung im Schloss (Flügel D), die die Qualität hat, das Wesen des damaligen Schlosses so zu spiegeln, dass das Verschleifen von Staat und Kirche deutlich wird.
Drittens müssen diejenigen, die Besuchergruppen führen, in der Lage sein, das Wesen von Schloss Hartenfels verstehbar und spannend zu vermitteln. Viertens müssen beide Geschichten des Alabasteraltars erzählt werden.

Beide Geschichten?
Nun, es gib die eine, die oft erzählte: Wer ihn erstellte und nach Torgau bringen ließ, wie man ihn dann 1943 zur Sicherheit einlagerte, wie er beschädigt wurde und auf mysteriösen Wegen verschwand und auf ebensolchen Wegen und gegen Vorbehalte wieder zurück in die Schlosskirche kam. Man kann über diesen Altar aber auch berichten, dass hier wohl erstmals ein niederländischer Künstler das Gesetz-Gnade-Thema in Stein gearbeitet hat. Für Luthers Kirche ein ganz zentrales Element. Der Mensch sollte bildlich zum Evangelium geführt werden. „Gesetz“ und „Gnade“ sollte massentauglich gemacht werden. Ich hielte es für angebracht, eine gemäße Erläuterung beim Altar aufzustellen.

Gibt es weitere Punkte auf Ihrer Liste?
Ich finde es fünftens richtig, dass sich Torgau nach einer Idee der Oberbürgermeisterin Barth auf zwei Großveranstaltungen konzentriert. Kirchweihe und Elbe Day, deren Konzepte sollten noch mehr in Richtung Begegnung entwickelt werden. Luthers Kirchweih-Fest hat mir gut gefallen. Das Wetter dazu war Pech. Kunstinstallationen waren für mich das Sahnehäubchen. Mehr beachten sollten wir die Integration der Schloss-Reformationsausstellungen in das Programm. Hiermit können wir auch „Theorie“ in das Fest einbinden.

Wie wollen Sie den Elbe Day entwickeln?
Ich würde ihn weiterfassen. Wir sollten uns nicht allein auf die historische Begegnung der Alliierten konzentrieren, sondern den Elbe Day als ein Fest der Demokratie konzipieren.  

Ein ganzer Aufgabenkatalog, so hört es sich an, nicht nur für die, die sich mit unserer Geschichte befassen.
Alle – Ämter, Vereine, Institutionen und auch die Kirche – gehören in der Nachphase der Lutherdekade auf den Prüfstand. Wir alle sollten schon hinterfragen, ob alle Stellen und Akteure die neue Begriffswelt um die Reformation und Torgau verinnerlicht haben und nach außen transportieren können. Wir müssen weg von manchen banalen Begriffen und uns allesamt weiterbilden.  

Wie soll das gehen?
Jemand muss sich den Hut aufsetzen und zuerst einmal die Spezialisten aus den genannten Bereichen zusammennehmen. Aus meiner Sicht ist das Chefsache! Und damit kommen unsere Oberbürgermeisterin und der Landrat in Frage, um das Ziel in Angriff zu nehmen, Torgau auf den Weg in die große Geschichte zu führen und Besucherströme auf uns lenken.


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