Sonntag, 22. Juli 2018

 
Montag, 4. Dezember 2017

BELGERN-SCHILDAU

So gemütlich kann Adventsstimmung sein

Foto: TZ/Zahn

von unserer Redakteurin Gabi Zahn

Belgern. 23 offene Höfe lockten am Samstag weit mehr als tausend Menschen zu einem ersten Adventsbummel durch die festliche geschmückte Altstadt, darunter auch diese Gäste aus Potsdam und Dresden. Ludger Wirsig (l.), seine Schwester Dorothea (3. v. l.) sowie Katja Wolf und Günther Mosler schwärmten nach dem Pyramidenanschub übereinstimmend: „Belgern im Advent muss man erlebt haben, das ist so liebevoll vorbereitet und schenkt mehr Besinnlichkeit als die großen Weihnachtsmärkte in unseren Städten.“ Hier lesen Sie mehr:

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Das Wetter ist kalt genug für Kerzenlicht, Glühwein oder heißen Tee und der nahende Winter dazu angetan, etwas dichter zusammenzurücken, Adventszeit eben. Wer am Samstag zu den weit mehr als 1000 Besuchern zählte, die „Advent in den Höfen“ in der Rolandstadt besuchten, hat den Auftakt in vollen Zügen genießen können. Besinnlich, urig gemütlich, so wie es sein soll, mit Plätzchen und Stollen, heißen Suppen und Gegrilltem, mit Kinderaktionen, Musik, Theater und kleinen Konzerten, und einem launigen Bummel entlang vieler Stände. So konnte man nach Geschenken schauen, oder sich selbst etwas Schönes gönnen.

23 Gastgeber entlang der Straßen und Gassen der festlich geschmückten Altstadt hatten Türen, Tore und Keller geöffnet und die Besucher herzlich empfangen.  
Aus der Nähe von Riesa kommend hatten Kerstin Jahn und ihre Freundin gegen 14 Uhr noch einen guten Parkplatz nah am Zentrum gefunden. Zweieinhalb Stunden lang waren beide dann unterwegs , bevor sie im Klosterhof mit der TZ-Redakteurin ins Gespräch kamen. Schon nach den ersten Worten wischt sich Kerstin verstohlen über die Augen und gesteht: „Bis jetzt war mir überhaupt nicht nach Weihnachten zumute. Ich pflege meinen Vater, und auf Arbeit ist viel Stress. Gestern ging auch noch das Auto kaputt. Eigentlich hätte ich gar keine Zeit hier zu sein. Aber gut, dass ich auf meine Freundin gehört habe. ,Komm fahr‘ mit mir nach Belgern.

Dort kommst Du gut rein in die Adventszeit. Da gibt es keine Hektik‘, sagte sie. Ich wollte es nicht glauben, aber es ist wirklich alles so gekommen. Schön, dass es so etwas noch gibt!“, resümiert sie – und lächelt. Bald darauf plaudern beide angeregt im Friseursalon Buchwald. Der hat sich mit viel Mühe der Inhaber und deren Freunde in eine urgemütliche Teestube verwandelt. Mit Wolfgang Zipter aus Torgau steht ein echter Fachmann am Tresen, serviert verlockend duftende Getränke nach Wunsch der Gäste. Die schnuppern um die Wette: Aromen von Zimt, Nelken, Anis und wilden Beeren vermischen sich im Raum mit süßen Nuancen. Sylvia Buchwald hat nämlich auch 21 Kilogramm Mehl mit vielerlei Zutaten zu vier Sorten Stollen und acht Sorten Plätzchen verbacken. Einfach köstlich!

Ohnehin hat sich die Altstadt in eine wahre Genussmeile verwandelt. Es gibt auch Deftiges zu kosten, Soljanka, Gulasch, Langos, Speckkuchen, Käse vom Milchhof Zinna, hausgebackene Brote, die in mehreren Höfen angeboten werden, und anderes mehr.

Im Klosterhof gehen die knusprigen Laibe weg wie warme Semmeln. Etwa 300 Stück wurden vom fleißigen Klosterbäcker-Team gebacken. Udo Golde holt noch weitere aus dem Backofen. Zudem liegen 100 Stollen – gebuttert und gezuckert – bereit, die im Laufe der nächsten Stunden reichlich Käufer finden. „Wir brauchen gar nicht mehr bis Qlinburg fahren, um offene Höfe in der Adventszeit zu erleben“, so lässt Familie Jahn aus Döbeln wissen, als sie von einem Hof in den nächsten steuert, leckeren Kuchen oder hausgemachte Bratwürste verspeist und etwa eine halbe Stunde später bei Familie Lehmann den Kesselgulasch  lobt.

Am Nachmittag sorgt der Belgeraner Tüftler Rainer Becker für Aufsehen, als er mit seinem Dampfmobil die Wege kreuzt. Stolz lenkt er zum ersten Mal diesen Nachbau eines englischen Mopeds aus dem Jahr 1890. „Das Gefährt gibt es auch als kompletten Bausatz, aber für 17 750 Euro! Das Geld wollte ich mir sparen.  Ich habe das Mobil selbst gebaut, mithilfe von Sponsoren, denen ich herzlich danke“, frohlockt er. Seine Dampfmobil-Ausstellung unterm Pavillondach begeistert außerdem große und kleine Leute gleichermaßen.

Um 16 Uhr hat sich auf dem Markt eine riesige Menschentraube versammelt – rings um die Pyramide, die nun, kurzweilig moderiert von Karl-Otto Weck, angeschoben wird. Gerhard Mengel von den Wanderfreunden und Werner Ritter hatten die nötigen Vorbereitungen getroffen. Ein Knopfdruck, die Lichter leuchten – und die Pyramide  dreht ihre erste Runde, begleitet vom stürmischen Applaus. Roberto und Ute Fischer aus Oschatz lassen sich anschließend bei Karin Kath im heimelig anmutenden Geschenkestübchen erklären, wie die Tradition der offenen Höfe in Belgern entstanden ist. Dieser Bitte kam sie, ebenso wie viele andere Gastgeber, wohl unzählige Male nach.

Denn immer wieder hat es die Besucher verwundert, dass „so etwas“ einfach gelingen kann – ohne viel städtisches Zutun, nur vom Wunsch beseelt, die Heimatstadt in ein freundliches, wärmeres Licht zu rücken. Dieses Lob, als herzliches Dankeschön formuliert, findet sich nun in vielen Gästebuch-Eintragungen wieder, die im Fachwerkzimmer des Klosters von der Interessengemeinschaft „Oschatzer Tor“ ausgelegt wurde. „Wir werden uns die Zeit nehmen, jede einzelne Eintragung in Ruhe zu lesen“, bekundet Bärbel Köpke.

Sie dankt im Namen der Organisatoren allen, die mitgeholfen haben oder mit dabei waren, unter anderem dem Bauhof, der Grundschule, dem Kindergarten, der Kerzenscheune Mahitzschen, vor allem aber den Gastgebern. Freilich drücken alle die Daumen, dass das Oschatzer Tor im nächsten Jahr wieder mit genutzt werden kann. Denn wenn die Besucher etwas vermisst haben, dann war es die Möglichkeit, dieses historische Kleinod aufsuchen zu können.


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