Montag, 24. September 2018

 
Samstag, 17. Februar 2018

DOMMITZSCH

Die Trendwende kam schneller als gedacht

Bringfried Otto. Foto: TZ/N. Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Trossin. Im TZ-Jahres-Interview spricht Trossins Bürgermeister Bringfried Otto über die Probleme in der ländlichen Region, über Abwanderung und knappe Kassen, aber auch über ehrgeizige Ziele und Lichtblicke.

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TZ: Viel Natur, wenig Industrie. In Arzberg verzeichnet man einen stetigen Einwohner-Rückgang. Wie sieht es in der Gemeinde Trossin aus, die ähnlich strukturiert ist?
B. Otto:
Wir können uns dieser Tatsache nicht verschließen. Es ist hier genauso schlimm wie überall. Deshalb können wir nur für optimale Voraussetzungen, für vernünftige Straßenanbindungen und schnelles Internet kämpfen.

Gutes Stichwort: Wie schnell sind denn die Trossiner im weltweiten Netz unterwegs?
Ich sage „kleines Internet“ zu dem, was wir schon haben. Es läuft kabelgebunden, allerdings nicht über die Telekom, sondern über private Anbieter. Teilweise sind 35 Mbit/s möglich, stellenweise auch nur 6 bis 7 Mbit/s. Es ist also noch ein großer Schwachpunkt. Bei der Erschließung arbeiten wir eng mit dem Landkreis zusammen.

Gab es nicht schon vor einigen Jahren eine Großinvestition in der Gemeinde in punkto Internet?
Ja, uns ging es darum, alle wenigstens ein bisschen zu versorgen. Das war wichtig.

Wie schlimm ist der Einwohnerrückgang in Trossin und in den Ortsteilen konkret?
Wir befinden uns nicht mehr im freien Fall. Aber wir verlieren auch im Durchschnitt etwa 30 Einwohner pro Jahr wie in Arzberg. Zum Jahreswechsel lag die Einwohnerzahl bei 1263. Das besondere bei uns ist, dass nach Westen die Dübener Heide angrenzt, nördlich befindet sich Sachsen-Anhalt und östlich liegt Dommitzsch mit der Elbe und einer miserablen B 182. Wir sind also etwas eingeschnürt und abgelegen. Man kämpft um die B 87 und vergisst dabei die B 182.

Wo können Sie den Hebel ansetzen?
Wir sind dabei, mit dem Ausbau der Strecke Dahlenberg-Falkenberg eine bessere Anbindung in Richtung Leipzig zu schaffen. Derzeit warten wir auf die Fördermittel. Die Planung ist durch. Für die Region Dahlenberg wäre es eine große Erleichterung. Die jetzige Betonstraße ist vier Kilometer lang, einspurig und an der Seite mit Asphalt versehen – sie ist ständig reparaturbedürftig.

Sicher gibt es viele Pendler in der Gemeinde Trossin, oder?
Ja sehr viele. Der Hauptteil pendelt in Richtung Leipzig, andere in Richtung Wittenberg und Torgau. Weil wir nicht an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden sind, geschieht das überwiegend per Auto. Woanders gibt es den Plus-Bus in Richtung S-Bahn. Wir sind froh, wenn überhaupt Busse fahren. Gerade jetzt in den Ferien ist es ganz schlecht, wenn nicht einmal die Schulbusse verkehren. Weil wir keinen Plus-Bus haben, müssen wir uns noch dazu mit zehn Prozent am barrierefreien Umbau der Bushaltestellen beteiligen. Damit sind wir doppelt bestraft. Andere Kommunen erhalten 100 Prozent.

Gibt es nichts Wichtigeres, als jetzt die Bushaltestellen umzubauen?
Es handelt sich um eine Verordnung der EU und es werden momentan dafür Fördermittel ausgeteilt. Wir müssen es also machen. Auch wenn es den Gemeindehaushalt stark belastet. Nach dem Kita-Umbau ist es die größte Investition. Wir haben immerhin 19 Haltepunkte. Die Gesamtbaukosten liegen bei 410 000 Euro. Über 40 000 Euro müssen wir als Eigenmittel einplanen. Man spürt, dass viele Einwohner von dieser Maßnahme nicht sehr überzeugt sind. Zumal nicht so viele Behinderte in der Gemeinde ansässig sind. Aber es sollen auch Rentner mit Rollator und Mütter mit Kinderwagen profitieren.

Apropos Kinderwagen: Wie steht es mit der Geburtenrate in der Gemeinde?
Die genauen Zahlen kenne ich nicht. Aber unsere Kindertagesstätte ist gut ausgelastet. Wir sind froh, dass nach dem Umbau wieder die Freigabe für 89 Kinder vorliegt. So haben wir ein bisschen Luft für Neuanmeldungen. Denn Zuzüge gibt es hin und wieder. Zum Beispiel in Trossin. Die betreffende Familie kommt aus dem Delitzscher Raum und wollte in der Heideregion wohnen. Der Vater arbeitet bei der Bundeswehr. Und wenn wir ehrlich sind: Es ist eine wunderschöne Ecke. Die Dörfer sind gepflegt. Man kann sich bei uns wohlfühlen. Mit oftmals kleinen Dingen – dem Anlegen einer Blühwiese mit Bienenturm  – lässt sich die Attraktivität noch steigern.

Das A und O sind aber Arbeitsplätze. Wie sieht es da aus?
Wir haben einiges an Gewerbe, von der Landwirtschaft bis zum Transportunternehmen. Es gibt kleine Handwerksfirmen  und vier bis fünf Agrarbetriebe. Wir können aber keinen Gewerbestandort anbieten. Das ist nicht machbar. Dazu fehlt auch die Nachfrage. Wir werden hier garantiert keine Industrieunternehmen ansiedeln. Andererseits spürt man bereits in den Betrieben den Mangel an Fachkräften. Die Trendwende kam schneller als gedacht. Wir haben zum Beispiel in der Kita eine Erzieherinnen-Stelle ausgeschrieben und nur ein bis zwei Bewerbungen erhalten.

Zu einem intakten Umfeld gehören auch Einkaufsläden und Geschäfte. Ein gravierender Nachteil?
Mangelnde Umsätze haben dafür gesorgt, das es jetzt so ist. In Roitzsch existiert die Verkaufsstelle Nah und Frisch, in Falkenberg die Bäckerei Nietzelt und in Hachemühle das Waldhotel. Ansonsten decken fahrende Händler die Nachfrage ab. Für sie rechnet es sich, wenn sie von Dorf zu Dorf pendeln.

Laut Demografie-Studie ist auch der Schulstandort enorm wichtig, um junge Familien in der Region zu halten oder sie zum Zuzug zu bewegen. Welche Einrichtungen werden von den Kindern der Gemeinde besucht?
Nach meiner Information besuchen inzwischen fast alle Kinder die Grundschule in Dommitzsch. Zur Oberschule geht es nach Torgau oder Mockrehna. Sicher wird es für die Schüler mit diesen Entfernungen ein langer Tag. Ich sehe das wirklich als Nachteil. Eine Oberschule in Dommitzsch wäre viel besser gewesen.

Wie ist die Gemeinde Trossin derzeit finanziell aufgestellt?
Die Finanzausstattung ist mangelhaft. Wir sind die dünn besiedelste Region Sachsens mit 17 Einwohner je Quadratkilometer und müssen in einer riesigen Fläche größere Infrastruktur vorhalten. Da nützt es uns nichts, wenn die Fördertöpfe auf Bundes- oder Landesebene voll sind, wir aber keine Eigenmittel beisteuern können. Zum Beispiel bei Straßen und Feuerwehren. Wir brauchen ein anderes Fördersystem: eine Pauschalförderung von 100 Prozent für bestimmte Vorhaben.

Was sind die wichtigsten Projekte im Jahr 2018?
Da gibt es einige. Vom Einbau der Heizung in der Kita/Feuerwehr/Jugendclub bis hin zur Sanierung von Dach und Fassade am Gemeindeamt. Wir werden in Roitzsch und Trossin insgesamt drei Saugspiegelbrunnen neu bauen und neben der Errichtung der Verbindungsstraße Dahlenberg-Falkenberg wollen wir auch den Schmiedeberger Weg in Ordnung bringen. Perspektivisch geplant ist der Neubau eines Feuerwehr-Gerätehauses in Falkenberg, der Anbau eines Sozialraumes in Roitzsch, die Dachsanierung der Feuerwehr Trossin, Dach- und Torsanierung der Feuerwehr Dahlenberg, Bau der Lindenstraße in Roitzsch und Gehweg- Ausbau in Trossin.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Eberhard Thieme

Eberhard Thieme: Mit der brandschutztechnischen Sanierung der Kita ist ein großer Batzen Arbeit in der Gemeinde weg. Das hat aber auch zur Folge, dass die Gemeindekasse jetzt fast leer ist. Anstehende Arbeiten hätten wir sehr viel. Ich wünsche mir von einem zukünftigen Bürgermeister, dass er nicht bloß zur Wahl auf die Bürger eingeht, sondern die ganze Amtsperiode zur Verfügung steht. Bei den Jahreshauptversammlungen der Feuerwehren wurde die letzten Jahre immer nur der Vize entsandt – außer dieses Mal im Wahlkampf. Als Bürgermeister sollte man sich einfach mal hier und da sehen lassen, ob bei Volksfesten oder Arbeitseinsätzen – wenn es nur für eine Stunde ist. Was mir in den erwähnten Vorhaben fehlt ist Roitzsch. Es fehlt hier ein Treffpunkt für Vereine, ein vernünftiger Jugendclub.

Janet Remane

Janet Remane: Die Studie zur demografischen Entwicklung ist für Nordsachsen beängstigend. Die ältere Generation überwiegt immer mehr, die jungen Leute werden weniger. Wer beruflich tätig ist mit Kindern, hat es schwer. Wir müssen die Gemeinde für junge Familien attraktiver machen, ohne dabei die ältere Generation zu vernachlässigen. Man sollte versuchen, Bauland zur Verfügung zu stellen – für junge Leute, die vielleicht in Leipzig arbeiten und auf dem Lande wohnen möchten. Nicht jeder kann es sich leisten, ein altes Haus zu übernehmen und es sanieren zu lassen. Ein anderes Thema ist die Feuerwehr: Hier sollte mal Ruhe hereinkommen zwischen den Orten und dem Bürgermeister. Die Zusammenarbeit ist nicht wirklich gut.

Gernot Seeger

Gernot Seeger: In den letzten sieben Jahren ist doch wieder eine gewisse Ruhe eingekehrt in der Gemeinde, der Bürgermeister handelt besonnen, es gibt eine gute Zusammenarbeit. Reserven sehe ich speziell beim Tourismus – Dübener Heide/Ausbau der Wanderwege. Es braucht eine gute Zusammenarbeit zwischen Bad Schmiedeberg, Dommitzsch und Trossin. Die ersten Schritte mit dem Forstamt sind schon gemacht. Wir haben darüber gesprochen, wie über Förderprogramme und Möglichkeiten der Forstbehörde Waldwege hergerichtet werden können, auch zum Abtransport von Holz. Weitere Reserven sehe ich bei der Zusammenarbeit von Feuerwehren und Räten. Da gibt es viele Dinge, die noch ausstehen. Und man muss sehen, was finanzierbar ist. Ganz wichtig ist der Breitbandausbau in der Gemeinde, dass auch die ansässigen Firmen schnelles Internet bekommen.

Statistik:

Einwohnerzahlen per 31.12.2017:
1263 (mit Hauptwohnsitz)
Hebesätze:
Grundsteuer A: 310,
Grundsteuer B: 415,
Gewerbesteuer 390

>>> Hier gehts zu den anderen Bürgermeister-Interviews <<<


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