Dienstag, 25. September 2018

 
Mittwoch, 14. März 2018

TORGAU

"Damals war überhaupt nichts besser"

Hartmut Behle zeigt in der Ausstelung im DIZ, wo die Zelle war, in der er drei Jahre seines Lebens verbrachte.Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Volontär Nick Leukhardt

Hartmut Behle saß drei Jahre lang unschuldig im Gefängnis / Er wurde vom Zeugen zum Rädelsführer der Glatzkopfbande gemacht

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Torgau. Wir schreiben das Jahr 1961. Es ist der 1. August, ein lauer Sommertag und wir befinden uns in einem Bierzelt nahe Bansin auf der Ostseeinsel Usedom  Einige Gäste sitzen herum oder stehen an Stehtischen, trinken gemütlich ihre kalten Getränke und genießen ganz einfach die wohlige Urlaubsatmosphäre. Doch auf einmal finden sich sieben Jugendliche mit kahlrasierten Köpfen in dem Biergarten ein, legen fetzige Rock’n’Roll-Musik auf und schwingen dazu wild das Tanzbein. Einige der Gäste sind durchaus belustigt von der amüsanten Vorstellung der jungen Berliner Gruppe, andere jedoch auch durchweg abgeneigt, gar angewidert. Schließlich galt solch westliche „Unkultur“, wie sie von den DDR-Autoritäten bezeichnet wurde, nicht nur als absolut verpönt, sondern war sogar gesetzlich verboten. Und so dauerte es nicht lange, bis niemand Geringeres als der Gastwirt persönlich die Volkspolizei verständigt hatte und die sieben Jugendlichen, die sich einfach nur zum Spaß die Haar abrasiert hatten, mit Militärgewalt abgeführt wurden.

Was für unsere heutigen Verhältnisse absolut haarstreubend klingt, war zur damaligen Zeit kein Einzelfall. Doch gegen das, was Hartmut Behle, der ebenfalls an diesem Abend in eben genau diesem Biergarten auf Usedom war, nach diesem Vorfall widerfahren ist, ist es noch die reinste Kleinigkeit. Und dabei war der heute 80-jährige Behle nicht einmal Teil der dieser Gruppe von Freunden, die später zu Propagandazwecken als „Glatzkopfbande“ betitelt wurde. Er war einfach nur ein normaler Gast, der in seinem Urlaub lediglich gemütlich ein Bier trinken wollte und absolut nichts Böses im Sinn hatte. Und um die Behörden davon zu überzeugen, dass auch die sieben jugendlichen Berliner nichts weiter wollten, als ein bisschen zu feiern, stellte sich Hartmut Behle freiwillig als Zeuge zur Verfügung und fuhr mit nach Wolgast zur dortigen Kreisdienststelle der Staatssicherheit. Doch anstatt dort wie ein Zeuge behandelt zu werden, wurde er eher wie ein Beschuldigter verhört. „Ich kannte diese Jugendlichen nicht einmal,“ sagte Behle im Nachhinein, als er vergangene Woche zum Zeitzeugeninterview im Torgauer Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) zu Besuch war. „Mir war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst, welche Gewalt die DDR über normale Menschen ausüben kann.“
Vier Tage später, am 5. August 1961, ging es dann für den verhafteten Hartmut Behle in Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatssicherheit nach Rostock.

„Dort ging es dann wirklich zur Sache. Meine Studentenausweise waren bereits zu dem Zeitpunkt der Festnahme ein rotes Tuch für die Beamten“, erzählt Behle. „Ich hab in Westberlin an der Freien Universität Tiermedizin studiert und das war natürlich überhaupt nicht gern gesehen. Obwohl ich in Ost-Berlin wohnte. Und das spielte glaube ich dann auch eine wichtige Rolle, warum die Geschichte dann dementsprechend ihren Lauf nahm.“ Im Laufe der folgenden Wochen wurde mehreren der Berliner Jugendlichen vor dem Kreisgericht in Wolgast der Prozess gemacht. Dabei war die höchste Strafe, die ausgesprochen wurde, 18 Monate Haft. Im September wurden weitere Prozesse geführt, diesmal allerdings vor dem Bezirksgericht Rostock. Hier wurde dann auch Hartmut Behle, welcher nach wie vor in Untersuchungshaft saß, als Rädelsführer der Glatzkopfbande hingestellt, einer vom Westen gesteuerten Organisation von Unruhestiftern. „Da war ich dann plötzlich ein westlicher Agent. Innerhalb von drei Wochen.“ Zusammen mit ihm saßen dort in Rostock noch drei weitere Männer auf der Anklagebank, allesamt Menschen, die Behle jedoch vorher noch nie gesehen hatte. „Das waren weder welche der Glatzköpfe noch sonst irgendjemand, mit dem ich eine Verbindung gehabt habe. Ich weiß auch nicht, was ihnen damals vorgeworfen wurde.“

Dann, mehr als ein Vierteljahr nach der Festnahme Behles, ging es für ihn dann wieder woandershin, nämlich nach Torgau. Am 11. November 1961 wurde er in die Strafvollzugsanstalt Torgau überstellt, wo er mehr drei Jahre seines Lebens zubringen sollte. „Ich war zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, doch plötzlich nach drei Jashren wurde ich entlassen. Es hieß durch Gnadenentscheid Walter Ulbricht. Tatsächlich wurden erstmals 888 Häftlinge vom Westen freigekauft, wie wir aber erst später erfuhren.“

Heute lebt Hartmut Behle zusammen mit seiner Frau Renate in Treis-Karden an der Mosel in Rheinland-Pfalz. Die beiden sind seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Nach seiner Freilassung schloss Hartmut Behle das durch die Haft unterbrochene Studium an der FU Berlin ab, und praktizierte bis zu seinem Ruhestand als Tierarzt in den alten Bundesländern. „Ich hab wirklich richtig großes Glück gehabt,“ sagt der 80-Jährige. „Aber trotzdem hängt mir diese ganze Sache bis heute nach. Was damals mit mir gemacht wurde, das ist so grausam, am Liebsten würde ich gar nicht mehr daran denken. Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen, dass damals in der DDR nicht alles schlechter war. Bei diesem Satz da platzt mir der Kragen. Das ist einfach nur falsch. Es war überhaupt gar nichts besser.“

Übrigens: Auch die ständige Ausstellung des DIZ Torgau befasst sich unter anderem mit dem Schicksal von Hartmut Behle, aber auch mit vielen anderen Häftlingen, die in Torgau im Laufe der Jahre in Haft saßen. Die Ausstellung existiert bereits seit 2004, ist täglich von 10 bis 18 Uhr zugänglich und kostet keinen Eintritt.


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