Sonntag, 20. Oktober 2019
Mittwoch, 4. April 2018

TORGAU

Eine nagende Ratte am Fundament des Sozialismus

Gibt es einen symbolträchtigeren Ort als den Jugendwerkhof Torgau für die Buchpräsentation von Geralf Pochop? Der Autor selbst saß zu DDR-Zeiten unter anderem in Halle ein. Warum? Darüber lesen Sie im TZ-Interview.Foto: TZ/Landschreiber

Von Henrik Landschreiber

Torgau. Der 1964 in Halle geborene und in Torgau wohnhafte Geralf Pochop legte vor wenigen Wochen das Buch „Untergrund war Strategie – Punk in der DDR zwischen Rebellion und Repression“ vor. Die Torgauer Zeitung kam mit dem Autor ins Gespräch.

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TZ: Fast 29 Jahre nach dem Ende der DDR erschien Ihr Buch mit autobiografischen Erinnerungen an die Punk-Szene der 1980er Jahre . Warum mussten wir so lange darauf warten?
Geralf Pochop:
Nach der Wende 1989 hatte mich das Thema zunächst nicht mehr tangiert: Die DDR war untergegangen, und ich hatte Anderes zu tun. Im Jahr 2011 kümmerte ich mich als ehemals politisch Inhaftierter um meine Rehabilitierung. Beim Studium meiner Stasiakte war das Thema plötzlich wieder aktuell und mir wurde bei der Aufarbeitung bewusst, wie perfide das DDR-System mit andersdenkenden und andersaussehenden Leuten mit einem anderen Musikgeschmack umging. Mir wurde schlagartig klar, dass ich in einer Diktatur aufwuchs, was ich damals allerdings nicht so wahrgenommen hatte.

Ihre Inhaftierung war quasi das Ende der Fahnenstange, die Geduld der Mächtigen war offensichtlich am Ende.
Zunächst waren wir völlig unpolitisch. Das änderte sich. Eigentlich wider Willen. Ich saß 1983 das erste Mal im berühmt-berüchtigten Stasi-Gefängnis „Roter Ochse“ in Halle ein. Am 7. Oktober 1987 (Republik-Geburtstag, Anm. d. Red.) wurde ich verhaftet und zu sechs Monaten verurteilt. Die Vorwürfe „Öffentliche Herabwürdigung, Beleidigung und Verleumdung des Staates und der staatlichen Mitarbeiter“ waren allerdings frei erfunden.

Mit der Akteneinsicht wurden alte Wunden wieder aufgerissen?
Richtig. Das Perfide war, dass ich in meiner Akte las, dass der Vorschlag gemacht wurde, mich zu sechs Monaten Gefängnis zu verurteilen, obwohl gar nichts gegen mich vorlag. Zuvor lungerten ständig zwei Stasimitarbeiter vor meinem Haus herum, die mich auf Schritt und Tritt verfolgten. Willkürliche Festnahmen waren an der Tagesordnung. Wir wurden ständig wegen Nichts verhaftet.

Diese Erinnerungen ließen den Entschluss reifen, das Erlebte zu Papier zu bringen?
Einige Leute haben mich darin bestärkt, weil ich viel aus dieser Zeit zu erzählen habe. Irgendwann begann ich, zu reflektieren und alles aufzuschreiben.

Das Buch ist mit „Zwischen Rebellion und Repression“ untertitelt. Passte da irgendetwas dazwischen?
Ich fühle mich nicht als Opfer! Wir waren pubertierende Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, die aufgrund unseres Äußeren und unserer Denkweise zu Staatsfeinden erhoben wurden. Anfangs nahmen wir das Ganze nicht ernst. Im Gegenteil. Wir machten uns lustig und wunderten uns, wie wichtig wir plötzlich waren. Dass der Geheimdienst der DDR sich für unseren Musikgeschmack interessierte, war schräg für uns. Durch die ständigen Verbote fanden wir Mittel und Wege, um eigene Strukturen aufzubauen, Konzerte zu besuchen und zu veranstalten. Das war damals nur in Kirchen möglich.

Wie kam es zur ersten Berührung mit dem Punk?
1977 hörte ich auf NDR 2 im Rahmen der Radiosendung „Musik für junge Leute“ mit Gerd Timmermann zwei Lieder der britischen Punkband „Sex Pistols.“ Die Musik wurde, wie damals üblich, auf Kassette aufgenommen. Ich war total angefixt und geflasht vom Sound und hörte die Lieder hoch und runter. Seinerzeit hatte ich kein Bild von Punk. Das kam erst später. 1982 besuchte ich in der Lutherkirche in Halle eines der ersten Punkkonzerte in der DDR. Wer dort spielte? Darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Ab 1983 entwickelte sich die Punkszene in der DDR kontinuierlich weiter. Während Bands wie Wutanfall, Namenlos, L‘ Attentat, Schleimkeim, Müllstation oder KVD von der Staatssicherheit hart bekämpft und teils zerschlagen wurden, schafften es ab 1987 Bands wie Keks, Feeling B, Die Skeptiker, Sandow oder Die Art mit entschärften Texten ins Radio und erschienen bei Amiga auf Schallplatte.

Was bedeutete Punk im Alltag des real existierenden Sozialismus?
Anfangs eigentlich lähmende und brennende Langeweile, die sich durch Warten auf ein Punk-Konzert alle paar Monate irgendwo in einer Kirche der Republik auszeichnete. Auch wurden wir auf der Straße angepöbelt und angefeindet. Gewalt gegen uns war an der Tagesordnung. Der Staat erfand sogar einen Paragrafen, um uns zur Räson zu bringen. Man konnte, nur aufgrund des Aussehens und des Verhaltens in der Öffentlichkeit, bis zu 500 DDR-Mark Strafe verurteilt werden. In Dresden häuften manche Punks zwischen 8000 und 10 000 Mark Schulden an. Wir hatten Gaststätten- und Jugendclubverbot, durften in Berlin nicht auf den Alexanderplatz und den Plänterwald. In Dresden wurde uns sogar verboten, Straßenbahn  zu fahren oder in eine Kaufhalle zu gehen. Natürlich waren gerade diese Orte beliebte Treffpunkte.

Wie fühlten Sie sich durch die ständigen Anfeindungen?
Wir entwickelten ein starkes Gemeinschaftsgefühl und nahmen uns gewisse Freiheiten heraus. Die Gesetze galten nicht für uns, zur Wahl gingen wir nicht. Ich verweigerte den Wehrdienst und schlug mich mit Hilfsarbeiterjobs durch. Punk war das Beste, was uns in der DDR passieren konnte. Es war die intensivste Zeit meines Lebens.

Aus anfänglichem Spaß wurde also schnell ernst.
Ja. Zunächst fühlten wir uns stark, machten Dinge wie Teenager weltweit, probierten uns aus, provozierten. Ernst wurde es, als Willkür, Verhaftungen und Gewalt gegen uns alltäglich wurden. Ich werde die Prügel, die ich als 18-jähriger Teenager auf einem Volkspolizeirevier bekam und meine mehrwöchige U-Haft in einer Isolationszelle nie vergessen. 1986 begann die Stasi massiv und heftig, mich als IM anzuwerben. Ich widerstand. In meiner Akte stand dazu, dass ich nicht als Spitzel geeignet bin. In diesem Zuge stellte ich einen Ausreiseantrag. Als sie mich 1987 dann verhafteten, bekam ich zu hören: „Jetzt haben wir dich! Du bist eine nagende Ratte am Fundament des Sozialismus.“ Ihre erste Amtshandlung war, mir die Haare abzurasieren. Zunächst gab es keine Vorwürfe, später wurde etwas konstruiert, was mich belasten sollte. Die politische Verhandlung war nicht öffentlich: Richter und Anwalt waren Stasimitarbeiter, dazu kamen zwei angebliche Zeugen – auch von der Stasi.

Wie standen Ihre Eltern Ihrem Wandel gegenüber?
Meine Eltern waren, gelinde gesagt, nicht begeistert. Sie hatten einerseits Angst um mich und andererseits war ihnen mein Outfit vor den Nachbarn extrem peinlich. Das war einer der Gründe, warum ich kurz nach meinem 18. Geburtstag aus der elterlichen Wohnung auszog und mit Freunden eine Wohneinhiet in einem anderem Stadtviertel besetzte. Legal als Jugendlicher eine Wohnung zu bekommen, war damals nicht möglich, da die Wartezeiten mehr als zehn Jahre betrugen.

Wie kam man an Schallplatten und die typischen Punk-Accessoires heran?
Die Klamotten waren komplett selbst gemacht. Ich lernte damals das Häkeln. Netzhemden standen hoch im Kurs. T-Shirts wurden selbst bemalt. Mit einem Fußpilzmittel aus der Apotheke färbten wir uns die Haare, die wir mit Eiern und Seife hochstylten. Buttons fertigten wir aus Kronkorken. Die Szene war sehr erfinderisch, innovativ und kreativ. Schallplatten bezogen wir aus Ungarn, wenn wir durchkamen, die Boots waren tschechische Arbeitsschuhe. Durch entstandene Westkontakte tauschte ich Saxofone gegen Schallplatten. Und die Oma brachte die begehrte Musik aus dem Westen mit. Instrumente und Verstärker wurden anfangs größtenteils selbst gebaut.

Punk ist heute längst salonfähig geworden: Modelabels haben den Look für sich entdeckt, kommerzielle Bands schießen wie Pilze aus dem Boden. Was ist von der einstigen Wut geblieben?
Der Punk von damals hat mit dem von heute wenig zu tun. In der DDR waren Punks starke Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einem großen Freiheitsdrang – wir hatten uns bewusst dafür entschieden. Die Wut war mit dem Untergang der DDR verpufft und verraucht. Unser politischer Gegner in diesem System war plötzlich nicht mehr da. Bei der Aufarbeitung des Themas wurde mir bewusst, was die mit uns eigentlich gemacht hatten. Einige meiner Weggefährten von damals gingen ihren Weg, sind heute Schauspieler, Künstler oder Anwalt. Einer ist inzwischen sogar Richter.

Auch in unserer heutigen Gesellschaft begegnen uns täglich schreiendes Unrecht und Ungerechtigkeit.
Das kann man schlecht mit einander vergleichen. Wir sind nicht willkürlich und ohnmächtig den Staatsorganen ausgeliefert. Heute sehe ich mehr Rechte, um sich zu wehren und Widerstand zu leisten.

Wer neugierig geworden ist: Wo ist das Buch erhältlich, sind Lesungen geplant?
Im lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag unter www.shop.hirnkost.de Im Rahmen des Buchmesse-Lesefestivals „Leipzig liest“ in der Stasi-Gedenkstätte „Runde Ecke“ hatte ich eine gut besuchte, erste multimediale Buchvorstellung. Weitere Lesungen sind in Planung.

Infos zu Buch und Autor unter
www.untergrund-war-strategie.de und
www.facebook/com/PunkinderDDR


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