Donnerstag, 13. Dezember 2018

 
Donnerstag, 5. April 2018

NORDSACHSEN

Audenhainer setzt auf Cannabis als Medizin

Zusammen mit seinem Hund Ebby lebt David Wedehase in der Dachgeschosswohnung seiner Freundin in Taucha. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Volontär Nick Leukhardt

Für David Wedehase ist Cannabis keine Droge, für ihn ist sie Medizin. Er leidet an ADHS, Migräne und einer sozialen Störung. Doch erstattet bekommt er seine Medizin nicht und kämpft deshalb gegen seine Krankenkasse.

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Audenhain/ Taucha. David Wedehase konsumiert Cannabis. Fast 2 Gramm nimmt der 28-Jährige, der gebürtig aus Audenhain stammt und lange Jahre in Mockrehna wohnte, täglich zu sich. Entweder als Muffins oder durch Wasserpfeife und Vaporisator. Doch für ihn ist die Droge kein Rauschmittel. Für ihn ist sie Medizin. Denn David kifft auf Rezept.

Die schwierige Vergangenheit

Seit seinem fünften Lebensjahr leidet David Wedehase an starken Migräneanfällen. Starke Kopfschmerzen gepaart mit übermäßigem Erbrechen und einer zeitweisen partiellen Lähmung machten ihm bereits im Kindergartenalter das Leben zur Hölle. Mit zwölf Jahren wurde an ihm dann auch noch eine „Soziale Störung mit ADHS“ diagnostiziert. „Mir fällt es ganz schwer, auf Menschen zuzugehen und mich auf neue Leute einzulassen,“ beschreibt der junge Mann seine Probleme. „Ich bin ihnen gegenüber immer Contra. Wenn ich jemand neues kennenlerne und der mir sein Leben erzählt, dann sage ich ihm alle Sachen, die er im Leben falsch gemacht hat. So findet man auf jeden Fall keine Freunde.“
Das ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) sorgt dann zusätzlich noch dazu, dass sich David schlecht auf Dinge konzentrieren kann. „Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und noch jemand anderes mit anwesend ist, dann würde ich mich die ganze Zeit von dieser anderen Person ablenken lassen, weil mir so viele  andere Sachen durch den Kopf gehen.“ Diese Leiden machten Davids Leben schwer, zeitweise fast unerträglich. Er flog in der 6. Klasse von der Schule, musste zwei Ausbildungen kurz vor der Prüfung abbrechen, war zeitweise in psychiatrischer Behandlung, machte eine schwer depressive Phase durch und lebte sogar ein halbes Jahr in einem Zelt beim Morellensee in Doberschütz.
„Es war wirklich die Hölle. All die Medikamente, teilweise starke Psychopharmaka, die mir verschrieben wurden, halfen mir nicht, sondern machten meine Situation noch schlimmer. Ich verbrachte drei Jahre meines Lebens wie in Trance, da ich auf ein starkes Beruhigungsmittel, Pipamperon, gesetzt wurde.“

Der erste Kontakt

Mit 15 Jahren kiffte David dann das erste Mal. Damals noch als kleine Jugendsünde, nur um es einmal ausprobiert zu haben. Schnell stellte er fest, dass sich sein Zustand stark verbesserte. Die Migräneanfälle gingen zurück, er traute sich wieder unter Menschen und auch Konzentrieren fiel ihm nicht weiter schwer. Lange holte er sich die Drogen von seinem Dealer und konsumierte sie heimlich, um seine Krankheiten in den Griff zu bekommen.
Mit 24 machte er sich auf die Suche nach einem Arzt, um sich das Cannabis verschreiben zu lassen. Zwei Jahre dauerte es, bis er dann 2016 über einen anderen Patienten mit der gleichen Diagnose auf die Berliner Psychiaterin Dr. Eva Milz, stieß, die sich auf Cannabis-Behandlung spezialisiert hatte und ihn in Behandlung nahm. Zwei Mal im Monat ist David seither in psychiatrischer Behandlung und bekommt von der Privatärztin die nötige Dosis Cannabis verschrieben. Die holt sich David ganz normal in der Apotheke ab.

Explodierende Kosten

Ein Problem gibt es für David jedoch: Er bekommt die Behandlung mit Cannabis nicht von seiner Krankenkasse erstattet. „Da Frau Dr. Milz eben nur eine private und keine Kassenärztin ist, sehe ich von meiner Krankenkasse keinen Pfennig. Fast mein komplettes Geld geht für meine Behandlung drauf.“ Im Moment lebt David zwar logiefrei bei seiner Freundin in Taucha und bezieht dort den Hartz-IV-Regelsatz, doch seine monatlichen Kosten gehen trotzdem weit in den vierstelligen Bereich. Arbeiten ist für ihn momentan unmöglich, er engagiert sich ehrenamtlich als Seniorenbegleiter.
Neben seinen Ausgaben für die psychiatrische Behandlung, rund 140 Euro im Monat, muss er auch noch seine Medikamente, die Cannabis-Blüten, bezahlen. Pro Gramm sind das 24 Euro, zwei Gramm pro Tag werden von David konsumiert. „Ohne meine Freundin und auch meine Familie, die mich finanziell unterstützt, wäre ich heillos verloren.“ Denn neben den Behandlungs- und Medikamentenkosten geht auch noch ein beträchtlicher Anteil von Davids Finanzen für einen Prozess ab, den er im Moment führt. Er prozessiert gegen die IKK, seine Krankenkasse.

Ein Kampf gegen Windmühlen?

„Seit einem Jahr bin ich nun bereits dabei, von meiner Kasse eine Übernahme meiner Medikamenten-Kosten zu erwirken,“ erklärt Wedehase. Es gleiche einem Kampf gegen Windmühlen, da die Krankenkasse zahlreiche Schlupflöcher in dem noch relativ frischen Gesetzt für die Verschreibung von Cannabis ausnutze. So sei, so die IKKclassic in einem Statement, „das Behandlungsziel laut der ärztlichen Bescheinigung die Besserung von Konzentration und Aufmerksamkeit sowie die Linderung der inneren Unruhe, Appetitssteigerung mit Gewichtszunahme. Nach Einschätzung des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) nicht um eine schwerwiegende Erkrankung.“ Außerdem sei David nicht austherapiert, es gebe also noch andere Behandlungsmöglichkeiten, die für sein Leiden infrage kämen und dementsprechend vor der Kostenübernahme ausprobiert werden müssten.
Diese Argumentation stößt bei David jedoch auf absolutes Unverständnis. „In dem Gesetz steht unter anderem, dass Cannabis nur dann verschrieben werden darf, wenn die Behandlung mit anderen Medikamenten zum Beispiel wegen zu starker Nebenwirkungen nicht möglich ist. Das ist bei mir der Fall. Bereits mit 12 wurde bei mir festgestellt, dass die Standard-Therapie nicht anschlägt sondern alles noch schlimmer macht. Ich habe durch die Medikamente eine kaputte Blase und habe nach deren Einnahme Blut im Urin. Außerdem wird in dem Gesetz mit keinem Wort erwähnt, dass man für die Verschreibung austherapiert sein muss.“ David spricht von seitenlangen Gutachten seiner Ärztin, die von der Krankenkasse jedoch einfach nicht anerkannt werden. „Wäre ich privat versichert oder sie eine Kassenärztin, gar kein Problem. Aber so geht leider gar nichts.“

Kein Job in Aussicht

Seit einem Jahr ist David Wedehase mittlerweile schon arbeitslos. Vorher hatte er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, zuletzt in einem Call-Center. Dort wurde er jedoch aufgrund seines ADHS gekündigt. „Wegen meiner Impulskontrollstörung und meinem Gezappel am Tisch störte ich die Mitarbeiter und auch die Kunden bei Gesprächen am Telefon.“ Seither ist der 28-Jährige auf der Suche nach einer Anstellung, doch die meisten Arbeitgeber stellen sich quer. „Ich bin wirklich gewillt, für eine faire Bezahlung auch hart zu arbeiten. Denn eigentlich bin ich arbeitsfähig. Doch die meisten Unternehmen sehen es nicht so gern, wenn jemand kommt der auf Rezept kifft. Und das ist das große Problem“. Doch einen Vorteil hat David mittlerweile im Gegensatz zu früher: Mittlerweile besitzt er einen Behindertenausweis. Sein Behindertengrad, den er seit Dezember letzten Jahres offiziell anerkannt bekommen hat, beträgt 30 Prozent. Damit kann man sich mit schwerbehinderten Menschen gleichstellen lassen, um einen besonderen Kündigungsschutz zu genießen. „Das ist aufgrund meiner Persönlichkeitsstörung ein wirklich wichtiger Punkt,“ erklärt David, „denn es kann durchaus vorkommen, dass ich, wenn ich schlechte Nachrichten zum Beispiel von meinem Anwalt bekomme, mich gar nicht mehr aus dem Haus traue und überhaupt nicht unter Menschen gehe den Tag über.“
Am liebsten würde David als Programmierer arbeiten. Er beschäftigt sich in seiner Freizeit gern mit Computern und hat sich so grundlegende Programmier-Kenntnisse angeeignet. „Aber ich würde auch Klos putzen, wenn ich dafür nur einen vernünftigen Lohn bekommen würde“.

Licht am Ende des Tunnels

So aussichtslos die Lage von David Wedehase auch scheint, es gibt doch einen starken Lichtschein am Horizont. Nicht nur, dass er über seine eigene Facebookseite, auf der er seinen gesamten Kampf mit täglichen Posts aufzeichnet, wahnsinnig viel Feedback von anderen Betroffenen bekommt, auch was seinen Prozess angeht gibt es Hoffnung. So hat der 28-Jährige nach langem Suchen tatsächlich einen Kassenarzt gefunden, der ihm möglicherweise das Cannabis verschreiben wird. Einen Termin hat er zwar erst in fünf Monaten, doch er ist guter Dinge, dass dieser dann den Verlauf seines Prozesses entscheidend beeinflussen wird. „Und dann, wenn ich endlich das Geld von meiner Krankenkasse zurückerstattet bekommen habe, dann kann ich endlich wieder zurück in das normale Leben treten.“

 


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