Sonntag, 24. März 2019
Donnerstag, 26. April 2018

TORGAU

"Kurfürstlicher Notfall" wird zum Glücksfall

Die Bärensäule im Wald bei Weidenhain symbolisiert. Foto: TZ/Zahn

von unserer Redakteurin Gabi Zahn

Weidenhain. „Die Geschichte von Weidenhain war von Anfang an geprägt von Menschen und Machern, die Verantwortung für sich und andere übernommen haben: Die ersten Siedlerfamilien, die tatkräftig ans Werk gegangen waren, eine neue Heimat zu gründen.

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Die Oberförsterfamilie Meißner, die es verstand, die Gunst der sächsischen Kurfürsten zu erlangen und durch deren Investitionen die Ortschaft erheblich ausgebaut werden konnte. (...) Weidenhain war und ist hinsichtlich der Bewahrung menschlicher Werte ein reiches Dorf. Unabhängig von politischen Systemen oder gesellschaftlichen Veränderungen ...“. So schrieb es Tilo Hofmann im März 2012 im Vorwort zur Weidenhainer Chronik nieder.

Sie ist unter dem Titel „Ein Dorf im Wandel der Zeiten und seine Gemeinschaft“ anlässlich der 800-Jahrfeier des Ortes erschienen. Das hochwertig aufgemachte Buch war unter Redaktionsleitung von  Jutta Hornich und Tilo Hofmann  entstanden. Es zeigt auf dem Einband ein Foto mit Weidenhainer Kindern und Frauen um 1900. Das Werk, von der Gemeinde Dreiheide, Ortsteil Weidenhain, herausgegeben, konnte fertiggestellt werden, weil engagierte Bürger dafür viel Zeit aufwendeten und/oder das Buchprojekt finanziell unterstützten.

Auf Seite 46 der 300 Seiten starken Schrift widmet sich Tilo Hofmann ausführlich der Geschichte der Bärensäule und der damit verbundenen Sage. Dass er die Säule nicht nur als Weidenhainer Wahrzeichen, sondern als „Grundstein des Wohlstandes“ des Ortes bezeichnet, macht neugierig: Nach Überlieferungen von Otto Winkler aus dem Jahr 1939 soll Kurfürst August im Jahr 1562 einen Bären krank geschossen haben. Der hochherrschaftliche Jagdmann musste flüchten, kletterte auf einen Baum und war in großer Lebensgefahr. So traf ihn der junge Förster Thomas Meißner aus Weidenhain an, tötete den Bären und rettete das Leben seines Landesherrn. Der Kurfürst hat Meißner deshalb später mit Wohltaten überhäuft und ihm seinen silbernen Hirschfänger geschenkt. Dieser soll sich, wie Winkler 1939 erwähnte, zumindest damals noch im Besitz eines Merseburger Arztes befunden haben, dessen Frau zu den Nachkommen Meißners zählte.

Im Zuge der Sanierung der Bärensäule in den Jahren 1962/63 anlässlich ihres 400-jährigen Bestehens wurde im Fundament eine eingemauerte Flasche mit Dokumenten aus den Jahren 1865 und 1927 gefunden: ein Bild des Grabsteines von Thomas Meißner und eines von der Bärensäule, beide handgemalt, zudem ein stark beschädigtes Schriftstück, das den damals bekannten Ablauf der kurfürstlichen Rettung schilderte.

Ob diese Lebensrettung durch den wackeren Förster Meißner nun Sage oder Wirklichkeit ist – auch dieser Frage ist Tilo Hofmann in der Weidenhainer Chronik ausführlich nachgegangen, was spannend nachzulesen ist. Dafür hat sich der Heimatgeschichtler aus Leidenschaft in viele historische Dokumente vertieft.
Egal, wie und ob sich die Begebenheit zugetragen hat: Die Bärensäule war und ist das Wahrzeichen Weidenhains seit nunmehr 456 Jahren.

Seit einigen Jahren steht „sie“ auch als Willkommenssymbol an den Ortseingängen. Die Säule und letztendlich ihre Geschichte finden sich darüber hinaus wieder im Leben des Dreiheider Ortsteiles, insbesondere auch als Symbol in den Vereinswappen, unter anderem in dem des Faschingsclubs Weidenhain 2001. „Wir hatten auf unsere ganz eigene närrische Art die Sage sogar mal nachgespielt und davon ein Video gedreht“, bekundet Vereinsvorsitzender René Vetter. Zudem erinnert er sich, schon als Kind mit den Klassenkameraden zur besagten Stelle gepilgert zu sein.

Dass dies noch heute aktuell ist, schildert  Grundschullehrerin Jana Paternoga: „Traditionell besuchen die ersten Klassen das Weidenhainer Wahrzeichen. Mit dem jetzigen Jahrgang war ich im Herbst dort. Bei einem Picknick haben die Kinder staunend erfahren, was sich an diese Stelle zugetragen haben soll.“
Weit über die Grenzen Nordsachsens sind die Sportschützen des Ortes bekannt, die sich ihre Heimatverbundenheit im Namen  tragen: Schützenverein „Bärensäule“ 1990 Weidenhain. Dass das Wahrzeichen und seine Geschichte auch auf der Homepage des „Erlebnisdorfes Weidenhain“  www.Weidenhain.de zu finden ist, versteht sich von selbst.

Auch Dreiheides Bürgermeister Wolfgang Sarembe hat das historische Alleinstellungsmerkmal des Ortsteiles im Blick: „Es ist eine tolle Sache, dass sich so viele Generationen damit beschäftigen und identifizieren. So etwas schafft Gemeinsamkeit. Als Gemeinde unterstützen wir das und kümmern uns regelmäßig um notwendige Pflegearbeiten.“

Sechs Jahre nach dem Erscheinen der erwähnten Weidenhainer Chronik soll – wenn alles klappt – noch in diesem Jahr erneut ein Buch herausgebracht werden, das als Bilderchronik angelegt ist. „Wir nutzen dafür einen Fotoschatz, der 1995 und 2015/16 entstanden ist. Die Motive der Bilder, die zur Fotoausstellung anlässlich der 800-Jahrfeier gezeigt wurden, sind nach über 20 Jahren neu fotografiert worden. Sie zeigen, wie sehr sich Weidenhain verändert – entwickelt hat.  Die Bärensäule hat darin natürlich ebenfalls ihren Platz, die historische Geschichte ist freilich unverändert.


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