Montag, 15. Oktober 2018

 
Donnerstag, 3. Mai 2018

BELGERN-SCHILDAU

Verwaistes Schloss mit ungewisser Zukunft

Erkennt sich noch jemand? Dieses fröhliche Foto ist leider kein aktuelles. Es wurde auf den Tag genau vor elf Jahren aufgenommen, am 3. Mai 2007. Die Tradition des Maibaum-Aufstellens gibt es leider nicht mehr in Kobershain.

von unserer Redakteurin Gabi Zahn

Kobershain. In Kobershain wissen nur noch die Älteren zu erzählen, wie lebhaft es im einstigen Rittergut zuging

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Die älteren Einwohner des kleinen Ortsteiles von Belgern-Schildau können sich noch gut erinnern: „Vor 40, 50 Jahren, da war hier im Schloss noch viel los.“ So plaudern Alfred Pötzsch und Klaus Ackermann, als sie die TZ-Redakteurin auf ihrer Recherchetour treffen.
Aus der Historie
Das Gebäude sei zu DDR-Zeiten eine Weile ein Heim für „schwer erziehbare“ Kinder gewesen: „Da gab es sicherlich auch einige Rabauken, aber die meisten waren sehr in Ordnung und im Dorf gut integriert. Wir haben im Schlosspark gern miteinander gespielt“, blickt Alfred Pötzsch zurück. Dann schüttelt er den Kopf: „Jetzt verfällt alles. Niemand kümmert sich, das ist sehr schade.“
Und tatsächlich: Das Gebäude bietet mitsamt seinem Anwesen einen traurigen Anblick, der durch die aufgestellte Absperrung noch trostloser wirkt. Fast 500 Jahre lang war das einst herrschaftliche Gemäuer ein Wahrzeichen auf der Anhöhe im Ort. Seit mehr als 20 Jahren ist es verwaist. Der Landkreis hat einen privaten Käufer gefunden, der eigentlich, so heißt es, investieren wollte. Dafür gibt es aber keine Anzeichen.
Das Kobershainer Schloss – ein Rittergut, dessen früheste Nennung aus einer Urkunde von 1510 hervorgeht, hatte eine wechselvolle Geschichte. Als erster Besitzer wird Ritter Hans von Kobitz erwähnt, dem auch die 14 Hufengüter des Dorfes gehörten. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) soll ganz Kobershain verwüstet worden sein. 1695 folgte Georg Wilhelm von Milckau, der es wunschgemäß vom sächsischen Kurfürsten übertragen bekam. Mit Johann Zschusche wird 1715 erstmals ein nichtadliger Besitzer erwähnt, dem auch das Rittergut Langenreichenbach gehörte. Über weitere Eigentümer-Generationen hinweg vergrößert sich das Gut stetig, im Jahr 1913 unter Luise von Brisen bis auf 285 Hektar Land, zu dem unter anderem auch 304 Schafe  gehörten.

Jubiläumschronik liefert Quellen

„Mit dem Generaldirektor der Leipziger Flugzeugwerke Dr. Curt Herrmann kam 1920 der letzte Besitzer des nun 298 Hektar umfassenden Rittergutes nach Kobershain. Er blieb bis zur Bodenreform 1945 Eigentümer und Patron über die hiesige Kirche. Wegen Kriegsverbrechen wurde Herrmann enteignet.“ – So ist es in der „Jubiläumschronik 800 Jahre Kobershain 1205 – 2005“ zu lesen. Diesem hervorragend aufgemachten Büchlein, das anlässlich der Festwoche vom 5. bis 7. August 2005 erschien, ist es zu verdanken, dass die Geschichte von Kobershain auf mehr als 100 Seiten für die Nachwelt wunderbar aufbereitet und verfügbar ist – inklusive zahlreicher Abbildungen und Fotos. „Für die Bürger war die Herausgabe des Buches ein besonderer Moment“, so vollzieht Ronald Knoof nach. Der Vorsitzende des Heimat- und Sportvereins Kobershain war einer der Initiatoren, ebenso wie Hans-Joachim Füssel, der die Redaktion leitete. Maßgeblich mitgewirkt haben außerdem Werner Richter, Gerd Härtel und Sandro Mager. Zahlreiche Bürger aus der Region stell ten zudem Material zur Verfügung.
In seinem Chronik-Vorwort führt Hans-Joachim Füssel im Jahr 2005 noch das Schloss des ehemaligen Rittergutes mit seinen Torbauten als sehenswertes Kulturdenkmal auf, ebenso die Kirche aus dem 17. Jahrhundert, den Pfarrhof und die Bockwindmühle. 13 Jahre später, im Jahr 2018, kann dem Verfall schier zugesehen werden.

Auch der Schlosspark ist dicht

In Kobershain wird darüber gesprochen, dass „ein Südafrikaner“, der nach Deutschland übergesiedelt ist, das Schloss erworben haben soll. Gesehen wurde er jedoch nur wenige Male, ebenso wie der Verwalter, und seit längerer Zeit gar nicht mehr. „Schade, das Gut könnte ein Schmuckstück sein. Wir hatten nach der Wende mal das Dorffest im Park gefeiert, aber auch das wurde dann verboten“, resümiert Ronald Knoof. Wenn er über seinen Heimatort erzählt, klingt Stolz und Wehmut gleichermaßen aus seiner Stimme: „Kobershain liegt so idyllisch. Jeder, der hierher kommt, schwärmt von der schönen Lage. Aber es ist sehr ruhig. Im Dorf gibt es keine Gaststätte mehr, keine Einkaufsmöglichkeit und auch keinen Kindergarten. Doch wir haben aktive Feuerwehrleute, Sportler – und aktive Eltern, die jetzt den Spielplatz auf Vordermann bringen.“ Das sei für das Dorf weitaus wichtiger als das verwaiste Schloss. Die TZ berichtete kürzlich darüber und wird diese Eltern-Initiative weiter begleiten.


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