Mittwoch, 21. August 2019
Samstag, 12. Mai 2018

OSTELBIEN

Ein ganz normales anderes Leben

John Gutzmer (Mitte) mit Mike Kühne (links) und Torsten Lehmann beim Unterzeichnen des Ausbildungsvertrages. Foto: privat

von unserer Redakteurin Gabi Zahn

Dautzschen. Es gibt viele Geschichten über  junge Menschen, die ihre Schule beendet haben und sich einen – ihren – Platz im Leben suchen. Die meisten Jugendlichen beginnen mit Elan ihre Berufsausbildung oder ihr Studium, andere absolvieren Praktika oder suchen Erfahrungen im Ausland.

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Wieder andere haben auch erst einmal gar keinen Bock auf irgendetwas und nehmen sich eine Auszeit. Von all diesen Möglichkeiten gab es für John Gutzmer aus Dautzschen zunächst keine einzige. Vor vier Jahren war er lebensgefährlich erkrankt. Die Leser der Heimatzeitung hatten damals Anteil an seinem schweren Schicksal nehmen können. Nach längerer Zeit haben wir ihn wiedergetroffen. So viel vorweg: Es geht ihm besser. Doch erinnern wir uns zunächst:

Angefangen hatte alles im Jahr 2014 mit einer eher harmlosen Zahn-OP. Danach ging es John Gutzmer sehr schlecht. Es zeigten sich gewisse Symptome, die bei den aufmerksamen Ärzten im Torgauer Krankenhaus einen Verdacht weckten. Nach einer großen Blutuntersuchung bewahrheitete sich dieser in dramatischer Weise: John Gutzmer war an akuter myeloischer Leukämie erkrankt. Blutkrebs! Sein Zustand nach der Zahn-OP hatte dies sichtbar gemacht. Etwas später, ohne den Eingriff, wäre es vielleicht zu spät gewesen.

Eine überaus langwierige, mit schier unvorstellbaren Krisen und Rückschlägen behaftete Behandlung folgte. Die Mediziner im Leipziger Universitätsklinikum mussten wahrlich alle Register ihres Könnens ziehen, um sein Leben zu retten, denn der Komplikationen gab es zuhauf: Gehirnblutung, septischer Schock mit Nierenversagen, Not-OP, Darmteilresektion, Wundheilungsstörung, Lungenblutung bis zur Teilresektion der Lunge. Sogar die Schädeldecke musste John teilweise entfernt werden, um den Hirndruck zu minimieren. Die Bauchdecke war über Monate hinweg nur durch eine Folie und Verbände abgedeckt.

Dieses Martyrium heftete sich auch an die Seele. Depressionen blieben nicht aus, mündeten in der Frage: „Warum ich?“ – Er hatte nie Drogen genommen, nie geraucht und nur wenig Alkohol getrunken. Warum also er? Die Antwort kennt er bis heute nicht, und er grübelt auch nicht mehr so häufig darüber nach. Grübeln führt ins schwarze Seelenloch.Da hineinzutappen, davor haben ihn seine Familie, andere liebe Menschen, Ärzte, Schwestern und Therapeuten bewahrt. Vor allem aber sein eigener Lebenswille.

John resignierte nicht, er entwickelte sich zum Kämpfertyp, mobilisierte mithilfe seiner Logopädin sogar wieder sein Sprechvermögen. Zwischenzeitlich war das stark eingeschränkt gewesen. Als die Torgauer Zeitung 2016 unter der Überschrift: „Todkrank, gekämpft, geheilt und nun?“ über seine Genesung schrieb und auch darüber, dass John Gutzmer einen Beruf erlernen möchte, aber keine Lehrstelle findet, gab es spontane Reaktionen und Hilfsangebote.

Eines davon verwandelte sich in einen Ausbildungsvertrag zum Fachinformatiker für Systemintegration. Unterschrieben wurde das wichtige Papier von der Betriebsleitung der Kühne Service GmbH in Bad Düben. Dort hat er nach zwei Lehrjahren eine Zwischenprüfung erfolgreich bestanden und steuert nun das letzte Azubi-Jahr an.Wie bewältigt er den anstrengenden Alltag?

Was hat die Krankheit mit ihm gemacht, oder anders gefragt: Was macht er mit der Krankheit? Zuallererst lächelt John auf diese Fragen und bekundet: „Es geht mir besser.“ Stolz erzählt er, was ihm Oberarzt Dr. Thomas Zehrfeld im Torgauer Krankenhaus jüngst mitteilte: „Nach einer Knochenmarkpunktion hat er mir versichert, dass bei mir keine Hinweise auf Leukämie mehr gefunden wurden.“ Das war die gute Nachricht.

Es folgte ein „Aber“:  „Leider habe ich zu hohe Eisenwerte im Blut. Deshalb muss ich weiterhin Medikamente nehmen.“ Der junge Mann jammert und klagt nicht, sondern wägt ab: „Vielleicht haben das die zahlreichen Bluttransfusionen verursacht. Aber ohne sie würde ich nicht mehr leben.“

Und LEBEN will er. Johnny, so wie er in Dautzschen überall genannt wird, muss das ganz normale Leben jedoch ruhiger angehen als andere junge Menschen: „Ich fahre früh gegen fünf Uhr los, um relativ zeitig wieder zu Hause zu sein. Der Tag schlaucht. Zuhause trinke ich Kaffee mit der Familie, dann lege ich mich eine Weile hin“, beschreibt er seinen Alltag.

Die gemeinsame Kaffeestunde ist für die Gutzmers zum Ritual geworden. John lebt bei seinen Eltern und dem Bruder. Sie sind, was eine Familie sein sollte: miteinander vertraut, einander helfend und haltend. Leise sagt er:  „Als ich noch in der Uniklinik war, ist meine Mutter von ihrer Arbeitsstelle in Packisch bei Arzberg täglich nach Leipzig gefahren, um mich zu besuchen. Erst anschließend fuhr sie nach Hause ...“ Den Satz vollendet er für sich, und hat es wohl schon unzählige Male getan: „Danke, von Herzen dankeschön dafür!“ Sehr wahrscheinlich hat die Mutter ihm mit ihrer Fürsorge ein zweites Mal auf die Welt verholfen – diesmal um ins Leben zurück zu kommen. John blickt nach vorn, will die Ausbildung gut zu Ende bringen und dann als Computer-Fachmann in die Berufspraxis einsteigen. Wir drücken ihm die Daumen.


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