Mittwoch, 19. Dezember 2018

 
Donnerstag, 27. September 2018

TORGAU

Funkenflug hatte ganze Wälder zunichte gemacht

Von Dr. Hans Brock

Torgau/Herzberg. Der langjährige Torgauer Mediziner Dr. Hans Brock berichtet über Kindheitserlebnisse – 1945/46

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Torgau/Herzberg. Zeitweise wohnte in der Nachbarschaft auch ein spindeldürrer Mann namens R., „ein arbeitsloser Invalide“, wie er sich selbst bezeichnete. Ob er wirklich einem KZ entkommen war, blieb offen. Solange wir in Grochwitz wohnten, bis zur Zeit meines Abiturs, zog er mich immer wieder ins Gespräch und versuchte mich zu seinem allumfassenden Skeptizismus, zu seiner gerade zu zynisch-nihilistischen Weltsicht zu bekehren, die er durch die Schilderung grausiger Kriegserlebnisse untermauerte. Ein Ausweichen war nicht möglich, denn unsere Kleintierställe und unser Holzschuppen, vor dem wir Holz hackten, befanden sich gleich daneben.

Er pflegte mich mit seinen bedeutungsvoll aufgerissenen Augen aus seinem hohlwangigen Gesicht mit dem nahezu festgefrorenen sarkastisch-hochmütigen Lächeln zu fixieren und unterstrich seine Worte immer wieder mit einem nachdrücklichen: „Nicht wahr, Hans Brock?!“ Offenbar litt er an Langeweile, ich war sein einziges Publikum, das ihm eine Bühne zu bieten vermochte, und da er zumindest für den Augenblick stets Eindruck auf mich zu machen verstand, fand er darin ein gewisses Maß an Selbstbestätigung. Er soll nicht mehr lange überlebt haben, es hieß, er habe Tuberkulose oder Krebs.

In dieser Ecke des Gutshofes hatte auch ein ehemaliger Landarbeiter gesiedelt. Seine Frau erschien verbraucht und verhutzelt und uralt, obwohl sie es nicht sein konnte. Der Bauer selbst war wohl nicht sehr tüchtig, in unseren Augen war er schlichtweg faul. Nicht faul war er mit seinen Besuchen bei einer alleinstehenden Flüchtlingsfrau, die mit ihren x Kindern ebenfalls im Seitenturm des Schlosses, gleich gegenüber von uns, einen kleinen Raum bewohnte. Ihr war der Männerbesuch so wichtig, dass sie notfalls ihren Kindern noch etwas von der spärlichen Verpflegung abknapste.

Einmal hatte ich bei ihr etwas auszurichten, da saß er dort als einziger am Tisch und schaufelte gierig die Suppe in sich hinein, wohl als Lohn nach getaner Arbeit – so wie wir dem Besitzer des Ziegenbocks nach dem Decken unserer Ziege ein Naturalentgelt zu entrichten hatten. Bei der Aufteilung waren zwischen den neuen Gehöften auch Durchgänge entstanden, auf die niemand Anspruch erhob, so durch eine nunmehr leerstehende Scheune hindurch. Auf diesem Weg gelangte man auch zu einer sanft zu einem kleinen Teich hin abfallenden Brachfläche, wo einmal Schweinekoben gestanden haben sollten.

Dieser gut vorgedüngte Boden wurde unser Garten. Zunächst war hier gründlich umzugraben, dann säten wir Gemüse an, vor allem aber Erbsen, Bohnen und Mohn, wovon wir uns Vorräte für den Winter versprachen. Und zu Recht. Wir hatten eine üppige Ernte, so viel eben der kleine Schlag hergab. Dafür hatten wir aber in diesem trockenen Sommer unaufhörlich zu gießen. Das war meine Aufgabe. Ich wendete täglich mehrere Stunden daran, in den Teich hineinzuwaten, Wasser zu schöpfen und zu den Beeten hinaufzutragen. Selbstverständlich barfuß, ich hatte damals eine solche Hornschicht unter den Fußsohlen, dass ich selbst dann nichts spürte, wenn sich ein Nagel ins Innere des Schuhs durchgespießt hatte. Diese unablässige körperliche Arbeit kam mir gelegen, um meine innere Unruhe zu bewältigen, und sie war wohl auch ein willkommener Vorwand, Kontakten mit anderen Menschen auszuweichen, zumal mit Gleichaltrigen, die ich im Augenblick nicht so recht gebrauchen konnte...

Trotz des heißen Sommers versäumten wir nicht, für die Kälte des nächsten Winters  vorzusorgen. Entlang der Bahnstrecken waren durch Funkenflug ganze Wälder, auch relativ junge Bestände, in Brand geraten und ragten nun, Totenfeldern gleich, als kohlschwarze Pfähle in den Himmel. Die Förstereien waren daran interessiert, sie so, wie sie waren, gegen geringes Entgelt zum Abholzen freizugeben. Auch wir kauften einen solchen Schlag. Peter und ich zogen mit Äxten und Handwagen in den Wald, fällten unsere Bäume, entästeten sie und schichteten die Stämme auf. Später holte sie uns der bekannte Bauer mit seinem Gespann ins Dorf. Im Augenblick interessierte uns nur, dass wir trotz Hitze und Hunger und nahender Erschöpfung unsere Arbeit geschafft hatten. Wir waren inzwischen am ganzen Körper kohlschwarz, völlig verschwitzt und total überhitzt. Aber auf dem Heimweg, vorbei am Panzerwrack am Waldrand bei Frauenhorst, fühlten wir uns wie berauscht, sangen sogar aus voller Kehle. Und kurz vor Grochwitz tauchten wir, wie wir waren, in voller Länge in den Mühlgraben ein, die Krönung eines erfolgreichen Tagewerks.

In unseren kleinen Ställen hielten wir Hühner – soweit uns die Küken beim Umgraben des Gartens nicht zu unvorsichtig vor die Spaten gehüpft waren, sie waren schon bei der geringsten Berührung mit einem Erdklumpen tot. Aber einige Eier konnten wir doch noch ernten. Noch wichtiger war uns unsere Ziege, genannt „Meckerle“. Das Melken übernahm recht geschickt wieder der künftige Landwirt, Peter, nur aushilfsweise durfte ich mich mal damit versuchen und bekam immerhin ein paar Tropfen aus dem Euter. Futter für das Tier fand sich reichlich im ungenutzten Schlosspark.

Mit Vorliebe führte unser Vater die Ziege aus, und während sie die Blätter von den Büschen herunterfraß, konnte er sich ungestört seinen Gedanken hingeben. Die Ziege, dort angebunden allein zu lassen, war nur ausnahmsweise und für kurze Zeit möglich, sie verhedderte sich binnen kurzem so sehr in einem Gewirr aus Buschwerk und Strick, dass man um ihr Leben fürchten musste. Mit der Ziegenmilch konnten wir unseren Frühstücksbrei anreichern: das waren mittels einer Handkaffeemühle mühsam zerschrotete Getreidekörner, unsere Ausbeute vom Ährenstoppeln oder auch einmal eingetauscht bei einem Bauern.

Aber die Kontaktfreudigkeit unserer Mutter sorgte dafür, dass wir auch in der Zeit zwischen dem Lehrgangsende und dem Schulbeginn im Herbst unter die Menschen kamen. Unsere besten Bekannten waren inzwischen N.. Sie bewohnten ein Einfamilienhaus in Herzberg. Und sie waren äußerst hilfsbereit, vermittelten uns Beziehungen, halfen mit Kleidung für uns Jungen aus, die wir nur allzu rasch aus unseren Sachen herauswuchsen.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
09.01.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
16.01.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Weiterbildungsstipendium
23.01.2019, 18:00 Uhr - 23.01.2019
Neujahrsempfang: Gemeinsam für die Region
23.01.2019, 19:00 Uhr - 23:00 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
29.01.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Erfolgreiche Unternehmensstrategie
31.01.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Branchentreffen für Unternehmen der Pflegebranche
05.02.2019, 09:30 Uhr - 14:30 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
05.02.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.02.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
12.02.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Gründerabend
13.02.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Treffpunkt für Unternehmen: E-Commerce
04.03.2019, 09:00 Uhr - 10:30 Uhr
IHK-Elternabend
05.03.2019, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.03.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
13.03.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
10.04.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
10.04.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
08.05.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
08.05.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
05.06.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
12.06.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
10.07.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
10.07.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
07.08.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
07.08.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
11.09.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
18.09.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
09.10.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
16.10.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.11.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
06.11.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

So schenkt Torgau

Wir sind die Guten

Festtagsmagazin

INFOS & EMPFEHLUNGEN