Mittwoch, 17. Juli 2019
Freitag, 28. September 2018

TORGAU

"Das Flako war mit Stasi-Spitzeln durchdrungen"

Dr. Helmut Müller-Enbergs (l.) sprach bereits vor der Veranstaltung mit den Zuhörern. Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau.  Diesen Einstieg kannten bereits viele. Dr. Helmut Müller-Enbergs verbreitete in dieser Woche erneut Endzeitstimmung: Ja, er komme aus Westfalen, säuselte er seinen etwa 100 Gästen zu.

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Das Schlimme sei aber, dass er auch noch überzeugter Westfale sei. Doch kann ein überzeugter Westfale tatsächlich über die Machenschaften der DDR-Staatssicherheit in Torgau berichten? Und ob! Müller-Enbergs Vortrag – vom Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau wegen der hohen Zahl der Voranmeldungen dorthin verlegt, wo sonst der Kreistag tagt – kam an. Unterhaltsam bis zur letzten Minute. Hier und da bewusst auf Lacher setzend, gleichwohl aber betonend, dass es auch viele in Torgau gegeben habe, die über die Arbeitsweise der Stasi überhaupt nicht lachen konnten.

Enges Geflecht

Müller-Enbergs referierte zuletzt im April vor vollbesetzten Reihen im DIZ. Etliche Besucher erhielten wegen fehlender Sitzplätze an jenem Abend aber keinen Einlass. So verwunderte es nicht, dass DIZ und der Politologe nochmals den Fokus auf die Torgauer Kreisdienststelle der Staatssicherheit legten. Diesmal mit dem Schwerpunkt auf das enge Stasi-Geflecht im einstigen Flachglaskombinat, dem mit mehr als 2700 Beschäftigten mit Abstand größten Betrieb in der Region.

„Wenn Sie die Zutaten für das dortige Stasi-Rezept wissen wollen, müssen Sie sich nur die beiden Diplomarbeiten der Offiziere der Kreisdienststelle Torgaus, Jürgen Gräber und Jürgen Papst, durchlesen“, sagte Müller-Enbergs. Diese hätten auf jeweils mehr als 70 Seiten Empfehlungen ausgesprochen, wie der Betrieb noch besser durchdrungen werden könne. Gräber galt dabei als Stasi-König vom Flako. Niemand habe mehr über dieses Kombinat gewusst als er.

50 IMs

Das Flako zählte etwa 50 Inoffizielle Mitarbeiter und war von diesen regelrecht durchlöchert worden. Dabei hatten es die Spitzel zumeist nicht auf den kleinen Facharbeiter abgesehen. Vielmehr ging es nach Angabe Müller-Enbergs darum, die Betriebsspitze zu kontrollieren. Erst recht, als der Bau einer neuen, teuren Floatglasanlage anstand. Diese sollte die bis dahin in der DDR aufgelaufene Fehlmenge von 5 Millionen Quadratmetern Tafelglas kompensieren und noch ein bisschen für den Export erübrigen.

Müller-Enbergs zeichnete auf Grund der wenigen erhaltenen Aktensplitter keinen lückenlosen Ablauf der Arbeit „der Firma“. Vielmehr beließ er es beim Blättern durch seinen Infostapel bei einer lockeren Aufzählung, die mit dem einstigen Flako-Direktor (1980) Genosse Z. ihren Anfang nahm. Z. soll nach Einschätzung der Stasi  zu nah am Klassenfeind, der Firma Scholl aus der BRD, agiert haben. Er hatte Warnungen in den Wind geschlagen und sich vor Messen mit Scholl-Geschäftspartnern in Hotels in Dresden, Leipzig und Berlin getroffen, was ihm den Verdacht der Korruption einbrachte und 1983, kurz vor der Leipziger Messe, zur sofortigen Abberufung durch den damaligen Generaldirektor führte.

Und dann war da noch die Geschichte einer Abteilungsleiterin, die von der Stasi als inkompetent beschrieben wurde. „Eine Frau, die nicht in der Lage war, Mitarbeiter anzuleiten. Überheblich, arrogant, unnahbar. Trotzdem hatte sie uneingeschränkten Zutritt zu den höchsten Führungsetagen im Betrieb. So etwas schafft Unsicherheit“, sagt Müller-Enbergs. Was letztlich mit jener Frau passierte, habe er nicht untersucht. Allein die Notiz sei ist aber ein Beleg, dass das MfS recht genau über innere Prozesse von Flako informiert gewesen sei.

Aufdecken

Und trotzdem, die Arbeitsweise der Stasi im Flako erweckte vielfach den Anschein, wirtschaftliche Fehltritte aufdecken zu wollen, so zum Beispiel als die falsche Lagerung eines Klebers 300000 Mark an Schaden zur Folge hatte oder die Ursachenermittlung bei einem Trafo-Brand im Jahre 1981 zur Erkenntnis kam, dass wegen mangelhafter Wartung ein Schaden von 10000 Mark entstand. Heute würde man diesbezüglich wohl von Qualitätsmanagement sprechen, sagte Müller-Enbergs gegenüber der Torgauer Zeitung.

Der Referent aus Westfalen vermied es auch am Mittwoch, allzu viele Klarnamen von Stasi-Beschäftigen zu nennen. Dies würde angesichts der knapp 1000 Inoffiziellen im Kreis Torgau, also mit denen von Bezirks- und Zentralebene des MfS, eine Asymmetrie hervorrufen und einem Pranger gleichkommen.

Dienstältester IM

Warum er dennoch explizit auf Werner Klage (Deckname „Klug“) einging, habe einen Weltklasse-Grund: Klage, seit den 50er Jahren Mitglied der CDU und Kreisvorsitzender noch dazu, habe sich am 8. September 1950 aus Überzeugung zur Kooperation verpflichtet. Seinen letzten Bericht verfasste er am 3. Oktober 1989. „Fast 40 Jahre... Der 1915 geborene Klage war der dienstälteste IM den ich kenne. Einer, der das sozialistische Zäpfchen ganz tief eingeführt bekommen hatte“, sagte Müller-Enbergs.

Pläne für Internierungslager

Mit jener Personalie vermochte es der Referent jedoch weniger zu schocken – im Gegensatz zu den Informationen rund um ein geplantes Internierungslager für Bundesbürger in Torgau. Unterleutnant Klaus-Jürgen Rost war hierzu noch am 12. September 1989 in einer Konzeption als Vizechef des Lagers vorgesehen. Diese Idee fußte auf Plänen aus dem Jahr 1983 – einer Hochphase des Kalten Kriegs. In jenem Moment, wenn der Westen die Grenze zur DDR überschritten hätte, wären binnen 24 Stunden Bundesbürger im damaligen Sportlerheim in der Dahlener Straße interniert worden. Der Eigentümer hätte sich eine neue Bleibe suchen müssen. „Der hatte überhaupt keine Ahnung davon“, sagte Müller-Enbergs. In vier Zimmer auf 67 Quadratmetern, einem Saal (206 Quadratmeter) und einem Gastraum (258 Quadratmeter) sollten bis zu 60 Personen untergebracht werden. Die Volkspolizei sollte mit sieben Polizisten das Objekt rund um die Uhr bewachen, den Transport der Internierten durchführen. Der Rat des Kreises hätte zudem 10 Mitarbeiter abstellen müssen, von denen wohl auch niemand davon etwas ahnte: 3 Köche, Reinigungskräfte, 1 Kraftfahrer. Selbst die einzuschleusenden IMs „Harras“ und „Kreis“ standen namentlich schon fest. Die von Wittenberg bis Dresden entlang der Elbe festgesetzten Bundesbürger, von denen viele auf Verwandtschaftsbesuch oder aus anderen Gründen im Osten waren, sollten im Kriegsfall als Faustpfand herhalten.

Müller-Enbergs hätte seinen Vortrag vermutlich kinderleicht um Stunden überziehen können. Allein der kurze Ausflug in die Kooperation zwischen der Stasi und dem russischen Geheimdienst KGB war derart spannend, dass – je nach Aktenlage – allein hier noch einmal Potenzial für einen nächsten Vortrag schlummern dürfte.

 

 


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