Dienstag, 11. Dezember 2018

 
Montag, 19. November 2018

TORGAU

Aus der "Hölle von Torgau" ans Licht gekommen

Die Künstlerin ist selbst Betroffene: Katrin Büchel.Foto: TZ/Gabi Zahn

von unserer Redakteurin Gabi Zahn

Torgau. Festveranstaltung 20 Jahre Gedenkstätte „Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ würdigte am Wochenende die einzigartige Aufarbeitung von DDR-Unrecht im Geschlossenen Jugendwerkhof. Mehr dazu hier.

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TORGAU. „Was nicht gepasst hat, wurde passend gemacht!“ Scharf dringen diese Worte in der Grußansprache von Roland Jahn durch die dichtbesetzten Sitzreihen der Alltagskirche in die Ohren der Frauen und Männer. Alle wissen: Er meint nicht etwa einen groben Holzklotz oder ein Werkstück. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheits- dienstes der ehemaligen DDR spricht von jenen 4046 Jugendlichen, die zwischen 1964 und 1989 zur „Umerziehung“ in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingewiesen wurden. Diese jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren wurden „passend gemacht“. Mit körperlicher Gewalt, Drill, Repressalien, Demütigung, Intrigen, entwürdigenden Ritualen, auch mit sexueller Gewalt. So artete sozialistische Erziehung im DDR-Regime aus.

... und keiner hat was mitbekommen

Genau 29 Jahre, nachdem der letzte Jugendliche am 17. November 1989 aus der Torgauer Anstalt entlassen wurde, gab es am Samstag, 17. November 2018, eine Festveranstaltung zum 20jährigen Bestehen der „Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ (GJWH). Sie umrahmte das nunmehr 16. Treffen ehemaliger Heimkinder und begann mit einem Festakt am Vormittag in der Torgauer Alltagskirche. Roland Jahn erinnerte an zehntausende Biografien, die von der Willkür der DDR-Diktatur gezeichnet wurden und bis heute geschädigt sind. Und: Von allen Jugendwerkhöfen und Heimen sei Torgau jedoch am Härtesten, Unbarmherzigsten gewesen, bekannt als „Hölle von Torgau“. Und er fragt, was in vielen Köpfen weiterhin rumort: Was war los in Torgau, dass anscheinend keiner etwas mitbekommen hat?“

Eine Antwort bleibt aus. Sie ist wohl auch künftig nur mit den diktatorischen DDR-Scheuklappen zu erklären, die jeden intensiveren Blick als staatsfeindlich gewertet hätten.

Gabriele Beyler, Vorstandsvorsitzende der Initiativgruppe, hatte die Gäste herzlich begrüßt. Und gleichwohl sie aus unzähligen Gesprächen die Schicksale ehemaliger Heimkinder kennt und weiß, was sich hinter den Mauern, in den Arrestzellen, bei der sportlichen Ertüchtigung an der „Sturmbahn“ und in den „Sanitärräumen“ zugetragen hat, ist sie während des Festaktes und auch anschließend in der Gedenkstätte sichtlich berührt von den herzlichen Begegnungen – und den allzu schmerzlichen Erinnerungen. Die Ehrengäste, vor allem Politiker und Vertraute, die den langen und beschwerlichen Weg des einstigen Jugendwerkhofes hin zur bundesweit einzigartigen Gedenkstätte fördernd begleiteten, haben die Einladung zum Festakt sehr gern angenommen. Doch im Mittelpunkt stehen die Betroffenen. Denn hauptsächlich ihr Mut war der Auslöser dafür, dass die unfassbar leidvolle DDR-Heimerziehung überhaupt zum Thema wurde. 

Bundesweit etabliert

Dr. Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, würdigte das ehrenamtliche Engagement der Initiativgruppe. Sie überbrachte herzliche Grüße von Ministerpräsident Kretschmer. Er hatte die Gedenkstätte unlängst besucht. Dr. Stange kündigte an, dass der Freistaat künftig noch besser unterstützen wolle. Schließlich sei es dem hartnäckigen Dranbleiben von Gabriele Beyler und ihren Mitstreitern zu verdanken, dass die Institution als wichtiger Erinnerungsort der DDR-Geschichte innerhalb der Gedenkstättenlandschaft auch bundesweit etabliert werden konnte.

Torgaus Oberbürgermeisterin Romina Barth nutzte die Chance, vor allem das ehrenamtliche Wirken zu würdigen. Die Einrichtung habe im heutigen Torgau, der Stadt der Renaissance und der Begegnung, einen festen, mahnenden Platz erhalten. Dieser Teil der Geschichte sei dunkel und brauche deshalb Öffentlichkeit.

Prof. Bernd Neumann, Staatsminister a. D., schloss sich diesem Gedanken an: Es müsse noch mehr zur Aufgabe gemacht werden, solche Orte und Geschehnisse in die Wahrnehmung der Menschen zu rücken. Er sprach aus eigener Erfahrung: Für ihn habe der 3. September 2008, der Tag, an dem er zum ersten Mal die Torgauer Gedenkstätte besucht habe, Grundsätzliches verändert. Damals erklärte er sich spontan bereit zu unterstützen – und er tat es vielfach, wie Gabriele Beyler bekräftigte.

Markus Meckel, Vorsitzender des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: „Wer das hier einmal erlebt hat, den lässt das nicht mehr los.“ Die Opfer kommunistischer Herrschaft müssten viel mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt werden. Das sei längst nicht in vollem Umfang geschehen. Meckel plädiert zudem für eine Gesetzesänderung, die auch DDR-Heim-Kindern, die bis zu einem halben Jahr zwangseingewiesen wurden, eine Opferrente ermöglicht. 

 

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