Sonntag, 21. Juli 2019
Mittwoch, 19. Dezember 2018

NORDSACHSEN

Wölfe sind unsere Nachbarn

Dieser junge Wolf wurde per Wildkamera, auch „Fotofalle“ genannt“, zwischen Lausa und Taucha abgelichtet. Foto: Privat

Von Norbert Töpfer

Nordsachsen. Geht von Wölfen wirklich eine Gefahr für den Menschen aus? Die TZ sprach mit Experten aus der ganzen Region und bekam eine recht eindeutige Antwort.

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Sechs Damwild-Jungtiere wurden am Samstag-Morgen im Gatter von Lutz Sommer in Schildau tot aufgefunden. Die Einschätzung der Experten: Hier hat höchstwahrscheinlich ein Rudel Wölfe zugeschlagen. Der Vorfall war der erste, bei dem Wölfe in ein Wildtiergatter eingedrungen waren. Wolfssichtungen und auch Wolfsrisse beschäftigen die Menschen in Nordsachsen jedoch schon deutlich länger. Die Rückkehr der pelzigen Raubtiere nach Deutschland wird auf das Jahr 2000 datiert.

Und auch, wenn der erste angebliche Wolfsangriff auf einen Menschen Ende November im niedersächsischen Steinfeld nicht als ein solcher bestätigt werden konnte, herrscht in der Bevölkerung, auch in Nordsachsen, eine gewisse Beunruhigung. Zumal es in dieser Region inzwischen bestätigterweise mindestens drei Wolfsrudel gibt.

Die Zahl der Wölfe steigt an

Die TZ sprach mit Experten aus der Region Torgau, für die es keine Überraschung ist, diesen Raubtieren zu begegnen. Alle Insider, die sich in den Wäldern und auf den Wiesen der Umgebung Torgaus auskennen, bestätigen, dass die Zahl der Wölfe gestiegen ist. Sorgen haben vor allem die Schäfer, deren Tiere schon oft von Wölfen gerissen wurden.

Torgaus Stadtwaldförster Mario Kralisch, der beim Staatsbetrieb Sachsenforst angestellt ist, bestätigt, dass sich im Pflückuffer Wald Wölfe aufhalten. „Das ist aber kein Rudel, sondern es sind einzelne Tiere. Einer dieser Wölfe, ein Rüde, wechselt öfter zwischen Pflückuffer Wald und Mittelheide (Anm. d. Red.: Gebiet zwischen Staupitz und Taura). In diesem Bereich ist er öfter gesehen worden, sogar am Tage auf der Straße. Im Bereich Pflückuff haben wir schon einige Tierreste gefunden, die von Wolfsangriffen zeugen. Auch Jäger berichten von Risssichtungen.“

Diese Einschätzungen von Kralisch betreffen das vergangene halbe Jahr. Der Förster hat letztmalig einen Wolf am 30. November dieses Jahres in Torfhaus bei einer Jagd zu Gesicht bekommen. „Dieses Tier ist durch das Treiben mitgewandert.“ Er ist sich sicher, dass die Anzahl der Wölfe in der Region gestiegen ist.

Trotzdem rät der Förster Leuten nicht ab, in den Wald zu gehen. „Ich bin jeden Tag draußen und empfinde sie nicht als Gefahr. Das muss aber jeder für sich entscheiden.“ Er ist der Meinung, dass Wölfe in unserer Region heimisch geworden sind. Kralisch meint damit das Wolfs-Revier der Dahlener Heide, das insgesamt deutlich größer ist als der Pflückuffer Wald. „Es kann in unserer Region von 75 bis zu 250 Quadratkilometer groß sein.“ Der Stadtwaldförster berichtet zudem von einem sogenannten reproduzierendem Rudel in der Dahlener Heide. „Im Bereich zwischen Taura, Sitzenroda und Reudnitz leben diese Tiere. Das ist ein Rudel, das Welpen großgezogen hat, die inzwischen als Jungwölfe gelten. Es wurde öfter bei Jagden gesichtet.“

Ein Elektrozaun reicht nicht aus

Michael Schmutzler aus Torgau ist seit 50 Jahren Jäger. „Den letzten Wolf habe ich vor einem Jahr im Pflückuffer Wald gesichtet. Seitdem habe ich nur gerissenes Reh- und Rotwild entdeckt. Ich habe von Jägern gehört, die im vergangenen Jahr bei Treibjagden in der Region Dahlen vom Hochstand aus aufgescheuchte Wölfe gesehen haben“, erzählt der Rentner.

Daniel Hissung weiß, dass sich Wölfe in Nähe seiner Schafskoppel in Ostelbien aufhalten. „Aber selbst zu Gesicht bekommen habe ich noch keines dieser Raubtiere. Doch ich habe an den Spuren gesehen, dass wir Wölfe als Nachbarn haben. Ein Schäfer von uns hat von weitem mal einen Wolf gesehen“, berichtet der 40-Jährige, der im Beilroder Ortsteil Last eine Schäferei und einen Landschaftspflegebetrieb führt. Sein Schafbestand umfasst ca. 850 Tiere. Bisher schützte er seine Schafe in der Nachtkoppel, auch Ferch genannt, mit einem 1,20 Meter hohen elektrisch gesicherten Weidezaun. „Das reicht jedoch auf Dauer nicht aus. Bisher haben wir noch Glück gehabt, hatten bei uns noch keine Übergriffe von Wölfen. Aber irgendwann greifen sie auch unsere Tiere an“, sagt Hissung und fügt an. „Deswegen haben wir Herdenschutzhunde, die sich zum Schutz der Schafe in unserer Nachtkoppel aufhalten.“ Tagsüber werden die Tiere vom Schäfer mit Hilfe seiner Hütehunde betreut, während die Herdenschutzhunde in der Koppel bleiben. Hissung glaubt, dass die Wölfe bald auch am Tage Schafherden angreifen werden. „Das ist nur eine Frage der Zeit.“

Ein regelrechtes Wolfskonzert

„Wir haben die Wölfe soeben heulen gehört“, sagt der erfahrene Jäger Fritz Potzelt (64), der gerade von der Jagd kam, als er von der TZ angerufen wurde. „Wir waren zwischen Taura und Lausa unterwegs. Da ging das Wolfskonzert los. Das war ein Rudel und weiter oben in Richtung Belgern hat ein Wolf geheult und damit geantwortet.“ Potzelt glaubt, dass inzwischen mehr Wölfe als vor Jahren hier heimisch geworden sind. „Aber genau bestimmen kann man es nicht, weil ein Wolf sehr großräumig lebt. Ich vermute, dass der Bestand höher ist, als von Experten geschätzt. Manche Tiere werden von den Wildkameras auch mehrfach fotografiert.“

Allerdings räumt Potzelt ein, dass ein Rudel, wenn es einmal ansässig ist, sein Territorium verteidigt. Jedoch würden aus seiner Sicht immer wieder Einzelwölfe auf der Suche nach einem Revier Gebiete Nordsachsens aufsuchen. Diese Tiere wollen meist ein neues Rudel „gründen“. Potzelt ist sich sicher: „Der Wolfbestand vergrößert sich jedes Jahr um 30 Prozent. Ich glaube, dass das ansässige Rudel aus der Dahlener Heide oder auch einzelne Wölfe aus der Dübener Heide unseren Torgauer Wald durchstreifen. Für das Ansiedeln eines Rudels ist das Territorium des Pflückuffer Waldes nicht groß genug. Das könnte zu Überschneidungen mit anderen Wolfsrudeln führen. Daher müssen wir abwarten, was passiert.“
Wann Potzelt selbst zum letzten Mal einen Wolf gesehen hat, weiß er nicht: „Ich habe die Wölfe immer per Wildkamera abgelichtet. Die Fotos schicke ich ans Forstamt.“ Er klärt auf: „Inzwischen wird bei jeder Jagd, die wir in der Dahlener Heide hatten, mindestens ein Wolf gesichtet.“

Der mit dem Wolf joggt

Michael Rentsch aus Sitzenroda hatte bereits mehrfach Kontakt mit Wölfen. Auf seinem Grundstück am Ortsrand nahe dem Wald setzte er einen neuen Elektrozaun, weil wahrscheinlich Wölfe den alten Zaun unterhöhlt hatten. „Sie waren offenbar bei uns im Garten. Es waren auch einige deutliche Spuren zu sehen. Aber sicher bin ich mir nicht“, erklärt der 40-jährige Unternehmer (ATMOS Zentrallager GmbH). Beim Joggen hatte er bereits öfter Kontakt mit den Raubtieren. „Vor einigen Wochen liefen plötzlich drei Wölfe neben mir. Es gab es aber keinerlei Probleme, obwohl ich meinen Labrador dabei hatte. Es kam auch keine Angst auf, als mal ein Wolf einige hundert Meter neben uns hertrabte.

Ich bin den Tieren bestimmt schon fünfmal im Wald begegnet. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie aggressiv sind. Bei einem weiteren Kontakt waren die Tiere offenbar genauso erschrocken wie wir Läufer. Deswegen werde ich auch weiter durch den Wald joggen. Aufgrund meiner Erfahrungen schätze ich Wölfe als scheue Tiere ein.“ Zudem erzählt Rentsch von nächtlichen Geräuschen. „Die Wölfe haben nachts in Nähe unseres Grundstücks so laut geheult, dass wir wach geworden sind.“

 

Info

In diesem Jahr (Stand: 22.10.2018) wurden dem Wolfsmanagement im Freistaat Sachsen 104 Schadensfälle an Haus- und Nutztieren gemeldet. In 54 Fällen war der Wolf als Verursacher wahrscheinlich bzw. nicht auszuschließen. Dabei wurden insgesamt 145 Tiere getötet, 16 sind vermisst und 34 verletzt. 18 Fälle sind derzeit noch in Bearbeitung. Betroffen waren hauptsächlich Schafe und Ziegen (170), teilweise Damwild (18), außerdem ein Rind, ein Hund und zwei Kaninchen. (Quelle: „Aktuelle Informationen zu Wölfen in Sachsen“, Landkreis Nordsachsen)

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