Donnerstag, 20. Juni 2019
Donnerstag, 20. Dezember 2018

TORGAU

Mythos weihnachtlicher Kindersegen?

Was ist dran am Mythos des weihnachtlichen Kindersegens?Foto: pixabay

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Torgau. Was glauben Sie? Werden an Weihnachten tatsächlich mehr Kinder gezeugt, als an anderen Tagen im Jahr? In Großbritannien bitten Hebammen inständig um Zurückhaltung - aber wie sieht es in Sachsen und direkt hier, in Torgau, aus?

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Torgau. Das Gerücht, diese Erscheinung wäre global, hält sich hartnäckig und man muss zugeben: Plausibel wäre es ja, wenn das Fest der Liebe sich nciht nur in teuren Geschenken, aufmerksamen Gesten oder gemeinsamem Pläneschmieden ausbreiten würde, sondern auch bis in die Schlafzimmer vordrängte.

 

Unter allen Decken ist Ruh‘?

 

Aber nichts da! Im Gegenteil: Die kollektivsächsische Libido hatte im vergangenen Jahr (2017) im bundesweiten Vergleich sogar einen Knick da, wo man den Boom erwarten würde. So wurden im September und Oktober nur insgesamt 6400 Babies in die Welt gehoben. Zum Vergleich: im Juli und im August sind es zusammen 600 kleine Menschen mehr gewesen. Was uns das über den Sex unterm Weihnachtsbaum im Freistaat sagt? Na zumindest scheint die Wahrscheinlichkeit, eine Kuscheleinheit aufs nächste Level und in lusterfüllte Höhen zu heben, im Herbst um einiges höher zu sein. Dem Fest der Liebe geht ein Herbst der Triebe voraus.

 

Aber es hat ja auch eine gewisse Logik: Nach dem Sommer, in dem man temperaturbedingt viel von den weiblichen wie auch männlichen Körpern sieht und zum Zweck der Partnersuche oder reinen sexuellen Annäherung zeigt– textilbedingt – gewöhnt sich nicht nur das Auge, sondern auch die Lustzentrale im Hirn bald an den Anblick dessen, was verhüllt doch noch einen gewissen Reiz ausmachte. Schon alltägliche Umarmungen gehen mit direktem Hautkontakt einher – stellen Sie sich mal vor, das würde Sie jedes Mal erregen!
Dann aber, wenn die Tage wieder kürzer, die Ärmel wieder länger werden, verschwinden unsere sekundären Geschlechtsmerkmale allmählich unter dem, was die Fantasie wirklich anregt: Kleidung. Es wird kühler, wir suchen die körperliche Nähe schon allein aus Wärmegründen – Beispiel feminine Eisfüße auf der Pirsch nach maskulin heißblütigen Waden. Außerdem schwitzt man im Winter nicht so stark, duftet also auch ganz anders, wobei sich Experten einig sind, dass gerade im Schweiß gewisse Botenstoffe enthalten sind, die das Gegenüber reizen und in Stimmung bringen. Ein evolutionäres Souvenir unserer Vorfahren.

 

Der Einzelhandel gibt sein Bestes

 

All diese Faktoren belegen aber: Die Babykugeln des Herbstes werden nicht unterm Weihnachtsbaum in Form gebracht.
Nun ist die Expansion im familiären Sinne nicht der einzige Beweggrund, um an den Feiertagen zärtlich zu werden und die Kurrendefigürchen verlegen zu machen. Schon in der Vorweihnachtszeit floriert das Geschäft mit Sexspielzeugen, werden Adventskalender für Erwachsene an den oder die Liebste verschenkt und – wie uns die Geburtenstatistik zeigt – ein Vorrat an Kondomen im Nachttischchen verstaut. Denn natürlich sind wir in der besinnlichen Zeit der Kerzen und offenen Herzen empfänglich für Liebesbekundungen und  intime Offerten. Aber wir möchten sie genießen und beim nächsten Glühwein nicht darüber nachdenken müssen, ob wir einem/unserem ungeplanten Ungeborenen schaden könnten. Wunschkinder ausgenommen. 

 

Stresspegelstand: unsexy.

 

Die größte Herausforderung für die Libido ist aber für manchen der absolute Kick: der weihnachtliche Konfliktparkour!

Wer kennt das nicht –  die Einkäufe konnten in letzter Minute getätigt werden, die Geschenke in Eile verpackt, das Festessen unter Stress vorbereitet. Wer bis zum Heiligabend in Vollzeit arbeitet und/oder die Kinder betreut, weil Oma und Opa selbstverständlich ihrerseits die Festtage organisieren müssen, dem knarzt am Nachmittag des 24. Dezembers nicht das Liebesnest unterm Luxushintern, sondern der Rücken unterm Brummschädel. Die Ansprüche an die perfekte Festtafel waren mal wieder zu hoch, jeder Grundsatz, diesmal Achtsamkeit statt Hektik zu üben und die Besinnlichkeit Einzug halten, die Gäste einen Betrag zum Gelingen leisten zu lassen, ist dem Ideal der grün-rot-goldenen Coca-Cola-Weihnacht zum Opfer gefallen. Irgend jemand findet eine Festtagsidee „nicht ganz passend“, die Kinder haben nciht den Baum mit Kugeln, sondern die Wand mit Glitzer „geschmückt“ und dann ist Heiligabend auch noch an einem Montag. Einem Montag! 24 Stunden zwischen Sonntag und erstem Feiertag – 24 Stunden für ALLE Einkäufe, für ALLE Notfälle kulinarischer, modischer und verdammt noch eins geschenketechnischer Art!
Ein falsches Wort, ein undefinierbarer Tonfall, ein unglücklicher Nebensatz und schon brennt dem Christkind der Heiligenschein!

 

Was klingt wie ein sexuelles Desaster, erregt manchen so sehr, dass Schwiegermutter wohl besser nicht fragen sollte, warum die Gans anbrennen konnte, wenn man doch den ganzen Tag zuhause weilte. Während die einen also noch panisch ihre To-Do-Liste abhaken, geben sich die anderen schon himmlischen Freuden hin und hören bestenfalls die Englein singen.
Kein Witz: Laut einer amorelie-Umfrage haben zehn Prozent aller Deutschen schon Sex unterm Weihnachtsbaum gehabt. Darüber, ob er echt oder künstlich und deshalb nadelsicher war, ist nichts bekannt.

 

 

Tipps für Verführer*innen

 

Sehr wahrscheinlich folgten jene Paare aber dem geheimen Erfolgsplan für Lametta-Schwinger:

 

1. Versteifen Sie sich nicht auf den 24. bis 26. Dezember, nutzen Sie den Baum und die zauberhaften Lichter in der Wohnung schon nach dem Dekorieren jenseits des Totensonntags. So maximiert man die Chancen und nimmt den Druck raus.

2. „Verkaufen“ Sie die Kinder – wahrscheinlich freuen sie sich ohnehin, mal wieder bei Oma und Opa sein und einfach alles haben zu können, weil eben Weihnachten ist.

3. Die drei großen „P“: Erotische Geschenke übergibt man persönlich, privat und probierfertig.

4. Kerzen an, Ofen aus! So vermeiden Sie besagte Peinlichkeit und pingelige Gäste haben eine Angriffsfläche weniger. Außerdem denken wir Frauen gern zu viel nach, auch beim Sex. Feuer in der Küche steht dabei gedanklich ganz weit oben.

5. Blenden Sie die Nachbarn aus – notfalls mit lautem Chorgesang aus der Konserve. Selbst, wenn sie Sie durchschauen, ist mehr Neid als Wut die natürliche Reaktion.

6. Prüfen Sie den „Tatort“ danach auf Beweisstücke: es wäre doch sehr peinlich, wenn Ihr Töchterchen den lustig surrenden Baum“behang“ am nächsten Tag neben die Gans auf die Festtafel dekoriert...

 

 

 

Mein Lieblingszitat, gefunden bei der Recherche zu diesem Artikel:

 

ZEITmagazin ONLINE: Mal abgesehen von einem Zuviel an gewollter Gemeinsamkeit. Kann man überhaupt in Fahrt kommen, wenn im Zimmer nebenan die Schwiegereltern schlafen?

 

Sexualforscher Ulrich Clement: Das kommt wohl auf die Schwiegereltern an.


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