Donnerstag, 21. Februar 2019

 
Montag, 21. Januar 2019

NORDSACHSEN

Wie lange sollte man gemeinsam lernen?

Michael Bagusat-Sehrt (l.) und Holger Weidauer, einem Mitarbeiter der LINKEN- Landtagsabgeordneten Luise Neuhaus- Wartenberg auf dem Torgauer Marktplatz. Dort sammelten sie vergangenes Jahr fleißig Unterschriften für den Volksantrag. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Nordsachsen. Der Verein zur Einführung von Gemeinschaftsschulen hat in der Region viel Rückhalt, aber auch Gegner. Die TZ hörte sich bei Parteien und dem Kreiselternrat um.

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Besuche ich die Oberschule oder das Gymnasium? Vor dieser schwerwiegenden Entscheidung stehen in den nächsten Wochen zahlreiche Viertklässler in der Region wie auch im gesamten Freistaat. Zusammen mit ihrer Halbjahresinformation erhalten sie am 15. Februar die entsprechende Bildungsempfehlung und müssen dann wählen, welchen Weg sie in Zukunft einschlagen. Bislang gibt es dabei nur zwei Möglichkeiten: Entweder man geht auf die Oberschule und schließt diese nach der 9. oder 10. Klasse ab, oder man besucht ein Gymnasium und macht dort nach der 12. Klasse sein Abitur. Doch was wäre, wenn es noch einen dritten Weg gäbe? Bei dem sich die Kinder nicht entscheiden müssten, sondern bis zu ihrem Abschluss zusammen bleiben könnten. Mit dieser Idee befasst sich aktuell ein sächsischer Verein und erhält dabei auch aus der Region großen Zuspruch.

40 000 Stimmen werden gebraucht

„Eigentlich ist das Thema schon uralt,“ weiß Michael Bagusat-Sehrt, der Vorsitzenden der Torgauer Ortsgruppe der LINKEN. „Die Reformierung unseres Bildungssystems ist eine unserer ureigenen Forderungen, gegen die sich aber immer wieder quergestellt wurde. Jetzt gibt es aber die Möglichkeit, das längere gemeinsame Lernen endlich durchzusetzen.“

Worauf der Torgauer LINKEN-Chef hier anspielt ist die Arbeit des sächsischen Vereins „Längeres gemeinsames Lernen“ aus Dresden. Dieser hat es sich schon vor fünf Jahren zur Aufgabe gemacht, für die Einführung von Gemeinschaftsschulen im Freistaat zu kämpfen. Anderthalb Jahre wurde dafür ein entsprechender Gesetzentwurf entwickelt, der nun mithilfe eines so genannten Volksantrags durchgesetzt werden soll. Heißt, es müssen 40 000 Stimmen gesammelt werden, bevor sich dann der Sächsische Landtag mit dem Gesetzentwurf befasst. Fällt dessen Urteil positiv aus, dann geht das Gesetz durch und tritt nach weiterer Beratung in Kraft, bei einem Negativ-Votum geht jedoch die Unterschriften-Sammelei von neuem Los. Nur geht es dann nicht mehr um einen Volksantrag, sondern um ein Volksbegehren, für dessen Erfolg 450 000 Unterschriften innerhalb eines halben Jahres gesammelt werden müssen.

„Unser Ziel bei der ganzen Sache ist es nicht, auf einen Schlag die Gymnasien und Oberschulen abzuschaffen“, sagt der Sprecher des Vereins, Andreas Giersch. „Wir wollen vielmehr die Möglichkeit schaffen, dass sich Schulträger, Schulen  und Eltern gemeinsam entscheiden können, ob sie sich zu einer Gemeinschaftsschule weiterentwickeln wollen.“

Dabei sollen die Kinder von Anfang bis Ende ihrer Schulzeit in einem gemeinsamen Bildungsweg unterrichtet werden. Dabei wird zwar auf die Bildungsempfehlung verzichtet, eine entsprechende Beratung der Eltern durch die Lehrer kann trotzdem erfolgen. „Uns geht es schlicht und ergreifend darum, die Kinder nach der 4. Klasse nicht aus ihrem durchaus stabilen, sozialen Umfeld zu reißen und künstlich mit einer neuen Situation unter Druck zu setzen. Die Bewahrung einer stabilen Lernumgebung ist hier das Zauberwort.“

Ein Fakt der auch Michael Bagusat-Sehrt von den Gemeinschschaftschulen überzeugt. Für ihn spielt jedoch noch eine ganz andere Sache eine wichtige Rolle: die Endgültigkeit der Bildungsempfehlung der damit verbundenen Entscheidung. „Ich halte es für völlig unsinnig, Kindern in der 4. Klasse solch eine schwere Wahl aufzubürden“, sagt er kritisch. „Manch einer entdeckt seine Talente vielleicht erst in der 5. oder 6. Klasse, sitzt dann aber schon in der Oberschule fest. Und von dort dann auf das Gymnasium zu wechseln ist enorm schwierig.“ Er wolle den Kindern mit einer Gemeinschaftsschule gern mehr Zeit verschaffen, sich selbst zu entdecken und nicht bereits nach kurzer Zeit einen Stempel aufdrücken.

„Kontinuität zahlt sich aus“

In dieser Sache komplett anderer Meinung ist hingegen Nordsachsens CDU, für die sich die stellvertretende Vorsitzende, Dr. Christiane Schenderlein gegenüber der TZ äußerte. „Unsere Baustelle ist nicht das sächsische Bildungssystem an sich,“ sagt sie und bezieht sich dabei auf die führende Position Sachsens bei der bekannten PISA-Studie und anderen Ländervergleichen. „Erfolgreich sind wir deshalb, weil wir immer beim gleichen System geblieben sind. Kontinuität zahlt sich im Bildungsbereich aus, das ist der entscheidende Faktor. Auch hier gilt: Wechsle nie ein erfolgreiches System!“

Eine Meinung, die vom Koalitionspartner SPD nicht nur nicht geteilt, sondern auch als falsch angesehen wird. Neben der Linkspartei setzten sich in der Region auch die Sozialdemokraten für den Volksantrag für die Gemeinschaftsschulen ein. Der Vorsitzende der SPD Nordsachsen, Heiko Wittig, ist der festen Überzeugung, „dass eine Trennung der Schüler nach der 4. Klasse viel zu früh kommt. Sowohl das alte Schulsystem der DDR als auch die heutigen Beispiele in skandinavischen Ländern mit längerem gemeinsamen Lernen beweisen, dass die frühe Trennung zu schlechteren Lernergebnissen führen.“ Der von der CDU angeführte Fakt, dass die Bundesländer mit Gemeinschaftsschulen bessere PISA-Ergebnisse erzielen würden, liege vielmehr am höheren Anteil an Migrationskindern in den Schulen der westlichen Bundesländer.

Mit einem deutlich differenzierteren Blick sieht der nordsächsische Kreiselternrat die gesamte Thematik. Es sei zwar durchaus im Interesse der Kinder, länger gemeinsam lernen zu können und sich nicht schon so früh entscheiden zu müssen, doch sei die Umsetzung im Moment noch etwas unklar.

Woher kommen die Kapazitäten?

„Unsere Schulen in Sachsen sind jetzt schon knackevoll, wenn dann plötzlich die Schularten zusammengelegt werden, dann steht das Gymnasium leer und die Oberschule platzt aus allen nähten“, merkt Rowena Flugrat, die Vorsitzende des Kreiselternrats an. Hier sei es jedoch gut, dass man nicht alle Schulen zur Umwandlung zwingen wolle, sondern lediglich die Möglichkeit zur Wahl eröffne. „Denn es ist durchaus positiv zu sehen, dass man in einer Zeit der Smartphones, in der soziale Werte immer weiter auf der Strecke bleiben, mit solch einem Schulsystem den gesellschaftlichen Zusammenhalt pflegt und stärkt.“

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