Sonntag, 20. Oktober 2019
Mittwoch, 30. Januar 2019

TORGAU

"Es gab viele Arno Bischoffs"

Elisabeth Kohlhaas (DIZ), Bischoff-Enkel Steffen Knoll und die vier Johann-Walter-Schützlinge bei der Präsentation der Ausstellung am Freitag im DIZ.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Vier Schüler des Johann-Walter-Gymnasiums arbeiteten mit dem DIZ das Schicksal eines deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf.

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Die Ergriffenheit in jenem Moment war Steffen Knoll ins Gesicht geschrieben. Inmitten sächsischer und lokaler Politprominenz hatte der Schwimmausbilder aus Dresden am vergangenen Freitag das Schlusswort. „Ich möchte noch betonen, dass es viele Arno Bischoffs gegeben hat“, sagte er zur Vorstellung der neuen DIZ-Ausstellung, die am Dienstagnachmittag noch einmal im Johann-Walter-Gymnasium (JWG) im Mittelpunkt stand. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Satz der nachhallte. Ein Satz, den Siegfried Reiprich, Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, noch einmal aufgriff. Ein Satz, der selbst beim anschließenden Imbiss durch den Raum zu schweben schien. Ja, es stimme. Es habe viele Arno Bischoffs gegeben, hieß es dort.

Verzicht auf Sühnemaßnahmen

Eigentlich wollte Steffen Knoll gar nicht vor die Besucher treten. Im Mittelpunkt zu stehen ist nicht sein Ding. Im Mittelpunkt sollte doch eher sein Großvater stehen. Jener Leutnant Arno Bischoff, dessen militärische Einheit während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich von einem Dorf aus beschossen worden war. Bischoff verzichtete jedoch auf Sühnemaßnahmen, weshalb er von der Wehrmachtjustiz verurteilt wurde. Er sollte später bei der Frontbewährung im Osten sein Leben verlieren.

Doch sein Vermächtnis lebt weiter. In Frankreich wurde Bischoff posthum geehrt. „Der Name ist bei uns ein Begriff“, sprach der französische Verbindungsoffizier Michel Schmitt während der offiziellen Feierlichkeit aus Anlass der Ehrung der Opfer des Nationalsozialismus am Gedenkort Fort Zinna. Bischoff habe in der sehr stark ausgeprägten Erinnerungskultur der französischen Armee einen festen, unverrückbaren Platz.

Seit Dienstag nun hat Bischoff auch im Johann-Walter-Gymnasium seinen Platz – wenn auch nur bis zum 14. März. Denn danach wandern die sieben von vier Elftklässlern des JWG erarbeiteten Schautafeln wieder zurück ins Schloss. Natürlich waren Anna-Lena Magerramow, Joelina Zass, Toni Freymuth und Maurice Kranzusch auch am Freitag bei der offiziellen Präsentation im DIZ zugegen. Und mehr noch. Die vier, die sich seit September im Rahmen einer Komplexen Leistung mit dem Schicksal Arno Bischoffs intensiv auseinandergesetzt haben, stellten den Leutnant als jemanden vor, der pflichtbewusst war, als jemanden, der einen ausgesprochen biederen doch ehrlichen Charakter hatte und – im Falle der ausbleibenden Sühnemaßnahme – vor allem moralisch richtig handelte.

Auf sein Herz hören

Arno Bischoff. Deutscher Soldat. Ein Vorbild für uns alle? Auf jeden Fall! „Ich habe  durch unser Projekt gelernt, dass man auf sein Herz hören sollte, egal, was man gesagt bekommt“, meint Maurice Kranzusch. „Arno Bischoff handelte zum Wohle seiner Truppe, obwohl er vermutlich wusste, welche Strafe ihm bevorsteht“, sagte Toni Freymuth.

Für Steffen Knoll, der im JWG nicht anwesend sein konnte und Grußworte übermitteln ließ, geht mit der nun wandernden Ausstellung eine wichtige Mission zu Ende. Acht Jahre hat er gemeinsam mit Oberst Derichs von der Offizierschule des Heeres in Dresden nach Spuren seines Großvaters in der Wehrmacht gefahndet. Jede Feldpost und jeder Akteneintrag waren wichtig. Seine Briefe seien voller Liebe zu seiner Familie gewesen. Mit diesem Schülerprojekt könne er von dieser Liebe seinem Großvater, den er niemals kennenlernte, nun endlich etwas zurückgeben, meinte Knoll. Alles, was er und Oberst Derichs finden konnten, übergaben sie zuvor dem Militärhistorischen Museum in Dresden.

Banner überreicht

Im Jahre 2016 dann eine erste öffentliche Würdigung Arno Bischoffs. Ein Offizierlehrgang wurde mit eben jenem Namen betitelt. Ein dabei entstandenes Banner überreichten Vertreter der Bundeswehr im vergangenen Jahr dem Torgauer Dokumentations- und Informationszentrum. Hintergrund: Bischoff war Ende 1944 mehrere Monate im Torgauer Wehrmachtgefängnis Fort Zinna inhaftiert.

Die Spur war also gelegt. Und DIZ-Bildungsreferentin Elisabeth Kohlhaas folgte dieser gemeinsam mit den vier Schülern nur allzu bereitwillig. Und wer weiß, vielleicht gelingt es nicht nur im Großen – zum 55. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags hatte der Bundestag erst vor wenigen Tagen eine Vertiefung und Erneuerung der deutsch-französischen Freundschaft gefordert. Auf einer Sondersitzung, an der auch Abgeordnete und der Präsident der französischen Nationalversammlung teilnahmen, verlangten die Abgeordneten in einer Resolution eine „Bekräftigung und Vertiefung“ der deutsch-französischen Freundschaft samt einer Neufassung des entsprechenden Freundschaftsvertrages von 1963 – sondern auch im Kleinen. Auch wenn Arno Bischoff damals in La Gacilly mit seiner Moralvorstellung ein ganz Großer im Krieg war.

 

ZUR PERSON

- geboren 1903 in Koselitz in Sachsen

- Lehre als Schriftsetzer

- wegen Arbeitsmangels als Hilfsdreher gearbeitet

- 1924 Verpflichtung für 12 Jahre Dienst in der Reichswehr, anschließend Anrecht auf Stelle im Öffentlichen Dienst

- 1936 Zollbeamter

- 1939 in den Krieg eingezogen

- am 10. August 1944 von einem deutschen Militärgericht in der Bretagne wegen seines zu milden Verhaltens nach dem Vorfall in dem Ort La Gacilly wegen „Dienstpflichtverletzung“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt (die Wehrmacht hatte schärfste Befehle herausgegeben, wie die Truppenführer bei Widerstandshandlungen der französischen Zivilbevölkerung oder der Widerstandsbewegung Résistance zu reagieren hatten)

- Haft im Wehrmachtgefängnis Fort Zinna; von dort Ende 1944 in den Bewährungseinsatz an der Front geschickt und verschollen

- vermutlich im Januar 1945 bei den letzten Kämpfen in Pommern gefallen

- sein Vorgesetzer Bernhard Black wurde wegen des Vorfalls in La Gacilly zum Tode verurteilt und ebenfalls in Torgau inhaftiert, dort im Dezember 1944 hingerichtet.

 


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