Freitag, 22. März 2019
Dienstag, 19. Februar 2019

TORGAU

Von Aleppo nach Torgau

Man sieht es ihr an: Während ihres Praktikums in der Kulturbastion hatte Rand (Mitte) sehr viel Spaß. Auch Mandy Jäckel und Enrico Kurmann genossen die Zeit. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Seit drei Jahren lebt die 16-jährige Rand Batch mit ihrer Familie in der Elbestadt und ist hier absolut glücklich. Sie floh wegen des Bürgerkriegs aus ihrer syrischen Heimat.

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Torgau. Schreckliche Geschichten aus dem syrischen Bürgerkrieg gibt es viele. Fast jeden Tag flimmern Bilder von zerstörten Häusern, kämpfenden Soldaten und weinenden Flüchtlingskindern über unsere Fernsehbildschirme. Diese Geschichten gehen einem nahe, machen betroffen, traurig und lassen einen in den meisten Fällen völlig hilflos zurück. Doch es gibt auch schöne, hoffnungsvolle Geschichten von Freude und zuletzt endlich glücklichen, angekommenen Menschen. Eine solche Geschichte ist die von Rand Batch, einem syrischen Flüchtlingsmädchen, dass vor drei Jahren aus einem stark umkämpften Stadtteil Aleppos nach Deutschland floh und nun in Torgau ein glückliches Leben führen kann.

Trotz allem ein Lächeln auf den Lippen

Das Mädchen, das mir an diesem wunderschön sonnigen Freitag-Nachmittag gegenübersitzt, ist 16 Jahre alt und stammt aus der syrischen Stadt Aleppo. Rand, so der Vorname des Mädchens, ist vor knapp drei Jahren mit ihrer Mutter und ihren drei jüngeren Brüdern Haschem, Mohamed und Abdul vor dem dort tobenden Bürgerkrieg geflohen. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was die damals 13-Jährige alles durchgemacht haben muss. Und trotzdem: als ich sie treffe, strahlt sie über beide Ohren. Selbst als sie von ihrem zerstörten Wohnhaus, ihrer Flucht über den Libanon und die Türkei nach Deutschland oder ihre Verwandten, die nach wie vor in Aleppo leben, erzählt, behält sie stets einen fröhlichen Gesichtsausdruck. Denn Rand ist, genauso wie ihre ganze Familie, glücklich in Deutschland und dankbar dafür, hier leben zu dürfen.

Der Tag, an dem ich mich mit Rand treffe,  ist der letzte Schultag vor den Ferien. Seit sie im Winter 2016 nach Deutschland gekommen ist, besucht sie die Katharina-von-Bora-Oberschule in Torgau. Das erste Jahr noch in einer so genannten DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache; Anm. d. Red.) mit zahlreichen anderen ausländischen Schülern, mittlerweile aber auch mit allen anderen Jugendlichen einer regulären 9. Klasse. Nur eine Stunde in der Woche hat sie noch DaZ-Unterricht. Und der zeigt tatsächlich Wirkung. Im Gespräch kann sich Rand auf Deutsch nicht nur gut ausdrücken, sondern versteht auch so gut wie alles, was man sie fragt oder ihr erzählt.

Auch ihre Familie spreche mittlerweile ganz gutes Deutsch, verrät sie stolz. Ihre Mutter noch etwas mehr als ihr Vater, am besten jedoch ihr kleiner Bruder Abdul. Er ist gerade mal sechs Jahre alt und besucht noch den Kindergarten. Wie Rand erzählt, würde zuhause sowohl Deutsch als auch Arabisch gesprochen, ihre Mutter übe außerdem noch regelmäßig mit Abdul das Schreiben auf Arabisch. „Das kann er noch nicht. Meine Mama war in Syrien Arabisch-Lehrerin.“

Der Traum vom Apothekerberuf

Und nicht nur das. Auch Mathematik hat die Mutter der vier syrischen Flüchtlingskinder in ihrer Heimat unterrichtet. „Mathe ist auch mein Lieblingsfach in der Schule“, erzählt Rand. Doch obwohl sie sehr gut mit Zahlen umgehen kann, will sie später in einem völlig anderen Bereich arbeiten. Sie möchte Apothekerin werden. „Seit ich sechs bin, habe ich diesen Traum“, sagt sie. „Mein Onkel ist Arzt und seine Frau Apothekerin.“ Bisher hatte das Mädchen jedoch Probleme damit, diesem Traum zu folgen. Zwar hatte sich die 16-Jährige für ihr Schulpraktikum bei sämtlichen Apotheken im Raum Torgau beworben, eine Stelle bekam sie jedoch nicht. „Manche haben gesagt, sie brauchen im Moment niemanden. Bei einer Apotheke hieß es aber auch, dass sie mich nicht wegen meines Kopftuchs haben wollen.“

Solch ein Verhalten weckt in Rand Unverständnis. Zwar schätze sie an Deutschland die große Freiheit, welche die Menschen genießen, aber wenn sie so etwas erlebt, kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Auch in der Schule bekam sie in der Vergangenheit bereits Ablehnung zu spüren. „Und wenn ich manchmal auf der Straße unterwegs bin, da werde ich von den Leuten angestarrt“, erzählt sie und fügt dann schmunzelnd hinzu: „Meine Mama sagt dann immer, ich sei berühmt.“

An ihrem Traum als Apothekerin will Rand aber auf jeden Fall auch in Zukunft weiter festhalten. Wenn nicht in Torgau, dann anderswo. „Mir gefällt die Stadt wirklich gut“, sagt sie. „Aber wenn ich hier nicht Apothekerin werden kann, dann werde ich wohl nach Leipzig oder Berlin gehen müssen.“ Das Kopftuch abzulegen kommt für die 16-Jährige nämlich nicht in Frage. Denn auch wenn sie ihre Familie selbst nicht als strengst gläubige Muslime bezeichnet, ist doch der Islam ein wichtiger Teil ihres Lebens. Fünf Mal am Tag wird gebetet, koscheres Essen sowie Fasten zum Ramadan gehören genauso dazu wie das Tragen eines Kopftuchs. „Es ist wirklich schade, dass manche Leute da etwas dagegen haben.“

Während ihres Praktikums war Rand vor allem im Büro der Kulturbastion tätig.

Praktikum in der Kulturbastion

Doch obwohl ihr ein Praktikumsplatz in einer Apotheke verwehrt blieb, konnte das junge Mädchen die beiden Wochen vor den Winterferien trotzdem mit sinnvoller, interessanter und vor allem spaßiger Arbeit verbringen. Denn neben den Apotheken im Altkreis ging eine Bewerbung auch an die Kulturbastion, die die Syrerin sofort mit Kusshand bei sich aufnahm. Zwei Wochen lang durfte sie Mandy Jäckel und Enrico Kurmann bei der täglichen Arbeit unterstützen, ihr Geschick mit Zahlen beweisen und im Jugendzentrum mit anderen Jugendlichen Zeit verbringen. „Es hat mir wirklich Spaß gemacht“, sagt sie an ihrem letzten Tag während des Interviews im Büro der Kulturbastion.  Und auch ihre beiden Kollegen waren sich einig: Entspanntere zwei Wochen als mit Rand hatten sie schon lange nicht mehr.

Nach den Ferien geht es dann aber für Rand zurück in die Schule. Sie möchte unbedingt weiter lernen, ihre Noten sowie ihre Deutschkenntnisse verbessern. An ihrem Apotheker-Traum hält sie weiterhin fest und möchte dafür auch nächstes Jahr ihren Oberschulabschluss machen. Ob sie danach weiterhin in Torgau leben wird, weiß sie zwar noch nicht, eins steht aber auf jeden Fall fest: In Deutschland möchte sie unbedingt bleiben.

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