Sonntag, 26. Mai 2019
Freitag, 8. März 2019

TORGAU

Frauentag? Dass ich nicht lache!

Frauentagsfeiertag in Berlin? Warum nicht überall? Warum überhaupt? Foto: pixabay

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Torgau. Unsere Redakteurin bezweifelt, dass ein bundesweiter gesetzlicher Feiertag am 8. März die richtig Kampfplattform für Feministinnen wäre. Warum sie als Frau selbst befürchtet, die Debatte laufe in falsche Bahnen, lesen Sie hier.

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Torgau. Unsere Facebook-Umfrage unter dem Motto „Frauentag als gesetzlicher Feiertag: Ja oder nein?“ hat eins deutlich gezeigt ­ die Berliner Landesregierung hat eine umstrittene Entscheidung getroffen und damit scheinbar auch direkt ins Schwarze. Aber neben der Diskussion darüber, ob es nun ausgerechnet der Frauentag sein musste, der die Lücke im Feiertagsvergleich der Bundesländer schließen soll, beschäftigt viele emanzipierte Frauen vor allem die Frage, warum seit dem Beschluss im Januar noch kein anderes Bundesland ernst zu nehmende Folgebestrebungen zeigte. Eigentlich riefen die europäischen Frauenrechtlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts doch dazu auf, einen Tag zu schaffen, an dem die Damen der Welt ganz bewusst als das gefeiert werden und um das kämpfen können, was sie sind und ­ damals wie heute ­ sein wollen: selbstbestimmt, gleichberechtigt und sicht-, hör- und spürbar ein Rückgrat der Gesellschaft.

 

Was angefangen hat mit der Forderung nach politischer Mitbestimmung, ist in den vergangenen 100 Jahren zu einer Debatte darum geworden, warum Frauen beispielsweise immernoch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen und ob sie in Führungspositionen überhaupt annähernd so ernst zu nehmende Arbeit leisten können, wie die Herren der Schöpfung. Die Antworten sind einfach: In Deutschland liegt der Verdienstunterschied im Durchschnitt bei 21 Prozent, wobei Mitteldeutschland inzwischen große Fortschritte macht und die Schere auf den Lohnzetteln zwischen Kollegen und Kolleginnen schrumpfen lässt. Grundsätzlich leben auch wir hier in Nordsachsen also diesbezüglich in einem vergleichsweise beneidenswerten Lohngefälle ­ wenn wir im richtigen Betrieb bei einem modernen Chef den perfekten Job gefunden haben und es schlau anstellen. Denn selbst gut qualifizierte Frauen machen vom seit einem Jahr geltenden Entgelttransparenzgesetz kaum Gebrauch, obwohl es ihnen helfen könnte, finanziell gerechter behandelt zu werden. Schließlich verpflichtet es Vorgesetzte dazu, den Verdienst von männlichen Kollegen in vergleichbarer Position offen zu legen und gegebenenfalls eine Angleichung anzustrengen. Aber wer will schon die missgünstige Zicke im Büro sein, die in die Gehaltsliste der anderen rein schielt, um selber mehr aufs Konto zu kriegen? Eben. Viele hadern schlichtweg damit, ein altes Klischee zu erfüllen, dass auch in unserer 2019er Gesellschaft immer wieder aufflammt, wenn starke Frauen und selbstbewusste Mädchen öffentlich dafür eintreten, die Mauer zwischen den Geschlechtern einzureißen.

Dabei geht es ihnen nicht, wie böse manchmal gerade in sozialen Netzwerken getönt wird, um ein Ventil für prämenstruelle Wut, sondern um ihre Rente, ihre Absicherung im Alter.

Die traurige Wahrheit ist, dass Jobs in weithin als arbeitnehmerunfreundlich verschrienen Branchen wie der Gastronomie, der Hotellerie, der Pflege und anderen sozialen Bereichen vor allem im Mindestlohnsektor zu einem Großteil von Frauen gemacht werden. Wenn diese dann wegen Kinderbetreuungszeiten längere Unterbrechungen in Kauf nehmen müssen (denn auch die Quote der Elternzeit nehmenden Väter steigt noch langsam, aber zumindest stetig), macht sich das in Form weniger Rentenpunkte bemerkbar. Dabei sind es laut Jörg Most, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Region Leipzig-Halle-Dessau „noch immer vor allem Frauen, die sich nach einem langen Arbeitstag um Familie und Haushalt kümmern ­ und das unbezahlt.“.

 

Muttertag – bittersüßer Ehrentag

 

In vielen Muttertagskarten steht auch in diesem Jahr in kindlicher Schrift und von fröhlichen Blümchenbildern umringt „Danke, dass du immer für mich da bist, Mama!“, weil in neun von zehn Familien alleinerziehender Elternteile in Sachsen nur die Mutter überhaupt für den Nachwuchs sorgt. 116 370 von insgesamt 129 300 Alleinerziehenden im Freistaat sind Mütter. Fast 23 300 von ihnen haben entweder keinen Bildungsabschluss oder „nur“ die Hauptschule abgeschlossen und dementsprechend schlechte Karten im Poker um familienfreundlich bezahlte Arbeit. Der Staat muss drauf zahlen, damit sie ihre Kinder überhaupt groß kriegen ­ inklusive aller Sorgen, die auch gut verdienende und in einer Partnerschaft lebende Mütter durchleiden. Denn der ganz normale Wahnsinn trifft alle gleichermaßen: wenn die Angst ums neugeborene Baby, Wenig-Schlaf-Phasen mit Kleinkindern, die Aufregungen des alltäglichen Kita- und Schullebens und die Pubertät zuschlagen, fragt die Zeit nichtmal nach dem Geschlecht, sind aber trotzdem zumeist die Mütter die Ersten, die Zeit, Nerven und eigene Bedürfnisse opfern, bis alles wieder nur noch halb so schlimm ist.

 

Man feiert keine Kämpfe, sondern Siege

 

Ein gesetzlicher Feiertag bringt uns Frauen bestenfalls kurzfristig vielleicht ein paar Stunden mehr für das Leben jenseits der Arbeitsstelle. Aber langfristig gesehen, gingen an ihm auch weiterhin nur die auf die Straße, die es bisher auch schon taten und der größte Teil der anderen feiert sich selbst oder ­ und das ist für viele Mütter wahrscheinlicher ­  lebt 24 Stunden mehr im Jahr das Wochenendmodell mit Haushalt, Familienunterhaltung und Erziehungsstress. Wenn wir uns selbst als feierswert betrachten können, ohne dafür auf den Kalender schauen zu müssen, und wenn wir am 8. März irgendwann mal nicht mehr den Kampf um Gleichberechtigung in Sachen Wahlen, Arbeitsbedingungen und Selbstbestimmung, sondern ihre Erlangung zelebrieren können ­ dann proste auch ich uns allen zu: Ein Hoch auf uns! Bis dahin sollten wir alle einander als Alltagsheldinnen begegnen und uns mit Männern umgeben, die das genauso sehen – siehe unsere „Facetten“!

 


Nachgefragt bei OBM Romina Barth


Torgau. Bei ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin Torgaus war sie die jüngste Frau, die dieses Amt in Deutschland bekleidete. Was sagt sie zur Feiertagsdebatte?

Romina Barth: Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass es deutschlandweit eine Vereinheitlichung der Feiertage geben sollte. Den Frauentag als weiteren gesetzlichen Feiertag einzuführen würde ich nicht unterstützen. Der in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg auf Initiative sozialistischer Organisationen entstandene Tag mit Kampf um Gleichberechtigung ist kein christlicher Feiertag und hat auch kein historisches Ereignis als Grundlage, ist vielmehr ein systematisch geschaffener künstlicher Tag, wie beispielsweise auch der Valentinstag.  In meinen Augen verdient jede Frau jeden Tag ein besonderes Augenmerk, wie auch jeder Mann. Jetzt könnte man behaupten, der Mann habe auch einen Feiertag, den sogenannten Männertag, der allerdings im Ursprung des christlichen Glaubens entspringt und für mich Christi Himmelfahrt ist. Feiertagen sollte Feiertage mit besonderen Grundlagen bleiben. Bei einer endlosen Feiertagsvielfalt ging der tiefe Sinn und der Erinnerungsgedanke oftmals verloren und verwässert zu einem „freien Tag“.


 

Was feiern wir am
8. März eigentlich?

 

Als Sozialistin Clara Zetkin auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 zum ersten Mal die Einführung eines weltweit zu begehenden Frauentages anbrachte, da war sie bei Weitem nicht die erste mit einer solchen Idee. Bereits zwei Jahre zuvor war in den USA das Nationale Frauenkomittee gegründet worden, dass es sich zur Aufgabe gemacht hatte, im Kampf ums freie, geheime und gleiche Wahlrecht ein besonderes Datum festzulegen, an dem gemeinsam dafür protestiert werden sollte. Nachdem im Februar 1910 jener Protest landesweiten Anklang auch bei bürgerlichen Frauengesellschaften fand, stellte die amerikanische Frauenrechtlerin Mary Simmons im August unter anderem vor Clara Zetkin das Erfolgsprojekt vor – und gewann die deutschen Sozialistinnen als wichtige und hartnäckige Fürsprecherinnen für einen internationalen Beschluss.
Zum ersten Mal wirklich gefeiert wurde er dann am 19. März 1911 in Deutschland, Dänemark, der Schweiz und Österreich-Ungarn. Zum ersten Mal trugen viele der Demonstrantinnen eine rote Nelke am Revers, um Geschlossenheit im gemeinsamen Gedanken zu zeigen.

 

Rote Nelken im Beet des Faschismus
 

Weil seine Entstehung hauptsächlich auf die Bestrebungen der sozialistischen Kräfte zurückgeführt wurde, verboten die Nationalsozialisten den Frauentag, der ab 1928 am 8. März begangen wurde, mit Kriegsbeginn 1939. So verlagerte sich das Bekenntnis zu seinen Absichten gezwungenermaßen in den regimegegnerischen Untergrund, das scheinbare Auslüften roter Bettwäsche oder anderer Textilien wurde zum Erkennungssymbol der Gleichgesinnten untereinander, die nach wie vor auch gegen die Ausbeutung von Arbeiterfrauen ihre Stimme erhoben, so gut es eben ging. Die Obersten des Reiches allerdings verkannten das Potenzial  des Tages allerdings nicht völlig, münzten ihn zugunsten der Propaganda rund ums Bild der Deutschen Mutter um – der 8. März als „Muttertag“ war geboren.
Erst nach Kriegsende begingen die beiden deutschen Staaten den Tag wieder als Frauentag. Im Osten vor allem vor dem Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte als sozialistischer Kampftag der Frauen. Erst in den 1980ern verlor er die ideologische Schwere und wurde zunehmend festlicher und ungezwungener begangen.

 

Hätten Sie ´s gewusst?

 

In den insgesamt 19 Gemeinden und 11 eigenständigen Städten des Landkreises leiten sieben Bürgermeisterinnen und 23 männliche „Kollegen“ die Geschicke ihrer Region. Das bedeutet, dass in fast einem Viertel aller Gemeindeverwaltungen Nordsachsens derzeit Frauen den Ton angeben.


 


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