Montag, 27. Mai 2019
Freitag, 12. April 2019

GESPRÄCH AM SONNTAG

Gerd Kettlitz: "Wolf darf nicht neues Feindbild werden"

Gerd Kettlitz: „In meiner Brust schlägt nur ein Herz.“ Foto: SWB/HL

SWB/ Henrik Landschreiber

Region. Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Gerd Kettlitz, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit beim Jagdverband Torgau e.V., warum man dem Wolf seine Grenzen zeigen sollte.

 

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Region.  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Gerd Kettlitz, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit beim Jagdverband Torgau e.V., warum man dem Wolf seine Grenzen zeigen sollte.

SWB: Das Thema Wolf polarisiert mittlerweile auch vor unserer Haustür. Gehört der Wolf noch nach Deutschland?
Gerd Kettlitz: Jedes Lebewesen hat auch einen Anspruch auf entsprechenden Lebensraum. Die Kulturlandschaft, die sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung geschaffen hat, macht es für viele Tierarten schwer, überhaupt zu überleben. Andere sogenannte Kulturfolger wie das Wildschwein und das Reh entwickeln sich mit und durch den Menschen prächtig. Im dicht besiedelten Deutschland kommt es dadurch aber auch zu Konflikten, wie das Beispiel Wildschwein deutlich zeigt. Die zügellose Ausbreitung des Wolfes in den letzten 20 Jahren hat bei uns dazu geführt, dass er seine natürliche Scheu vor dem Menschen verloren hat und es nun zu Konflikten kommt. Lebensraum für den Wolf in Deutschland gibt es auf jeden Fall auf ehemaligen Truppenübungsplätzen, in Naturschutzreservaten oder den renaturierten riesigen Flächen ehemaliger Kohlegruben. Er gehört in den momentanen Rudelgrößen aber garantiert nicht in die Dahlener oder Dübener Heide.

Schlagen zwei Herzen, das als Naturfreund und jenes als Jäger, in Ihrer Brust? Können Sie sowohl die Betroffenen als auch die Naturschützer verstehen?
In meiner Brust schlägt nur ein Herz. Naturschutz und weidgerechte Jagd sind untrennbar miteinander verbunden. Jäger sind in erster Linie aktive Naturschützer, die in ihren Revieren eine artenreiche Flora und Fauna anstreben. Dafür werden in Eigeninitiative Hecken und Blühstreifen angelegt, Nistkästen aufgehängt oder Fallen für Waschbären aufgestellt.

Ist der Wolf das alte/neue Feindbild der Nutztierhaltung?
Als altes Feindbild wurde er vor über 150 Jahren leider ausgerottet. Die meisten Nutztiere werden heute in riesigen Stallanlagen gehalten. Das gewachsene Bewusstsein des Menschen für artgerechte Haltung, gesunde Ernährung und Erhaltung der Natur hat aber in den letzten Jahren zu einem „Bio-Boom“ geführt, in dessen Zusammenhang auch wieder die Weidetierhaltung an Bedeutung gewonnen hat. Das Rindersteak vom Bauern nebenan, dessen Kühe auf der Wiese stehen, wird wieder gekauft. Und ein Elbdamm, der durch Schafe gemäht und verdichtet wird, schützt vor dem nächsten Hochwasser. Der Wolf darf nicht zum neuen Feindbild der Nutztierhalter werden.

Sollte das Abschussverbot gelockert werden? Wie wird das in anderen Ländern Europas gehandhabt?
Der Wolf ist laut EU-Recht eine streng geschützte Tierart. Er untersteht in Deutschland dem Naturschutzrecht, welches als reines Schutzrecht konzipiert ist. Er müsste ins deutsche Jagdrecht überführt werden, damit Jäger überhaupt an einer Bestandsregulierung mitarbeiten könnten. In Schweden werden sogenannte Schutzjagden durchgeführt. Dort wurde im Gegensatz zu Deutschland von Anfang an eine Bestandshöhe festgelegt, die das Zusammenleben von Mensch und Wolf konfliktfrei halten soll.

Wann sollte ein Wolf der „Natur entnommen werden?“
Wenn eine bestimmte Bestandszahl überschritten ist. Dafür müsste diese aber erst mal festgelegt werden. In unserem dicht besiedelten Gebiet wird ein weiterer strenger Schutz des Wolfes seine Akzeptanz weiter verringern.

Inwieweit hat sich das Landleben seit der Ankunft des Wolfes schon verändert?
Die Veränderungen, die sich mit der Ausbreitung des Wolfes auf das Landleben vollzogen haben, werden seit zehn Jahren in der Lausitz sichtbar. Die Politik hat es verschlafen, damals schon einzugreifen. Heute ist auch unsere Gegend damit konfrontiert und es dauert bei einer Reproduktionsrate von 30 Prozent keine weiteren zehn Jahre, bis der Wolf flächendeckend Deutschland besiedelt hat. Viele Nutztierhalter haben schon aufgegeben oder fragen sich ernsthaft, ob sie weitermachen sollten.

Was beobachten Sie als Jäger?
Zum Landleben zählt auch die Jagd, die sich in der Hinsicht verändert hat, dass in Wolfsgebieten das Wild scheuer geworden ist oder sich in wolfsfreie Zonen zurückzieht. Dort kommt es dann vor allem beim Rot- und Schwarzwild zur sogenannten Großrottenbildung. Dabei entstehen teilweise enorme Schäden. Unsere Jagdhunde, die, wie jeder Hundebesitzer weiß, auch Familienmitglieder sind, sind bei ihrer Arbeit einer enormen Gefahr ausgesetzt. Der Wolf sieht sie als Konkurrenz. Das betrifft auch alle anderen Hunde, die ohne Leine im Wald unterwegs sind.

Die Höhe der staatlichen Zuschüsse, beispielsweise für Weidezäune, spotten aktuell jeder Beschreibung.
Vor allem ist die Investition für viele einfach nicht realisierbar. Oft wird eine Schafherde im Nebenerwerb gehalten. Wenn ich da erst mal Tausende Euros ausgeben muss, um dann im Schadensfall Ausgleichszahlungen beantragen zu können, klaffen Aufwand und Nutzen weit auseinander.

Können Mensch und Wolf in friedlicher Koexistenz leben?
Menschen und Wölfe gibt es so ziemlich auf der ganzen Welt. Und sicherlich gibt es auch immer wieder Konflikte. In dichter besiedelten Ländern Europas, wie Spanien oder Frankreich, leben beide nebeneinander. Dort bewachen die Schäfer ihre Herden, aber auch mit der Waffe in der Hand. Das wird es in Deutschland wohl nie geben!


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