Freitag, 24. Mai 2019
Freitag, 12. April 2019

OSTELBIEN

Wenn alles bricht, die Mauer bleibt

Das Bohrpfahlgerät wird abgefahren Foto: Georg Milling

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dautzschen. Großer Augenblick: Im April wurde der letzte Bohrpfahl in Dautzschen gesetzt. Die sogenannte Bohrpfahlwand macht die Deichbruchstelle absolut hochwassersicher. 

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Dautzschen. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird der Deich an dieser Stelle nie wieder brechen!“ Da legt sich Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung Rötha, schon mal fest. Mehr noch: Er legt sogar seine Hand dafür ins Feuer, was er sonst selten macht. „Wir haben jetzt 90 Zentimeter starken Stahlbeton drin, bis zu 13 Meter tief. Da passiert nix mehr.“ 

Große Bedeutung 

Vergangene Woche wurde das mächtige Bohrpfahlgerät demontiert und mit einem Schwertransport abgefahren. Nicht nur für Georg Milling, Einwohner von Großtreben, ein Augenblick mit fast symbolischer Bedeutung. Jetzt können sich die Ostelbier im nördlichen Teil des Altkreises wirklich sicher fühlen. Der Freistaat Sachsen hat einen immensen Aufwand betrieben, um die Bruchstelle vom 18. August 2002 dauerhaft zu sichern. Dabei kam auf 500 Metern ein besonderes Verfahren zum Einsatz: Hier wurden genau 656 Bohrpfähle mit exakt 88 Zentimeter Durchmesser in den Deich gesetzt. Sie wirken wie eine Mauer aus Beton. Die Spezialfirma aus Ottendorf-Okrilla verbaute etwa 250 Tonnen Stahl in Form von Bewehrungskörben und 6500 Kubikmeter Beton. Die sogenannte Bohrpfahlwand wirkt als Kerndichtung auf den besagten 500 Metern Länge. Rechts und links daneben ließ die LTV weiterhin auf einer Länge von rund 1 000 Metern eine Spundwand setzen – etwa acht bis neun Meter tief. Sie dient ebenfalls als Kerndichtung. Bereits im Oktober 2018 wurden diese Arbeiten abgeschlossen. „Die langen Stahlspundwand-Profile reichen also fast genauso tief in den Boden“, beschreibt Axel Bobbe und wirkt dabei fast selber beeindruckt. „Da müsste schon ein 200 oder 500 jähriges Hochwasser kommen, das alle Deiche überspült. Dann würde vielleicht der Damm abgetragen, aber die Spundwand bleibt stehen“, so der Betriebsleiter. 

Allerdings hat das Bauwerk seinen stolzen Preis. Rechnet der Freistaat sonst  für einen Kilometer Deichsanierung 1,5 bis 2 Millionen Euro ein, stehen in Dautzschen unterm Strich fast 6 Millionen Euro an Kosten. „Eine gewaltige Schippe. Aber es ist ein neuralgischer Punkt. Uns war wichtig zu verhindern – was die Elbe bei Hochwasser gerne möchte – nämlich geradeaus zu fließen und wieder in ihr altes Bett zu gelangen“, erklärt es Bobbe recht anschaulich. Das wollte man mit aller Macht verhindern. Man habe 2002 gesehen, welchen Schaden die Flut im Hinterland anrichten kann. Dass sich die LTV in Dautzschen erstmalig für eine Bohrfallwand entschied, hat auch einen anderen Grund. Beim Schließen der Deichbruchstelle wurden damals riesige Steine und Felsbrocken in den Krater gekippt. „Es gibt ein gewaltiges Schotterpaket bis in 10 Meter Tiefe. Da konnten wir gar keine Spundwände einschlagen“, sagt der Betriebsleiter. Ansonsten hätten sich Spundwände im Bereich von Elbe und Mulde aber schon bestens bewährt. 

Letzter Bohrpfahl 

Am 3. April wurde in Dautzschen der letzte Bohrpfahl betoniert. Für die Firma Anlass, ein Schild aufzustellen, für die LTV aber kein großer Grund zum Feiern. „Erstens müssten wir dann ständig irgendwo an Elbe und Mulde eine Großinvestition einweihen. Zweitens gehen die Arbeiten in Dautzschen ja noch weiter“, so Bobbe. Auf der gesamten Länge des Abschnittes seien noch Erdarbeiten zu erledigen, um die endgültige Deichkubatur herzustellen. Der fertige Deich wird eine Höhe von etwa fünf Metern haben und eine Aufstandsbreite von 38 Metern aufweisen. Außerdem fehlen noch Wegebau- und Landschaftsbauarbeiten. Bis Ende Juli 2019 soll hier alles beendet sein. Mit der Fertigstellung wäre die gesamte Deichlinie des Hochwasserschutzdeiches Zwethau bis Schützberg saniert. Er weist damit einen Schutzgrad für ein statistisch aller hundert Jahre auftretendes Hochwasserereignis auf. Anderswo an der Elbe gibt es für die LTV aber noch reichlich zu tun. Höchste Priorität hat nun der Abschnitt bei Seydewitz und Außig. „Hier drohen die Anlieger ja schon bei einem im Schnitt aller 15 Jahre wiederkehrenden Hochwasser unterzugehen. Sobald wir die Genehmigungen haben, geht es los“, versprach Axel Bobbe. 

 

Wissenswert: 

Der Deichbruch bei Dautzschen gilt als bisher größter Binnendeichbruch Deutschlands. 270 Quadratkilometer standen unter Wasser – drei Orte in Sachsen, 25 in Sachsen-Anhalt inklusive der Stadt Prettin. Etwa 12 000 Einwohner waren betroffen. Die Überflutungsfläche entspricht der Größe von Dortmund, Leipzig oder des halben Bodensees. Die Bruchstelle war am Ende auf 330 Meter ausgespült.


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