Freitag, 24. Mai 2019
Mittwoch, 17. April 2019

TORGAU

Ein Kriegsgott hält Hof in Torgau - ziehen Gegensätze auch Besucher an?

OBM Romina Barth und Landrat Kai Emanuel bei der ersten - schienbar heiteren - Betrachtung des "Dresdner Mars von Giambologna". Foto: TZ/J. Sachse

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Torgau. Lang ersehnt, längst eingetroffen, endlich eröffnet: Nun kommt  mit dem "Dresdner Mars" nicht nur klassische Kunst sondern zeitgleich auch potenzieller Diskussionsstoff in die Räume auf Hartenfels. Lesen Sie hier mehr dazu.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Torgau. Elf Monate ist es her, dass sich die Pforten der Ausstellung „Torgau. Residenz der Renaissance und Reformation“ zum ersten Mal für kulturgeschichtlich interessierte Besucher öffneten. Damals wurde in der Pressekonferenz zur Vernissage gegenüber den Ausstellungsmachern und Kooperationspartnern der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ein besonderer Wunsch geäußert: Neben Werken der Renaissance, die die Geschichte der beiden  einstigen kurfürstlichen Residenzen Torgau und Dresden miteinander illustrieren, sollten nach Möglichkeit auch mehr zeitgenössische Kunst präsentiert werden. Was damals klang wie ein etwas forsch platzierter und am Thema des Tages vorbei schrammender Einwurf, hinterließ bei Marion Ackermann, Generaldirektorin der SKD, bleibenden Eindruck. Und nun zeigt eine neue Doppelausstellung, was aus jener Idee wurde.

 

Mehr als die Geschichte zweier Städte

 

Im Flügel D des Schlosses Hartenfels versammelten sich am gestrigen Dienstagmittag wiederum die Akteure von 2018. Diesmal präsentierte Marion Ackermannmit Sammlerin Erika Hoffmann-Koenige und den Kuratorinnen Pirkko Rathgeber und Claudia Kryza-Gersch ein ganz besonderes Double im ersten Obergeschoss.  So glänzt im Heinrich-Schütz-Saal seit gestern der sogenannte Dresdner Mars von Giambologna. Hierbei handelt es sich um eine Florentiner Kleinbronze, die dem Besucher nicht nur viel über den Wandel des Kunstgenusses im 16. Jahrhundert erzählt, sondern auch beispielhaft gearbeitet und deshalb trotz mehrerer erhaltener Abgüsse derselben Figur einzigartig ist in ihrer Anmutung, wie Claudia Kryza-Gersch, die „Ein Gott auf Reisen“ kuratiert hat, mit einem stolzen Lächeln betonte. 1587 hatte Großherzog Francesco I. de Medici den „Mars“ zusammen mit drei weiteren Kleinbronzen („Der fliegende Merkur“, „Die schlafende Nymphe“ und „Nessus und Deianira“) auf den Weg zu Christian I. nach Sachsen geschickt. Zu dessen Regierungsantritt sollte die kostbare Statuette ein persönliches Geschenk sein. Das – geschaffen vom damals hoch angesehenen und viel umworbenen Hofbildhauer Giambologna –  die über Italien hinaus strahlende Gloria des Hauses Medici in den Augen der politischen Zeitgenossen nur unterstreichen konnte. Anders als die „Nymphe“, der „Merkur“ und „Nessus und Deianira“ wurde der „Mars“ allerdings im Rahmen der Fürsteabfindung 1924 an den Familienverein „Haus Wettin“ abgegeben und gelangte von da aus auf den Kunstmarkt, wo er im vergangenen Jahr im Auktionshaus Sotheby‘s in London überraschend zum Verkauf angeboten wurde.

 

„Ein Geschenk des Himmels!“

 

Für Claudia Kryza-Gersch ein absolut unerwartetes Zeichen, den bronzenen Gott zurück zu holen und das einstige Qartett wiederzuvereinen.
„So richtig kann ich es immernoch nicht glauben, dass er wirklich wieder da ist.“, schwärmt sie. Der Sommer 2018 habe alle auf diesen Moment wartenden Kunsthistoriker „schier verückt“ gemacht. Doch statt das Stück in Dresden auszustellen, womöglich mit seinen einstigen drei „Mitreisenden“, entschied man sich dafür, der historisch gewachsenen Verbindung zwischen der heutigen Landeshauptstadt und Torgau das Privileg der ersten Präsentation angedeihen zu lassen.

Um die Wirkung des Schlüsselstücks „Mars“ noch zu verstärken, setzen die Kuratorinnen ihm auf derselben Etage die Ausstellung „Kriege und Feste“ mit zeitgenössischen Werken aus der Schenkung Sammlung Hoffmann entgegen. So wirft sich einerseits der Kriegsgott, dessen Körpersprache und -bild ganz renaissancetypisch dem Ideal des antiken Männlichkeitsbildes entsprechen, in Positur, während die Exponate „gegenüber“ mit den verschiedenen Sichten auf Körperlichkeit und Geschlechterrollen spielen.

 

Ein Ideal kommt selten allein

 

Mehr noch: ganz bewusst wurden laut  Erika Hoffmann-Koenige Werke ausgewählt, die das Ideal bis zur Auflösung treiben können. Performance-Dokumentationen via Foto lenken den Blick des Betrachters auf den Gegensatz zwischen Ordnung und Chaos in Gestalt erst angespannt, uniform zurecht gemachter und in Reih und Glied aufgestellter junger Frauen, die nach einer gewissen Zeit in sich zusammenfallen und erschöpfungsbedingt allen Halt verlieren. Auch die figürliche Anordnung verschiedenster Styroporverpackungen, eins Schutz für Elektrogeräte, mutet zwar menschlich an, hat dann aber doch mehr von dem, was sie einst Stück für Stück umgab: einer Maschine. Die Frage nach der Realitätstauglichkeit alter und moderner Ideale schwebt im Raum und wird ab sofort zu den Öffnungszeiten des Museums so manchen Besucher herausfordern.  Schließlich, und das bemerkte auch Oberbürgermeisterin Romina Barth, die als Gast der Eröffnung beiwohnte, habe die Rezeption solcher modernen Themen und Motive viel mit einem offenen Blick zu tun, dem starre, konservative Denkmuster im Wege stehen könnten. Wie viel überspitzte Nacktheit, wie viel Interpretationsfreiheit erträgt der Spontanbesucher?
Die Ausstellungsmacher sind sich sicher, dass diese Kombination zum Nachdenken und Diskutieren anregen wird. Eins aber, so bemerkte Marion Ackermann, sei gewiss: Schloss Hartenfels werde mit jeder Ausstellung wieder lebendiger. Und das dürfte auch Nordsachsens Landrat Kai Emanuel, der genau das als „Schlossherr“  immer wieder zum großen Ziel erklärt und während der ersten Blicke auf den „Mars“ kaum aus dem Lächeln herauskam, wie der Blick auf ein Ideal vorkommen, das in greifbare Nähe rückt.

 


Kommentar: Ziehen Gegensätze auch Besucher an?

 

Da ist dieses Schloss, das seit Jahrhunderten auf dem „harten Fels“ über der Elbe thront und Torgau nicht nur dank der ersten protestantisch geweihten Kirche der Welt innerhalb seiner Mauern zu kulturgeschichtlicher Bedeutung verholfen hat. In diesem Prachtbau, der einstigen kurfürstlichen Residenz, kann sowohl Geschichte vermittelt als auch mit moderner Kunst ein Anstoß zur Diskussion über Geschlechterbilder und die Fragen menschlicher Körperlichkeit gegeben werden. Die Sache mit der modernen und im Falle von „Kriege und Feste“ mitunter auch provokanten Kunst ist nur diese: Sie muss nicht jedem gefallen. Wer in ihrer Betrachtung keinen Nutzen sieht (oder sehen will), der wird einfach nicht hinschauen. Und folglich auch nicht mitdiskutieren. So wird es wohl in den Händen der Ausstellungsmanager und Museumspädagogen liegen, dieses vielversprechende Angebot wirkungsvoll zu bewerben, um sein Potenzial nicht zu verschenken. Denn das „Leben“, dass die Werke, glaubt man Marion Ackermann, dem Schloss vermeintlich einhauchen, kommt doch erst mit begeisterten Besuchern, die mit der Suche nach einem Zugang zu den Motiven nicht allein gelassen werden. Und die auch nach ihrem Aufenthalt hier noch davon sprechen, wie großartig dieser krasse Gegensatz zwischen glattem Ideal der Renaissance und herausfordernder Bildsprache heutiger Künstler und Künstlerinnen funktioniert.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Neue Absatzchancen in Österreich und Ungarn
28.05.2019, 09:30 Uhr - 12:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
05.06.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Der Ausgleichsanspruch für den Handelsvertreter
05.06.2019, 13:00 Uhr - 15:30 Uhr
Schichtplangestaltung in der modernen Arbeitswelt
05.06.2019, 13:00 Uhr - 16:00 Uhr
14. Leipziger Arbeitsrechtsforum
18.06.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Aktionstage Unternehmensnachfolge: Branchensprechtag
19.06.2019, 09:00 Uhr - 17:00 Uhr
Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen
20.06.2019, 09:30 Uhr - 15:30 Uhr
Der GmbH-Geschäftsführer
20.06.2019, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
4. Gewerbetag Elektromobilität
21.06.2019, 14:00 Uhr - 18:00 Uhr
10. Fachtagung "Energie-Effizienz-Strategie" 2019
25.06.2019, 13:00 Uhr - 17:30 Uhr
Innenstadtforum 2019
26.06.2019, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Der GmbH-Geschäftsführer
27.06.2019, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Kreativtreff "Ab in die Mitte!"
01.07.2019, 13:00 Uhr - 16:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
10.07.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
10.07.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Gründerabend
07.08.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
14.08.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Aktuelle Entwicklungen im Gewerberaummietrecht
10.09.2019, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
11.09.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
18.09.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
26. Sachverständigentag in Leipzig
26.09.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

fotowettbewerb

Frühlingsabo

Zukunft Heimat

Torgauer Stadtmagazin

INFOS & EMPFEHLUNGEN