Sonntag, 20. Oktober 2019
Freitag, 10. Mai 2019

GESPRÄCH AM SONNTAG

Horst Zieger: "Ablenkung und Entspannung vom Alltag"

Horst Zieger: „Sich regen bringt Segen, ist unser Motto“.Foto: Foto: SWB/HL

Von unserem Redakteur Henrik Landschreiber

Oschatz. Horst Zieger ist Vorsitzender des Kleingartenvereins Oschatzer Waagenfabrik. Im SWB-Gespräch erklärt er, warum ein Garten ein Bestandteil des Familienlebens ist.

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Oschatz. Horst Zieger ist Vorsitzender des Kleingartenvereins Oschatzer Waagenfabrik. Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt er, warum ein Garten ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens ist.

SWB: Sind Sie Kleingärtner aus Leidenschaft oder ist es Ihr Garten, der Leiden schafft?
Horst Zieger:
Auf keinen Fall, nein. Gartenarbeit ist ein äußerst gesundes und entspanntes Hobby. Dieser Fakt sollte mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken. Gartenarbeit ist aktive Erholung an der frischen Luft. Glücklicherweise haben die Medien die positive Rolle eines Gartens in ihrer Berichterstattung für sich entdeckt: Ein Garten ist ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens. Sicherlich löst ein Garten auch nicht alle Probleme, wie den Prozess des Älterwerdens und das Abgeben von Gärten aus Altersgründen.


Ist ein Garten ein Gesundbrunnen bis ins hohe Alter?
Das kann ich bestätigen, ja. Unlängst gab eine 89-Jährige ihren Garten ab. Wir konnten aber auch Barbara Leuteritz, Hans-Joachim Berger und Gerhard Kerl in diesem Jahr ehren. Sie blicken auf eine 50-jährige Mitgliedschaft.


100 Jahre ist ein stolzes Jubiläum: Warum hat der Kleingartenverein Oschatzer Waagenfabrik aus Ihrer Sicht solange überlebt?
Weil es viele engagierte Vereinsmitglieder gibt und es den bisherigen Vereinsvorständen gelungen ist, egal in welchem Gesellschaftssystem wir lebten, die Kleingartenanlage am Leben zu halten. Zu DDR-Zeiten stand die Waagenfabrik hinter unserer Anlage und dem Garten kam eine große Versorgungsfunktion der Bevölkerung mit Obst und Gemüse zu. Nach der Wende gab es Regelungen, welche den Erhalt sicherten und frei werdende Gärten konnten neu vergeben werden. Mittlerweile unterstützen uns drei Ein-Euro-Jobber, die zehn freie Gärten und die drei Vereinsgärten, die nicht mehr verpachtet werden, bewirtschaften. Das geerntete Gemüse wird an die Oschatzer Tafel geliefert.


Wann und unter welchen Umständen sind Sie das erste Mal mit dem Thema Kleingarten konfrontiert worden?
Im Jahr 1985, als ich durch einen absoluten Glücksfall meinen Garten bekam. Die Besonderheit in der Gartenanlage war, dass nur Betriebsangehörige der einstigen Waagenfabrik einen Garten pachten durften. So entstand natürlich eine besondere Bindung zur Firma. Für mich als Lehrer war es etwas Besonderes, in der Anlage einen Garten zu bekommen.


Was gibt es aus 100 Jahren Wissenswertes zu erzählen?
Wir sind ein klassischer Arbeiterverein, der im Hungerjahr 1919 nach dem I. Weltkrieg  als Gartengenossenschaft „Kopp & Haberland“ auf einem Feld gegründet wurde, welches der Waagenfabrik gehörte. Als Gartengröße wurden 150 Quadratmeter festgelegt, das ist bis heute so geblieben. Wer die Firma verließ, musste den Garten abgeben. Ein Teil des Landes wurde gemeinschaftlich als Kartoffelfeld genutzt. Die Ernte wurde gleichmäßig auf die Mitglieder verteilt. Heute wird der Strom für das Rasenmähen kostenlos abgegeben. Und jeder Garten verfügt über einen Wasseranschluss.   


Was bedeutet Ihnen der Garten im Allgemeinen und der Vereinsvorsitz im Speziellen?
Meine Motivation für den Garten hat sich nicht geändert: Die Arbeit bedeutet Ablenkung und Entspannung vom Alltag. Natürlich spielt die Erholung eine große Rolle: Mein Garten ist ein Quell der Freude. Vorstandsvorsitzender zu sein, ist keine leichte Aufgabe, sondern viel Verantwortung und Bürokratie, um rechtliche Bestimmungen umzusetzen. Die Aufgabe bedeutet Licht und Schatten zugleich. Zum einen freut man sich über die Anerkennung, zum anderen fürchte ich um meinen Schlaf, wenn wieder ein Garten aus Altersgründen zurückgegeben wird.  
Zurzeit ist es wieder Mode, eigenes Gemüse anzubauen.
Richtig. Ich habe die Hoffnung auf eine Rückbesinnung zum Gesundheitsbewusstsein. Von unseren 107 Gärten werden 16 als Doppelgärten genutzt, wo verstärkt Gemüse angebaut wird.


Wie steht es um freie Gärten?
Zehn Gärten sind aktuell frei. Unsere Lage, mitten im Wohngebiet, ist ein Plus: Unsere Anlage ist zu Fuß zu erreichen. Viele junge Familien entdecken gerade einen Garten für sich.


Wann und wie wird das 100-Jährige gefeiert?
Am Samstag, dem 22. Juni, wird ab 15 Uhr in der ehemaligen Gaststätte „Zum Windhuk“ das 100-jährige Gründungsjubiläum mit einer Kaffeetafel, Gegrilltem und Bier gefeiert. Für die Kinder gibt es klassische Geschicklichkeitsspiele. Von 18 bis 23 Uhr kann bei einer Disco das Tanzbein geschwungen werden. 

    
100 Jahre Kleingartenverein:
Oschatzer Waagenfabrik am Samstag, dem 22. Juni, ab 15 Uhr auf dem Gelände der ehemaligen Gaststätte „Zum Windhuk“

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