Montag, 27. Mai 2019
Dienstag, 14. Mai 2019

TORGAU

Busfahrerin mit Leib und Seele

So kennen die Fahrgäste Roya Mehriyan: Mit guter Laune sitzt sie am Bus hinter dem Steuer.Foto: TZ/Perz

von unserer Volontärin Elisa Perz

Torgau. 2014 kam Roya Mehriyan mit ihrer Familie aus dem Iran nach Deutschland. In Torgau hat sie nicht nur ein neues Zuhause gefunden, sondern auch ihren Traumberuf als Busfahrerin entdeckt.

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Ein Montagvormittag. Schnelle, leichtfüßige Schritte sind im Treppenaufgang zu hören. Dann ein Klopfen an der Tür vom Büro bei Ingo Schmidt. Roya Mehriyan kommt herein und wird herzlich von dem Sachbearbeiter für Fahrdienst und Telematik der Omnibus-Verkehrsgesellschaft „Heideland“ (OVH) begrüßt: „Hallo Frau Mehriyan. Da geht doch gleich die Sonne auf, wenn ich Sie sehe.“

Die Iranerin lächelt und hat gute Laune, obwohl sie seit fünf Uhr morgens auf den Beinen ist. Jetzt ist es 10.30 Uhr. Der erste Teil ihrer heutigen Schicht liegt hinter der Busfahrerin, rund viereinhalb Stunden war sie gerade auf den Straßen im Altkreis Torgau und Oschatz unterwegs. Mittlerweile ist sie mit der hiesigen Region bestens vertraut. Ihre Strecken kennt sie in- und auswendig. Als sie vor rund zehn Monaten ihre Stelle bei der OVH antrat, sah das noch anders aus. „Es hat eine Weile gedauert, bis sich Frau Mehriyan hier zurechtgefunden hat. Aber das war der einzige Punkt, der nicht von Anfang an einwandfrei lief“, erklärt Dirk Hoßbach, Leiter für Verkehr und Technik, im Gespräch mit der Torgauer Zeitung. „Sie hat einen sehr guten Fahrstil, fährt ruhig und vorausschauend. Außerdem ist sie immer freundlich – sowohl zu den Kunden als auch zu ihren Kollegen. Man merkt einfach, dass sie ihren Job gern macht.“

Familientradition

Busfahrerin ist der absolute Traumberuf der 29-Jährigen. Die Begeisterung dafür kommt nicht von ungefähr. Schon als kleines Mädchen hat sie ihren Vater auf seinen Touren als Lkw- und Busfahrer begleitet und ihm über die Schulter geschaut. „Auch mein Großvater war Lkw-Fahrer, meine drei Onkel sind es heute noch. Wahrscheinlich liegt mir das Fahren im Blut“, sagt Roya Mehriyan, die in ihrer Heimat jedoch nicht im Bus hinterm Steuer saß. Im Iran sei es schwer, als Frau einen Männerberuf zu ergreifen, erklärt sie. Stattdessen absolvierte sie nach dem Besuch des Gymnasiums die Ausbildungen zur Friseuse und Kosmetikerin sowie eine für die Arbeit an Computern. In den ersten beiden Berufen arbeitete sie auch, außerdem als Verkäuferin im Textilhandel. Weil es ihr Spaß machte, fuhr sie außerdem Schulkinder im Schülertaxi von zu Hause zur Schule und umgekehrt. „Das Fahren, egal ob von Autos, Lkws oder Bussen, ist eben meine Leidenschaft. In Torgau kann ich sie leben und unsere Familientradition fortsetzen.“

Bis es dazu kam, hat es allerdings einige Zeit gedauert. Denn der Weg bis hierhin, bis in die Große Kreisstadt, war für sie nicht gerade leicht. Im August 2014 kam sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem jetzt neun Jahre alten Sohn in Deutschland an. Zunächst war die Familie für zwei Wochen in einem Heim in Chemnitz untergebracht gewesen. Dort hatten sie auch Asyl beantragt, bevor es für die drei nach Torgau ging. Die Elbestadt wurde ihnen von der Ausländerbehörde als Wohnort zugewiesen. Etwa zwei Jahre dauerte es, bis sie die offizielle Anerkennung als Flüchtlinge in den Händen hielten. „Wir haben uns in Torgau von Anfang an sehr wohlgefühlt, überhaupt nicht fremd. Das lag sicherlich auch daran, dass wir gut aufgenommen wurden und viel Unterstützung erhielten“, erinnert sich Roya Mehriyan, die vor allem auf die Hilfe von Dr. Jochen Hesse, ihrem deutschen Betreuer, bauen konnte. Eine Abneigung gegen Ausländer habe sie in Torgau nicht gespürt. Im Gegenteil, alle seien sehr nett zu ihnen gewesen.

„Mittlerweile haben wir gute Freunde hier. Nicht nur ausländische, sondern vor allem viele Deutsche. Mein Mann arbeitet als Dreher und mein Sohn geht in die dritte Klasse in die Grundschule am Rodelberg. Wir haben uns gut eingelebt. Wir feiern die Feste aus unserer Heimat genauso wie die deutschen Feste und Traditionen. Uns geht es gut und wir möchten in Torgau bleiben.“
Ein leichter Akzent ist zu hören, wenn die Iranerin auf deutsch spricht. Die deutsche Sprache falle ihr immer noch schwer, gibt sie zu. Und die Sprache war auch ein Grund, warum die 29-Jährige anfangs nicht daran glaubte, jemals Busfahrerin in Deutschland werden zu können.

Lange Suche

Noch vor dem Beginn ihrer Ausbildung musste sie zunächst die Führerscheinprüfung der Klasse B in Angriff nehmen. Zwar besaß sie längst den iranischen Führerschein, doch der wird in Deutschland nicht anerkannt. Nach der Ausbildung bei der Fahrschule Schnabel in Zinna meisterte sie sowohl die praktische als auch die theoretische Prüfung mit Bravour. „Beide Prüfungen haben gleich im ersten Anlauf funktioniert. Das hatte ich nicht erwartet, besonders bei der theoretischen“, weiß die Busfahrerin heute noch. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie außerdem das B1- und B2-Zertifikat des Deutsch-Tests für Zuwanderer in der Tasche, sodass einer Ausbildung nichts mehr im Wege stand. Außer der Umstand, dass sich die Suche nach einem Ausbildungsbetrieb schwierig gestaltete. Aufgrund mangelnder Bewerberzahlen boten und bieten viele Fahrschulen keine Lehre an. Doch letztlich wurde die Torgauerin bei der Fahrschule Gerber in Riesa fündig, auch dank der Unterstützung von den Mitarbeitern des Jobcenters in Torgau.

„Von der OVH hatte ich damals schon die Zusage, dass ich dort anfangen kann, wenn ich die Ausbildung bestehe. Dafür war ich sehr dankbar. Und auch mein Mann stand mir während der acht Monate Unterricht die ganze Zeit zur Seite. Trotzdem war es nicht leicht, den ganzen Lehrstoff auf deutsch zu lernen.“

Aber Roya Mehriyan klemmte sich mit viel Ehrgeiz hinter die Ausbildung und konnte ihr Glück nach den notwendigen bestandenen IHK-Prüfungen kaum fassen. Stolz berichtete sie daraufhin ihren Freunden und ihrer Familie von dem Erfolg. Dem Großteil davon, nämlich den Personen, die im Iran leben, jedoch nicht persönlich. Per WhatsApp oder durch Anrufe hält sie täglich zu ihnen Kontakt. Nichtsdestotrotz vermisst die 29-Jährige insbesondere ihre Eltern und Schwiegereltern: „Ich würde sie gerne mal nach Torgau holen und ihnen unser Leben hier zeigen: die Stadt an sich, die Umgebung, unsere Freunde, unsere Arbeit.“

Wobei „Arbeit“ für Roya Mehriyan das falsche Wort ist. Ihr Job als Busfahrerin ist ihr Traumberuf und bereitet ihr jeden Tag viel Spaß. Sie stehe gerne um fünf Uhr morgens auf, wenn sie wisse, dann auf Arbeit gehen zu können, schwärmt sie. Auch über ihre Fahrgäste könne sie nur Gutes sagen. „Sie sind in Torgau fast alle immer sehr nett. Bisher gab es nur einen Mann, der zu Beginn ein wenig unfreundlich war. Er ist anfangs nicht in meinen Bus eingestiegen, weil er lieber von einem Mann gefahren werden wollte. Doch als ich zum zweiten Mal an der Haltestelle ankam, ist er schließlich mitgefahren und hat danach gemeint, dass es eine sehr angenehme Fahrt war“, erzählt die Iranerin, bevor sie das Büro bei Ingo Schmidt wieder verlässt und sich nach der Pause in den „Schlenki“, in einen der Gelenkbusse der OVH, setzt. Dreieinhalb Stunden wird Roya Mehriyan heute noch unterwegs sein – mit Freude und einem Lächeln im Gesicht.


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