Mittwoch, 16. Oktober 2019
Donnerstag, 20. Juni 2019

HISTORIE

Eine traumhafte Hochzeit

Von Annelore Bösch

Dommitzsch. Annelore Bösch beschreibt in ihrem Buch „Elbschatten“ ihre Kindheit in Dommitzsch

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Dommitzsch. Menschen über Menschen standen dicht gedrängt und bildeten ein Spalier, spannten mehrere Seile hintereinander vor das Brautpaar. Bis der Bräutigam seine Geldtaschen leerte und Klimpergeld im hohen Bogen in die Menge warf. Nun gab es überhaupt kein Vorwärtskommen mehr. Jeder bückte sich, um etwas vom Glücksgeld zu erhaschen. Erst als ein großer Bus vor der Kirche parkte und durch lautes Hupen die Hochzeitsgesellschaft zum Einsteigen mahnte, wichen die Leute. Die Gesellschaft wurde bei der Partie zum Restaurant Fährhaus immer lustiger, sie sangen „Ein Prosit der Gemütlichkeit“, während ein Studienfreund Siegmunds mitgeführte frisch gebackene Berliner für die Kaffeetafel bereits im Bus an die Insassen verteilte.

Lorchens Eltern hatten keine Mühe gescheut, diesen Tag so schön wie überhaupt möglich zu gestalten. Bei einem Bauern ergatterten sie für reichliche Gegenleistung ein ganzes Kalb, das in der Fährhaus-Küche zum Festessen zerlegt wurde.
Der Elbdamm lud die Gäste zur Polonaise ein und froh gestimmt paradierten sie entlang des Flusses bei herrlichem Sonnenschein. Die Feierlichkeit nahm ihren Höhepunkt beim vergnüglichen Tanz im Fährhausgarten bei flotten Rhythmen dreier Musikanten.

Schmahls Bubi drückte als ehrenwerter Fotograf häufig auf den Auslöser, mit dem Ziel, stets die Elbe als Hintergrund aufs Bild zu bekommen. Lorchens Wunsch erfüllte er gerne. Das Hochzeitszimmer im selben Haus bot den Brautleuten kein gemütliches Ambiente. Beim Versuch, eine glückliche Nacht zu verbringen, krachte das Bett zusammen. Erschrocken kletterten die Brautleute aus der Falle. Siegmund versuchte brummend, das von übermütigen Freunden auseinandergenommene Bett wieder aufzustellen, während Lorchen hilflos bibbernd im Negligé danebenstand. Somit wurde es keine geruhsame Liebesnacht, eher eine stürmische und Verwünschungen lauthals in die Nacht gerufen.

Es verging etliche Zeit, bis die Schwerarbeit der Bettgestellmontage zu einer schlaffähigen Stätte führte. Und als der Morgen graute, stürmten beide hinaus, stürzten sich in die Elbefluten und wuschen sich den Ärger der misslungenen Liebesnacht mit frischem Elbwasser ab.
Auf Tischen, Fußboden und Fensterbänken füllten Geschenke und Blumen ein ganzes Zimmer. Vom Kochtopf bis zum feinsten Frühstücksporzellan war der Hausstand für den Anfang gesichert. Siegmund drängte seine Frau zur eiligen Abreise in die gemeinsame Wohnung mit seinen Eltern nach Merseburg.

„Aber wozu so schnell?“, fragte Lorchen. „Ich habe mir noch gar nicht die Geschenke angesehen!“ „Ist nicht so wichtig!“, meinte ihr Mann. „Ich möchte es so!“ Verständnislos packte sie die nötigsten Sachen und ab ging die Reise.
Mama Barrmann weinte und sprach kein Wort. Sie sah vergrämt und blass aus. Was war geschehen? Es äußerte sich niemand. Lorchen wurde etwas argwöhnisch, fand aber keine Erklärung. Die Feier war so toll gewesen und schiefgelaufen war auch nichts. Oder doch?

Siegmunds Eltern hatten eine größere Wohnung bezogen, sodass die beiden jungen Leute dort in zwei Räumen mit gemeinsamem Bad und Küche wohnen konnten.
Für eine Hochzeitsreise fehlten Geld und Zeit. Lorchen musste ihre neuen Pflichten an der Schule wahrnehmen. Die Arbeit erledigte sie gerne, war mit Leib und Seele dabei, und es gab keinerlei Schwierigkeiten.

„Ich möchte nicht, dass du mit deinen Eltern telefonierst oder sie besuchst!“, dieses Verbot kam über Siegmunds Lippen. „Was soll ich nicht? Wieso nicht? Wie kannst du so etwas verlangen? Was ist passiert?“ Lorchen kam sich wie eine Gefangene vor. „Das kannst du nicht von mir verlangen, ehe ich nicht weiß, warum“, entgegnete sie. „Es bleibt dabei, ich will das so!“ Siegmund gab nichts preis und ließ seine Frau in Ungewissheit. 

Zur Person

Die Autorin Annelore Bösch hat vor zehn Jahren ein Buch namens Elbschatten veröffentlicht, in dem sie ihre Kinder- und Jugendzeit in der Kleinstadt Dommitzsch beschreibt. Sie ist mittlerweile 90 Jahre alt und lebt in Lage, Nordrhein-Westfalen. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte die frühere Heilpraktikerin in der ehemaligen DDR – von 1928 bis circa 1951 wohnte sie in Dommitzsch. Ihre Karriere als Schriftstellerin begann die Seniorin vor etlichen Jahren mit einem Kinderbuch. Inzwischen hat sie mehr als zehn Bücher verfasst. Das Werk „Elbschatten“ ist leider im normalen Vertrieb nicht mehr zu erwerben, da der Verlag pleite ist. Ein Exemplar ist aber in der Stadtbibliothek Dommitzsch erhältlich. Die TZ-Leser können sich anhand der Geschichten ein Bild machen, wie die Lebensverhältnisse in der Vor- und Nachkriegszeit waren und welche Herausforderungen die Menschen im Alltag zu bewältigen hatten.


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