Dienstag, 15. Oktober 2019
Donnerstag, 20. Juni 2019

HISTORIE

Eine komplizierte Schenkung

Von Dr. Alfred Esser

Torgau. Dr. Alfred Esser erinnert sich an die Wirren der Deutschen Demokratischen Republik

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Im Sommer 1987 waren wir mal wieder zu einem unserer alljährlichen Besuche bei unserer Verwandtschaft ins Torgau. Da ich in München in meiner Gynäkologischen Praxis ein Ultraschallgerät austauschen wollte, fragte ich meine Schwägerin, die seinerzeit als Betriebsärztin im Steingutwerk arbeitete, ob das Kreiskrankenhaus mein bisheriges Gerät gebrauchen könne. Ich wusste nämlich von ihr, dass Patientinnen bei Bedarf bis nach Halle oder Leipzig gebracht werden mussten.

Sie verwies mich an den Torgauer Kreisarzt. Dieser empfing mich nach Anmeldung in einem winzigen Kämmerchen des Schlosses Hartenfels. Ich erinnere mich noch genau, dass er mich hauptsächlich darüber ausfragte, warum ich der DDR, bzw. der Stadt Torgau eine solche Schenkung machen wolle. Er verstand oder wollte mich einfach nicht verstehen, wie so viele andere auch nicht. Mögliches Motto: „Brauchen wir nicht, bereits benutzte schon gar nicht!“

Sollte es denn dem Land erst noch viel schlechter gehen, bevor man irgendwelche bestimmt selbstlose Hilfen annehmen wollte? Genügte mein ihm geäußertes Motiv nicht, dass ich dieser Stadt seit 1966 sehr verbunden war, weil meine Frau von hier kam, die als 18-Jährige die DDR verlassen, „drüben“ Fuß gefast und studiert hatte, wir uns kennengelernt hatten und jährlich anfangs per Zug und nach zwei bis drei Jahren per Auto ihre Familie besuchten. Ich glaube, einmal habe ich diesem Kollegen Kreisarzt gesagt: „Mensch, verstehen Sie nicht, ich liebe meine Frau und auch diese Stadt, aus der sie kommt!“

Jedesmal war es eine Nervenprobe, bis die Genehmigung zur Einreise kam, nicht wissend, welche unangenehmen Fragen und Kontrollen uns an der Grenze erwarteten. Lediglich eine Zollbefreiung für diese Schenkung wollte ich haben, da der Zoll nach dem ehemaligen Neuwert des Gerätes berechnet werden sollte.
Die Zollverwaltung der DDR, welche ich deswegen anschrieb, teilte mir mit, dass sie für die Einfuhr der „genannten Gegenstände“ keine Genehmigung geben könne, wolle ihrerseits jedoch die „zuständigen Organe der Deutschen Demokratischen Republik“ darüber informieren.

Zurück in München, fragte ich brieflich bei der „Ständigen Vertretung der DDR“ in Bad Godesberg nach, die mir zusagte, sich bei diesen „Zuständigen Organen“ für mich einzusetzen und versprach mit angenehmen Weihnachtstagen und einem erfolgreichen neuen Jahr, meine Anfrage zu klären. Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile eine Art trotzigen Ehrgeiz entwickelt hatte, am Ball zu bleiben, um zu schauen, ob es vielleicht doch eine vernünftige, das heißt einsichtige, Bürokratie gäbe, die das Projekt gutheißt.

Nach erneuter Anfrage bekam ich in der Tat nach rund zwei Monaten, das heißt im Januar 1989, diesmal vom „Rat des Kreises Leipzig, Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen“ in Absprache mit der „Bezirkszollverwaltung Leipzig“ den Bescheid, dass ich mein Ultraschallgerät Sonoline 1000 als Schenkung ohne Zollgebühren an die Geburtshilfliche Abteilung des Kreiskrankenhauses Torgau übergeben könne; mit herzlichem Dank, aber selbstredend ohne Serviceleistungen!
Es gab also doch noch übergeordnete Stellen, die nicht misstrauisch oder ängstlich reagierten.

Im April 1989 reiste ich nach üblicher Anmeldung und Genehmigung für ein verlängertes Wochenende mit vielen Kartons in meinem Kombi nach Torgau. An der Grenze angekommen, musste ich nicht  wie all die vielen Male seit 1966 auf eine der separaten Kontrollspuren ausweichen, wo man jeweils mehr oder weniger genau ausgefragt und kontrolliert wurde, sondern ich wurde auf meiner Spur fast ohne Anhalten einfach durchgewinkt, d. h., mein Autokennzeichen reichte diesmal aus. Wir waren demnach seit Jahren an der Grenze und in Torgau als harmlos bekannt und als unverdächtig registriert.

In Torgau angekommen, fuhr ich zuerst „nach Hause“ und dann mit meiner Schwägerin als medizinische Begleitung zum Krankenhaus. Dort musste ich durch eine hintere Toreinfahrt, den Lieferanteneingang, fahren, wo mich Chefarzt, Oberärztin und Assistenten samt Stationsschwestern begrüßten, fast wie bei einem Staatsempfang. Mir war das sehr peinlich und äußerst unangenehm, denn ich hatte vorgehabt, irgendeinem jungen Assistenten die Funktionen des Gerätes kurz zu erklären und wieder davonzufahren.
Na ja, ich hab’s überlebt, und von einer sehr netten und sympathischen Ärztin nach Wochen oder Monaten einen Brief bekommen, wie glücklich und zufrieden sie mit diesem Ultraschallgerät seien.


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