Freitag, 19. Juli 2019
Dienstag, 25. Juni 2019

TORGAU

Einmal Mäuschen spielen vorm Orgelgeburtstag

Orgelbauer Christian Max kennt jede Pfeife, jedes Register und Stäbchen des Instruments in St. Marien.Foto: TZ/J. Sachse

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Torgau. Wenn die Orgelnacht ansteht, wird traditionell noch einmal gehorcht, welche Pfeifen es zu stimmen gilt. Dieses Jahr feiert Kantor Ekkehard Saretz gleichzeitig den 35. Jahrestag ihrer Aufstellung und TZ-Redakteurin Julia Sachse durfte Mäuschen spielen...

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Torgau. „Herr Saretz, Ihre Orgel ist ja wunderschön! Ich meine – Sie wissen das natürlich. Aber im Ernst: Wissen Sie das? Ich habe noch nie etwas vergleichbares gesehen!“, sprudelt es aus mir heraus, als ich nach zehn Minuten wieder vor dem Kantor stehe. Ekkehard Saretz lacht mich an. Denn natürlich weiß er, was „seine“ Orgel da gerade mit mir gemacht hat. Sie hat mich eingeladen, hier einzuziehen. Und ich bin froh, nur schnell den Akku meiner Kamera wechseln zu müssen und dann gleich noch einmal die schmalen Treppchen ins Innere hinaufsteigen zu können...

 

„Er ist da – kommen Sie rüber?“

 

Es ist Montagnachmittag und das Telefon klingelt. Ekkehard Saretz ist dran und fragt, ob ich Zeit hätte, später ein paar Fotos zu machen, wenn der Orgelbauer aus Zittau die Lipppfeifen stimmt. Ich könne ihm ein wenig über die Schulter schauen und dann erführe ich noch einige Details zur bevorstehenden Orgelnacht am Freitag, dem 28. Juni. Er würde sich gleich nochmal melden, sobald der Spezialist da sei. Es würde tolle Fotos geben, da war ich mir sicher und da der „Geburtstag“ der Schuster-Orgel sich bereits zum 35. Male jährte, ich aber noch nie so nah an ihr Herz, das Hauptwerk heran gekommen war, wuchs mit jeder Minute bis zum erlösenden ANruf die Neugier. Dann endlich! „Er ist da – kommen Sie rüber?“ Ich schnappte meine Sachen und flog fast schon zur Stadtkirche. In meinem Kopf drehte sich alles nur noch um den Kantor, die Orgel und ihre Pfeifen. Pfingsten 1984 wurde sie vom Zittauer Orgelbaumeister Siegfried Schuster fertiggestellt, am Pfingstmontag spielte Saretz bereits die erste Messe darauf. Bis heute sitzt er fast täglich daran und bringt die mal winzig kleinen und schmalen, mal Meter hohen und im Umfang stattlichen Pfeifen mittels 41 Registern und 3 Mannualen sowie beherzten Tritten auf die Pedale zum Erklingen.
So auch, als ich gerade die große Glastür zum Kirchenschiff öffne und langsam in Richtung Orgel schleiche. Aber der Kantor und Orgelbauer Christian Max bemerken mich schnell. Ihr Gehör ist eben feiner als das der meisten anderen. Bei Hunderten von Pfeifen in nur einem Instrument muss das schließlich auch so sein, wie ich später noch selbst erfahren würde.

 

Sei schmal, sei klein – komm rein!

 

Als ich näher komme, sehe ich auf den Stufen zur Bank hinauf mehrere Werkzeugkästen stehen, einige Rollmäppchen mit Feinwerkzeug sind ausgebreitet worden, manches sieht aus wie der Otto-Normal-Satz und anderes mutet ein bisschen an wie Dentistenutensilien. Alles, was hier liegt, ist dafür da, um der Orgel ihren einzigartigen Klang und jeder Pfeife einen klaren Ton wiederzugeben. Die Lipppfeifen seien nicht so wartungsintensiv wie die Zungenpfeifen, denn die müssten vor jedem neuen Konzert gestimmt werden, erklärt mir Ekkehard Saretz. Alle paar Jahre würde jede einzelne Pfeife ausgebaut und das gesamte Instrument gereinigt, bevor es wieder zusammen gesetzt und komplett gestimmt würde. In fünf Jahren ist es wieder so weit. „Aber darum muss sich dann schon mein Nachfolger kümmern.“, scherzt Ekkehard Saretz. Dass es Kirchenmusik hier in St. Marien bald ohne ihn geben wird, daran möchte jetzt noch niemand so recht denken.

 

Greifen, putzen und pusten

 

Erst einmal bereitet sich alles auf die Orgelnacht vor. Und ein paar Töne sitzen noch so gar nicht, wie auch Christian Max vernimmt, als Saretz ausgewählte Tasten anschlägt. Jetzt hält es den Zittauer nicht mehr am Boden, er sucht fünf, sechs Werkzeuge zusammen, bedeutet mir, ihm zu folgen und verschwindet hinter der Orgel, scheinbar in der Nordwand. Wir klettern einen kaum siebzig Zentimeter breiten Steig hinauf ins sogenannte Hauptwerk, über uns geht es noch weiter ins Ober- und ins Brustwerk, aber die schiefen Töne kommen von hier. Also schlüpft der Experte durch eine kleine Tür, die auch 350 statt 35 Jahre alt sein könnte, in einen nur durch Neonröhren zu erhellenden winzigen  „Raum“. Er ist nicht für Menschen gebaut worden, sondern für Töne – sind wir gerade noch an den Seilen und Stabverbindungen vorbei gekommen, über die gesteuert wird, welche Pfeifen Luft bekommen, so erhebt sich jetzt vor uns die akustische Bandbreite des Manuals I. Und Ekkehard Saretz testet all seine Sorgenkinder, lässt sich von Christian Max zurufen, wenn eines nochmal aufschreien soll, um mit fachkundigen Griffen, kurzer Reinigung oder kräftigem Durchpusten anschließend besänftigt zu werden. Dann spielt Saretz eine ganz kurze Melodie, nicht ohne mich vorher mit dem Ziehen aller Register auf Lautstärketauglichkeit zu testen. Und plötzlich wird mir bewusst, warum unmittelbare Wahrnehmung von Musik therapeutische Wirkung hat. Ich stehe direkt neben dem Ursprung der Klänge, höre ganz genau hin, kann die Noten beinahe sehen, wenngleich es natürlich „nur“ die metallenen Hüllen sind, die ich mit ausgestreckter Hand berühren könnte. Sie würden vibrieren und auch noch spürbar machen, was man sonst als Konzertgast „nur“ erlauschen kann. So etwas erlebt man wahrscheinlich nur einmal. „Wäre es nicht so eng, würde ich hier glatt einziehen!“ sage ich, als wir wieder kalten Sandstein unter den Füßen haben statt des warmen Holzes der Laufbretter von eben.

 

 


Info:
Am kommenden Freitag um 20 Uhr ist es nun soweit: Das Mitteldeutsche Kammerorchester unter der Leitung von Wolfgang Kupke und Cellist Stephan Forck sowie Organist Daniel
Beilschmidt  begehen gemeinsam mit Ekkehard Saretz in der Marienkirche die 28. Orgelnacht. Erst wird gehorcht und geträumt und dann im Kirchgarten lecker gesnackt. Kaum ein Genuss, der zu entbehren wäre!

Tickets gibt es im Torgau Informations Center Tel. 0342170140


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