Samstag, 24. August 2019
Dienstag, 16. Juli 2019

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Klick! für einen Abstecher nach Wolfen

Das heutige Industrie- und Filmmuseum befindet sich in den ehemaligen Produktionsgebäuden der Filmfabrik Wolfen und ist von Torgau aus und mit dem Auto am günstigsten über die B 183 zu erreichen. Foto: Industrie- und Filmmuseum

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Bitterfeld/Wolfen. Von der Rohfilmherstellung bis zum Urlaubsfoto kann man im Industrie- und Filmmuseum alles entdecken und viel ausprobieren.

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Als Cinéastin und Foto-Fan bin ich von Natur aus neugierig auf alles, was es über die Geschichte und die technische Entwicklung der noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts als „Magie“ bezeichneten Fotografie zu wissen gibt. Deshalb steht auf meiner persönlichen Ferienliste das Industrie- und Filmmuseum in Bitterfeld-Wolfen auch ganz oben. Als einziges Museum weltweit zeigt man dort noch heute Besuchern die Filmherstellung an Originalmaschinen aus den 30er- und 50er-Jahren.

Geschichte am Originalschauplatz

Im Jahr 2020 jährt sich die Betriebsaufnahme der Agfa Filmfabrik Wolfen zum 110ten-mal. Innerhalb von weniger als 10 Jahren schaffte es das Werk Anfang des 20. Jahrhunderts, zum größten Produzenten von Rohfilm Europas und zum zweitgrößten weltweit zu werden. Diesen Status behielt es bis Anfang der 1950er–Jahre. Wolfen entwickelte den ersten praktikablen Farbfilm der Welt. Die Filmfabrik stellte damit den Film- und Fotoanwendern ein herausragendes Produkt zur Verfügung, das die Medienwelt bis zum heutigen Tag entscheidend geprägt hat. In Spitzenzeiten beschäftigte das Wolfener Werk deshalb bis zu 15 500 Menschen.

Das Industrie- und Filmmuseum Wolfen befindet sich in einem ehemaligen Produktionsgebäude der Filmfabrik Wolfen erinnert mit seinen Ausstellungen an die Bedeutung der ehemaligen Fabrik. Das Museum ist ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH) und befindet sich nur ca. 11 km entfernt von der weltweit größten Kulturlandschaft Goitzsche.

AGFA und ORWO: Hier entwickelt!

Der Besucher kann im Rahmen einer Führung anhand von Originalmaschinen die Herstellung des AGFA- bzw. ORWO-Films nachvollziehen. 

Wenn Sie – sollten Sie, wie ich manchmal eben einfach gern „altmodisch“ analog fotografieren – Ihren Fotoapparat auf herkömmliche Weise mit einer Filmpatrone bestücken, machen Sie sich da bewusst, unter welchen harten Temperatur- und Lichtbedingungen der Rohfilm vor ein paar Jahren noch hergestellt wurde?

 Ahnen Sie, wie viele Arbeitsschritte notwendig sind, bis ein Film für 36 Aufnahmen für Sie im Geschäft zum Erwerb bereit liegt? Im Museum erwartet Sie zum Besipiel ein interessanter Einblick in die Produktionsbedingungen eines der wenigen noch erhaltenen Gebäude der ehemaligen Filmfabrik Wolfen: der Begießerei I.

Weiß geflieste Räume zum Aufschmelzen der Emulsion, eine gewaltige Begießmaschine aus den 30er-Jahren am Originalstandort sowie große dunkle Gänge zum Transportieren der mit Emulsion begossenen Unterlage vermitteln dem Museumsgast mit ihrem eigenwilligen Flair einen Hauch von Industrieromantik.

Führungen durch den Bereich Filmherstellung finden um 10, 12 und 14 Uhr statt. Die Führungen beginnen mit dem  kultigen Agfa-Werbefilm aus dem Jahre 1960: „Film und Faser“ und anschließend besichtigen Sie den Bereich „Filmherstellung“.

„Damit habt Ihr fotografiert?“

Auf diesen Satz sollte man sich schon mal vorbereiten, denn für unsere Kinder ist es inzwichen selbstverständlich, dass ein Klick eine Displayansicht liefert und auf eine Speicherkarte Tausende Bilder passen. Film einlegen, Belichtung prüfen, Blende einstellen, Klick!, zurückspulen - alles unbekanntes Land!

Die Schatzkammer des Museums beherbergt eine Sammlung von über 800 Fotoapparaten, Film- und Diaprojektoren vorwiegend aus deutscher Produktion. Sie ist die größte öffentlich zugängliche Sammlung in Sachsen-Anhalt und zeigt sicher auch Ihre „gute alte“ Exa, Praktika oder Leica. Entstanden ist dieses Konvolut aus Sammlungen der Filmfabrik Wolfen und des Kreismuseums Bitterfeld. Viele Privatpersonen und Institutionen schenken dem Museum bis heute historische Apparate. So beispielsweise übergab die aufgelöste Fotofachschule in München 2005 dem Museum eine umfangreiche Sammlung.

Frauen in der Filmfabrik

Die Filmfabrik Wolfen war 85 Jahre lang Arbeitsplatz für viele Frauen der Region. Flinke Frauenhände wurden bei der Konfektionierung der Filme und bei der Herstellung von Chemiefasern benötigt. In den 70er-Jahren entwickelte sich die Filmfabrik Wolfen zum größten Frauenbetrieb der DDR. Mit 60 Prozent Frauenanteil und über 8000 weiblichen Beschäftigten war das Werk prägend für die Arbeitswelt vieler Frauen in der Region. Somit gilt die Filmfabrik exemplarisch für die Arbeitsbedingungen werktätiger Frauen in den neuen Bundesländern.

Besondere soziale Angebote für die in der Filmfabrik tätigen Frauen sind jedoch nicht ausschließlich sozialistische Errungenschaften. Bereits mit dem Aufbau des Werkes ab 1909 versuchte die Betriebsleitung den Frauen mit sozialen Angeboten die Arbeit zu erleichtern und sie als Stammbelegschaft zu gewinnen. Das Wohlfahrtsheim und das Wöchnerinnenheim wurden errichtet – nur zwei Teile der kleinen „Stadt im Werk“. In der Filmfabrik wurde ein Frauenspeisesaal geschaffen. Zur Erholung stand ihnen ein Ferienheim in Thüringen zur Verfügung.

„Stadt im Werk“

Diese sozialen Angebote wurden nach 1945 unter der Losung „Gleichberechtigung der Frau“ kontinuierlich erweitert z. B. durch die Nutzung der betriebseigenen Wäscherei, des Bestellservice für Waren des täglichen Bedarfs oder durch zahlreiche Kinderkrippen- und Kindergartenplätze. Auch der „Muttibus“, das Kuren-Angebot und die werkseigene Schneiderei wurden für die Frauen eingerichtet. In speziellen Klassen der Betriebsakademie qualifizierten sich Frauen zu Facharbeiterinnen, Meisterinnen und Ingenieurinnen. Frauen nahmen als Generaldirektorin, Sozialdirektorin und Personaldirektorin Verantwortung im Werk wahr.

Am 21. Juni 2000 enthüllte die Frauenministerin Sachsen-Anhalts, Dr. Gerlinde Kuppe, im Rahmen des Expo-Projektes „FrauenOrte“ die vor dem Industrie- und Filmmuseum stehende Informationstafel. Diese Tafel ist den vielen werktätigen Frauen der ehemaligen Filmfabrik Wolfen gewidmet.

Probieren geht über studieren!

Für Kinder hat sich das Museum ganz besondere Mitmach-Aktionen ausgedacht. So kann man hier Schattentheater basteln, um die Wirkung von Licht und Schatten zu erkunden. Oder man meldet sich zum „Experiment Filmentwicklung“ an und lässt mal selbst ein richtiges Foto entstehen – unter freundlicher Aufsicht, versteht sich! Auch die angebotene Bollerwagentour ist gerade für kurze Beinchen sicher eine spannende und entspannte Möglichkeit, das Gelände zu entdecken. Und das eine oder andere schöne Foto machen Sie dann sicherlich auch noch davon!


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