Montag, 6. April 2020
Montag, 14. Oktober 2019

NORDSACHSEN

Nordsachsen schwören auch künftig auf Kopfnoten

So sehen sächsische Zeugnisse im Moment noch aus: Über den „normalen“ Schulnoten stehen die Kopfnoten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung. Foto: TZ/Jack

Von Eileen Jack, Elisa Perz und Nick Leukhardt

Nordsachsen. Nach dem Gerichtsurteil zur Abschaffung der Zensuren in Betragen, Ordnung, Fleiß und Mitarbeit hoffen die meisten Bürger auf einen Erfolg der Berufung.

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Die Vergabe von Kopfnoten auf den Zeugnissen sächsischer Schüler ist rechtswidrig, wenn sie sich mit dem besagten Zeugnis auf einen Ausbildungsplatz bewerben wollen. Das hat das Verwaltungsgericht Dresden in einem Urteil vor wenigen Tagen entschieden. Zumindest in den für die künftige berufliche Laufbahn entscheidenden Jahrgängen sollen die Schüler als keine Zensuren für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung mehr geben. Die Vertreter der Wirtschaft sind empört. „Betragen, Ordnung, Fleiß und Mitarbeit geben wichtige Anhaltspunkte dafür, dass ein junger Mensch die erforderliche Ausbildungsreife erlangt hat“, erklärte zum beispiel Mario Bauer, Vize-Geschäftsführer der IHK Leipzig. Und wie sehen das die Nordsachsen? Was sagen Schulleiter, Eltern, Arbeitsgeber und auch Schüler selbst diese Entscheidung? TZ fragen nach.

Peter Nowack, Schulleiter Johann-Walther-Gymnasium Torgau: Sachsen hat vor Jahren die Kopfnoten auf Zeugnissen wieder eingeführt. Ich halte die Kopfnoten für ein gutes Mittel die Sozialkompetenzen eines Schülers einzuschätzen. Natürlich ginge dies auch durch eine Beurteilung in Worten. Jedoch hat der Freistaat diese verbale Einschätzung des Schülers seit dem letzten Schuljahr als verpflichtende Maßnahme des Klassenleiters abgeschafft und überlässt de facto dem Klassenleiter die Entscheidung, ob er eine Einschätzung auf dem Zeugnis schreibt oder nicht. Sollten die Kopfnoten wegfallen, gibt es keine Möglichkeit zur Einschätzung der Sozialkompetenz eines Schülers. Die Entscheidung über die Kopfnoten fallen am JWG in einer Versetzungskonferenz, an der alle Fachlehrer der Klasse teilnehmen. Die Lehrer machen sich die Entscheidung also nicht leicht und diese Noten sind wohl überlegt und aussagekräftig. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass der Urteilsspruch des Verwaltungsgerichtes nicht die Kopfnoten an sich in Frage stellt, sondern nur die Kopfnoten auf einem Zeugnis, das zur Bewerbung eingereicht wurde. Auf allen Abgangszeugnissen des Gymnasiums nach der Sekundarstufe I oder der Sekundarstufe II und auf dem Abiturzeugnis gibt es keine Kopfnoten. Das Gericht hat inhaltlich entschieden, dass schlechte Kopfnoten eine Benachteiligung für den Bewerber waren, aber vielleicht sind ja gute Kopfnoten keine Benachteiligung, sondern ein guter Baustein für eine erfolgreiche Bewerbung. Das liegt doch am Ende in der Hand des Schülers, ob er sich mit guten Sozialkompetenzen in das Leben einer Schule einbringt oder nicht. Wird das Verhalten eines Schülers schlecht bewertet, ist dies doch keine Willkürmaßnahme der Lehrer, sondern eine Einschätzung über den Schüler, deren Zustandekommen allein der Schüler mit seinem Auftreten zu verantworten hat.

Rowena Flugrat, Vorsitzendes des Kreiselternrates Nordsachsen: Zum Thema Kopfnoten ist es zum jetzigen Zeitpunkt schwierig eine Stellungnahme im Namen des gesamten Kreiselternrates zu formulieren, da wir dieses Thema in seiner Gesamtheit in unserem Gremium noch nicht ausreichend diskutiert haben. Dies wird sicherlich in der nächsten Vollversammlung am 12. November geschehen.
Persönlich habe ich dazu natürlich auch eine Ansicht  die aber auch in zwei Richtungen geht. Als Mutter von drei Kindern, die nicht immer alle hochmotiviert zur Schule gehen und sicher auch den ein oder anderen Verhaltensaussetzer haben, wäre ich dafür keine Kopfnoten auf dem Abschlusszeugnis auszuweisen, da das natürlich nicht immer zu 100 Prozent reell Das Kind und sein soziales Verhalten spiegelt. Da könnte man durchaus Nachteile bei der Berufssuche haben. Allerdings reden wir bei einem Abschlusszeugnis von mindestens 15-jährigen jungen Menschen, die durchaus in der Lage sein sollten, sich etwas anpassen und unterordnen zu können. Auf der anderen Seite habe ich als Arbeitgeber, der im Falle einer Berufsausbildung die Wahl zwischen mehreren Bewerbern hat , keine Möglichkeit das Sozialverhalten der einzelnen Bewerber ausreichend im Vorfeld zu testen. Hierzu könnten die Kopfnoten eine Entscheidungshilfe bieten. Aber wenn es um die Abschaffung von Noten geht würde ich lieber die Noten in Sport, Musik und Kunst abschaffen, da das Fächer sind, die aufgrund von Begabungen gut oder schlecht vom jeweiligen Schüler ausgeübt werden können . Dabei kommt völlig ins hintertreffen welche positiven physiologischen und psychologischen Effekte diese Fächer hätten, wenn nicht der Zensurendruck wäre. Man sollte unseren Kindern viel mehr Möglichkeiten für Spiel,Sport und Bewegung geben ohne ihnen dabei olympische Höchstleistungen abzuverlangen. Damit würde man den Spaß an Sport und Bewegung fördern und nicht den Frust durch nicht erreichte Leistungen und schlechte Noten. So manches gesundheitliche Problem wäre damit behoben. Das gleiche gilt für Musik und Kunst. Hier könnte man sich ebenfalls auf das benoten theoretischer Kenntnisse beschränken und die praktischen Dinge unbenotet lassen.

Gudrun Petzold, Landtagsabgeordnete (AfD): Wir haben schon seit Jahren leider sehr viele gravierenden Probleme im Bildungswesen: Lehrermangel, daraus resultierender Ausfall, ungenügend qualifizierte Quereinsteiger, um nur einiges zu nennen und um nicht extra darauf hinzuweisen, dass diese Missstände ein Ergebnis der desolaten Politik von CDU und SPD sind. Deshalb bin ich der Meinung, dass sich alle Verantwortlichen viel entschiedener darum kümmern sollten, das Niveau der Ausbildung unserer Kinder und Jugendlichen zu erhöhen, anstatt dieses stetig weiter vorsätzlich zu senken. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagten einst die Meister. Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass die Heranwachsenden immer weniger auf das wahre Leben und die Anforderungen vorbereitet werden sollen. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass sie vom selbständigen Denken und Handeln entfremdet werden sollen. Aber soweit möchte ich noch gar nicht gehen. Unter den Begriffen Gesamtverhalten, Ordnung und Fleiß befinden sich Tugenden, auf die sowohl der Ausbildungsbetrieb als auch die Gesellschaft Wert legt, bzw. dies müsste. Dies ist offensichtlich nicht mehr gewollt.
Um dem entgegen zu wirken, spreche ich mich für eine Beibehaltung der Kopfnoten aus und werde auch dafür im Landtag entschieden einstehen.

Romina Barth, Oberbürgermeisterin der großen Kreisstadt Torgau: Die Debatte um die Vergabe der Kopfnoten finde ich unnötig und ich glaube, dass wir ernsthaftere Themen auf unserer Welt zu lösen haben. Kopfnoten gibt es seit Jahrzehnten und ich sehe in der Vergabe auch einen Sinn und die Möglichkeit eine erste Einschätzung über die Persönlichkeit des Bewerbers treffen zu können. Es sagt viel über die Eignung, die Vorteile und eventuellen Defizite aus, die ein jeweiliger Bewerber für den gewählten Beruf mitbringt. Zudem sehe ich die Kopfnoten auch als Lob oder auch Anreiz für Veränderungen eines jeden selbst. Auch für Eltern sollte die Vergabe der Kopfnoten ein Hilfsmittel, in der täglichen Erziehung ihrer Sprösslinge, sein.

Heiko Fink, Geschäftsführer Elektro FINK GmbH Weidenhain: Ich bin für den Erhalt der Kopfnoten. Diese spiegeln, meines Erachtens nach, das soziale Verhalten im Alltag wider. Wahrscheinlich befinden wir uns in einer Zeit, in der alle humanistischen Werte auf den Prüfstand gestellt werden. Wer sich ehrlich, korrekt und fair durch das Leben bewegt, muss auch keine Bedenken vor einer Benotung haben.

Kilian Crämer, Vorsitzender des Kreisschülerrates Nordsachsen: Wir befinden die Kopfnoten für sehr wichtig für die Entwicklung junger Schülerinnen und Schüler, sowie als Anhaltspunkt für Arbeitgeber beziehungsweise die ausbildenden Betriebe. Von unserer Seite aus wird kein Änderungsbedarf gesehen, da die Kopfnoten als Durchschnittswert der einzelnen Bewertungen der Lehrer entstehen und es somit zur Bildung eines fairen Urteiles kommt. Folglich wird durch die Abschwächung der Subjektivität ein schon fast objektives Bild des Schülers wiedergegeben. Dies bedeutet, dass wir das Handeln des Kultusministeriums, gegen das Urteil des Verwaltungsgerichtes zur Rechtswidrigkeit der Kopfnoten Berufung einzulegen, unterstützen.

Marian Wendt, Bundestagsmitglied (CDU): Aus meiner Sicht gehören Kopfnoten auf ein Zeugnis. Sie runden die Aussage über den Entwicklungsstand eines Schüler ab. Neben fachlichen Fähigkeiten spielen die sogenannten Soft Skills heutzutage eine wesentliche Rolle im Berufsleben. Zeugnisnoten geben künftigen Arbeitgebern eine erste Einschätzung, ob der Bewerber fachlich und sozial geeignet ist. Fehlen die Kopfnoten, fehlen auch wesentliche Merkmale des sich bewerbenden Menschen. In einem kurzen Bewerbungsgespräch lässt sich kaum erfahren, ob jemand beispielsweise fleißig ist oder sich im Team einordnen kann. Außerdem werden Kopfnoten nicht nach Laune des Lehrers vergeben, sondern nach objektiven Kriterien durch Einschätzung ein halbes Schuljahr hinweg. Sie geben demnach gute erste Hinweise auf die Sozialkompetenz. Daher halte ich es für wichtig, dass weiterhin Kopfnoten vergeben werden. Das aktuelle Gerichtsurteil bemängelt auch nicht grundsätzlich die Vergabe von Kopfnoten, sondern lediglich, dass ein entsprechender Passus zur Veröffentlichung auf Zeugnissen im Schulgesetz fehlt. Die sächsische CDU wird sich dafür einsetzen, das Schulgesetz so zu ergänzen, dass wieder Rechtssicherheit herrscht. Dies begrüße ich sehr.“

Das letzte Wort bezüglich dieses Urteil ist tatsächlich noch nicht gesprochen. Das Landesamt für Schule und Bildung wird dagegen in Berufung gehen, kündigte Kultusminister Christian Piwarz an.


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