Donnerstag, 14. November 2019
Freitag, 18. Oktober 2019

NORDSACHSEN

"Innenstadthändler müssen sich vernetzen"

Prof. Erik Maier und Dr. Thomas Hofmann.Foto: IHK

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

Torgau. Dr. Erik Maier, Juniorprofessor für Handels- und Multi-Channel-Management der HHL Leipzig und Hauptgeschäftsführer der IHK zu Leipzig, Dr. Thomas Hofmann, machen dem Einzelhandel Mut.

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Shoppen über das Internet gehört heute für viele zum Alltag. Sehr zum Leidwesen der stationären Händler, die am Ort ein Geschäft betreiben. „Einzelhändler können stationär und digital punkten“, macht ihnen Dr. Erik Maier, Juniorprofessor für Handels- und Multi-Channel-Management der HHL Leipzig, Mut. Gemeinsam mit dem Hauptgeschäftsführer der IHK zu Leipzig, Dr. Thomas Hofmann, beantwortet er in #Wirtschaft_2020 Fragen zu Zukunft und möglichen Perspektiven des Einzelhandels.
 
Frage: Welche Vorteile hat der stationäre Handel aus Ihrer Sicht?
Dr. Erik Maier:
Online gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Auswahl an Händlern, aus der man nur schwer heraussticht. Daraus ergeben sich aus Sicht digitaler Händler die Vorteile des stationären Handels: Erstens können neue Kundensegmente erschlossen werden, die die Marke online bisher noch nicht kannten.

Zweitens kann die Kundengewinnung sogar günstiger als auf Google, Facebook und Co sein. Drittens lassen sich Kunden durch Verkäufer leichter zu Querkäufen („Cross-Selling“) oder dem Kauf von teureren Produkten („Up-Selling“) bewegen.
Viertens wünschen sich die Kunden häufig das stationäre Kauferlebnis und wollen bestimmte Produkte gern auch testen.

Stationäre Läden haben Vorteile, wenn Haptik und Optik wichtig und die Produkte zu kostspielig sind oder sich schwer retournieren lassen. Produkte wie Möbel, Brillen und zunehmend auch Modeartikel werden deshalb immer häufiger wieder offline verkauft. Insgesamt haben viele ehemalige „Online Pure Player“ erkannt, dass sich auch stationär gute Geschäfte
machen lassen.
 
Und worin sehen Sie die Stärken des E-Commerce?
Dr. Erik Maier:
Der E-Commerce punktet aus Verbrauchersicht vor allem mit größerer Auswahl, komfortablerer und permanent möglicher Bestellung und einem noch immer wahrgenommenen Preisvorteil. Aus Händlersicht lassen sich im E-Commerce Kundendaten leichter erheben und nutzen, zum Beispiel um Kunden gezielt wieder anzusprechen.
 
Ist der Onlinehandel eine Bedrohung für die Innenstädte als lebendige Orte des Handels?
Dr. Erik Maier: In größeren Kommunen sehen wir die Tendenz, dass sich hier bereits viele Onlinehändler in den Innenstädten ansiedeln. Auch in Leipzig haben in den vergangenen Jahren ehemals reine E-Commerce-Unternehmen wie Zalando, Viu oder Blutsgeschwister Filialen eröffnet.

Wir sehen das auch an den E-Commerce-Start-ups, die von HHL-Absolventen mitgegründet wurden: AboutYou, Mister Spex und Flaconi haben mittlerweile Shops, die Bierothek und smow sogar in Leipzig.

Anders sieht das in Klein- und Mittelstädten aus. Diese veröden durch die Onlinekonkurrenz zunehmend. Hier verstärkt sich ein Trend aus der Vor-Online-Zeit: Für größere Auswahl fuhren Konsumenten damals schon in größere Städte oder bestellten im Katalog.

Diese Auswahl bekommen sie jetzt noch komfortabler durch den Onlinehandel. In kleineren Städten sind häufig auch kleinere Händler ansässig, die den Wettbewerb mit den Branchengrößen nicht aufnehmen wollen oder können.
 
Herr Dr. Hofmann, die IHK vertritt auch zahlreiche Händler in kleinen Städten wie Torgau, Eilenburg oder Grimma. Welche Strategien beobachten Sie dort, mit denen der beschriebene Trend aufgehalten werden soll?
Dr. Thomas Hofmann: Belebte Geschäftsstraßen bilden das Herzstück kleiner und mittlerer Städte, gleichzeitig sind die Händler vor Ort auf ein attraktives und lebendiges Umfeld angewiesen. Mit jedem Laden, der in Torgau, Grimma oder Oschatz schließt, verschärft sich also ein Stück weit die Situation.

Die Zahlen sprechen hier leider eine deutliche Sprache: Im Landkreis Nordsachsen ist in den letzten zehn Jahren die Zahl der Gewerbetreibenden im stationären Einzelhandel um fast ein Viertel geschrumpft, von ehemals rund 2000 auf nunmehr rund 1500. Allein in der Stadt Torgau ist das Einzelhandelsangebot seit 2009 um etwa 30 Prozent zurückgegangen.

Für die betroffenen Städte ist das eine alarmierende Entwicklung, aber eben auch Spiegelbild der demografischen Entwicklung außerhalb der Ballungszentren. Wir sehen aber, dass die Städte und die Gewerbetreibenden vor Ort nicht untätig bleiben, sondern die Herausforderung aktiv annehmen. Netzwerkarbeit ist hier ein Schlüssel zum Erfolg, wie viele lokal engagierte Gewerbevereine es vormachen.

Ein aktives Innenstadtmanagement seitens der Kommunen mit einem attraktiven Mix von Handel, Gastronomie und Erlebniskultur sowie zukunftsweisende Einzelhandelskonzepte, die einen fairen Wettbewerb und Planungssicherheit für die innerstädtischen Händler garantieren, verbessern die Standortattraktivität. Es gibt viele kreative und innovative Ansätze, mit denen die Städte in unserer Region die Erhaltung und Weiterentwicklung ihrer Stadtzentren vorantreiben.

Das demonstriert jedes Jahr der sachsenweite City-Wettbewerb „Ab in die Mitte!“, den die Leipziger IHK im Jahr 2004 mit ins Leben gerufen hat und an dem sich bis heute mehr als 130 Städte und Gemeinden mit über 600 Projekten beteiligt haben. Mit engagierten Netzwerken vor Ort, klugen Ideen und einer wachen Lokalpolitik hat der Einzelhandel auch in kleineren und mittleren Städten gute Chancen. Ob das gelingt, wird für viele Städte zur Identitätsfrage.
 
Wird es den stationären Handel auch in fünf oder zehn Jahren noch geben, trotz wachsendem E-Commerce?
Dr. Erik Maier:
Ich sehe hier kein Gegeneinander, wie es die Frage impliziert. Alle ernst zu nehmenden Händler sind mittlerweile „Omni-Channel“, das heißt, sie bespielen sowohl digitale als auch stationäre Kanäle. Sicher wird Zalando nicht zum reinen Filialisten und ein H&M kein reiner Onlinespieler, aber alle großen Händler werden beide Verkaufsformen anbieten. Die rein stationären Händler von heute sollten sich daher der Digitalisierung stellen und nicht fatalistisch werden. Die Verluste vieler Onlinehändler zeigen, dass das Modell des reinen Onlineshops für viele Produkte nicht unbedingt besser ist als ein stationäres oder gemischtes.
 
Dr. Thomas Hofmann: Online- und Offlinekanäle miteinander zu verzahnen, ist ja nicht nur eine Option für die großen Handelsketten. Auch kleinere Händler mit klassischem Ladengeschäft reagieren auf das sich verändernde Konsumverhalten und investieren in neue Geschäftsmodelle und Vertriebswege. Im IHK-Bezirk Leipzig nutzt aktuell etwa jeder dritte Einzelhändler digitale Vertriebsformen, weitere 15 Prozent wollen kurz- und mittelfristig entsprechende Maßnahmen ergreifen, wie eine Befragung unter unseren Mitgliedsunternehmen ergeben hat. Viele stationäre Händler sehen im Onlinegeschäft auch neue Chancen.

Wann hat es für einen rein stationären Einzelhändler Sinn, Produkte auch online anzubieten?
Dr. Erik Maier:
Prinzipiell immer – zumindest um Informationen über das Sortiment und den Händler zu geben. Viele Verkaufsvorgänge beginnen heute online, auch wenn nicht alle dort abgeschlossen werden.
Wer digital nicht stattfindet, existiert für viele Verbraucher schlichtweg nicht. Eine Onlinepräsenz und ein professionell gemanagter digitaler Fußabdruck – zum Beispiel über Google Maps, Bewertungsmanagement – sind deshalb Mindestvoraussetzungen für alle Händler.
Ein richtiger Shop mit Lieferung erfordert mehr Aufwand, ist mit vorgefertigten Lösungen, zum Beispiel bei vorprogrammierten Online-Shops, auch keine unlösbare Aufgabe mehr. Prinzipiell gilt: Je standardisierter meine Produkte, desto weniger kann ich dem Onlinehandel entfliehen. Elektronikartikel sind stark vergleichbar und Kunden preissensitiv.
Um Käufer im Laden zu halten, muss ich echte Mehrwerte bieten. Ein Onlineshop kann hier darstellen, dass die Ware nicht teurer ist als bei Amazon, aber ich vielleicht einen Ansprechpartner vor Ort habe, wenn die Waschmaschine mal nicht läuft. Produkte wie Modeartikel, die sehr speziell und online schwer zu  finden sind, haben eher eine Chance, auch ohne Onlineshop zu überleben.
 
Wie realisiert ein kleineres Unternehmen mit wenig Aufwand einen Onlineshop?
Dr. Erik Maier:
Genutzt werden sollten standardisierte Lösungen. Anbieter wie Shopify oder Jimdo bieten vorprogrammierte Onlineshops, sogar inklusive der Einbindung von Zahlungsmöglichkeiten und einer  flexiblen Anpassung ans Endgerät, zum Beispiel das Mobiltelefon. Auch der digitale Fußabdruck kann durch Anbieter überall gemanagt werden. Für kleine Händler sollten hier insgesamt nicht viel mehr als 100 Euro pro Monat fällig werden. Diesen Händlern würde ich auch davon abraten, mit teuren, auf den Händler zugeschnittenen Lösungen anzufangen, sondern klein und einfach zu beginnen. Größer und individueller geht immer.

Egal, wie klein die Lösung ist, sie sollte professionell umgesetzt werden. Woher bekommt ein Händler das nötige Rüstzeug?    
Dr. Thomas Hofmann:
Beim Einstieg in den E-Commerce ergeben sich vielfältige Herausforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu zählen strategische und operative Fragen zur Logistik, dem Marketing, zu Bezahlsystemen oder auch rechtliche Fragestellungen, insbesondere mit dem Blick auf den Datenschutz. Individuelle Beratung und Unterstützung erhalten IHK-Mitgliedsunternehmen auch bei den Beratern der IHK zu Leipzig.
Für einen ersten Überblick zum Thema und unseren Angeboten lohnt ein Blick auf unsere Internetseite unter
www.leipzig.ihk.de/businessdigital
 
Gibt es eine Alternative zum eigenen Onlineshop?
Dr. Erik Maier:
Die können durchaus lokale Kooperationen darstellen. Im Buchhandel kennt man hier „genialokal“, eine Plattform, die das Sortiment von örtlichen Buchhändlern zugänglich und bestellbar macht. In der Region Leipzig denkt der Konsum Leipzig gerade über die Gründung eines genossenschaftlich organisierten, regionalen Webkaufhauses nach, bei dem sich Händler vor Ort beteiligen können.

 

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