Dienstag, 19. November 2019
Freitag, 8. November 2019

BELGERN-SCHILDAU

Von großen Idealen und abgelehnten Angeboten

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Nordsachsen. Wende-Geschichten, Teil 2: Vorboten der Wende und Gründe zu bleiben. Lesen Sie hier, was am 10. und 11. November 1989 die Menschen überall in Deutschland bewegten - und zwei ganz persönliche Wende-Geschichten aus Wermsdorf und Zinna.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Torgau/Nordsachsen. Über die Bildschirme flimmerten am Abend des 11. Novembers 1989, also gestern vor genau 30 Jahren die ersten Bilder der Abrissarbeiten an Teilen der Berliner Mauer. Bereits um ein Uhr nachts waren Bauarbeiter angerückt, um das physische Zeichen der deutsch-deutschen Teilung dem Erdboden gleich zu machen. Währenddessen stehen an den Grenzübergängen bis zu kilometer lange Schlangen an Fahrzeugen und Fußgängern, die seit dem schicksalshaften 9. November versuchen, von Ost nach West zu reisen und umgekehrt. Neue Grenzübergänge werden eingerichtet, Familien finden zusammen, Karrieren bekommen einen neuen Dreh, die Konsumwelt des „goldenen Westens“ begeistert und verwirrt die ehemaligen DDR-Bürger gleichermaßen und beschert den Händlern Umsatzrekorde. Wer in diesen Tagen den Weg nach „drüben“ auf sich nimmt, entdeckt eine neue Welt. Aber nicht alle hatten darum gebeten oder sich danach gesehnt. Nicht allen hat etwas gefehlt. Wie bisher weitermachen konnten sie trotzdem nicht, auch wenn das Neue Forum inständig appelierte, man möge die Angelegenheiten „zuhause“ nicht aus den Augen verlieren.

 

TZ sprach bereits im Vorfeld des Mauerfall-Jubiläums mit Menschen aus der Region, die ganz unterschiedliche Lebensumstände, Hoffnungen und Folgen mit der DDR- und der Wendezeit verbinden. Gemeinsam mit ihnen stellten sich unsere Redakteure die Fragen: Wie viel Wende steckt noch in uns? Was hat der Umbruch mit den Biografien gemacht und welche „ostalgischen“ Werte tragen wir gern weiterhin in die neue Zeit, weil sie zu einer Identität gehören, die nicht in der Bezeichnung eines Staates verankert ist?

 

Ihre Geschichten lesen Sie diese  Woche an dieser Stelle, im neuen  „TorgauPlus“-Heft (erhältlich im Haus der Presse) und auf der Internetplattform www.wir-sind-der-osten.de, wo Sie übrigens auch Ihre eigene erzählen können!


 

Während sich in den alten Bundesländern kaum etwas veränderte, wurden im Osten ganze Biographien im Positiven wie im Negativen  komplett neu geschrieben.

Uwe Narkunat, 56 Jahre, Geschäftsführer des KAP Torgau e.V. aus Wermsdorf

 

 

Ich war schon immer eher einer der Unangepassten. Dementsprechend starkes Interesse erwachte bei mir natürlich, als Mitte der 70er das kulturelle Ausbluten der DDR begann. Die Biermann-Affäre, die Ausreise von Man­fred Krug, Nina Hagen, und die Proteste von Schriftstellern, Musikern und Regisseuren gegen die bestehenden Verhältnisse in der DDR und den real existierenden Sozialismus, waren dann auch 1989 das Fundament für die sogenannte friedliche Revolution. Es ging um Reisefreiheit, Pressefreiheit, individuelle Freiheit und um  eine Demokratisierung der Gesellschaft.

 

Die Wende brachte überwiegend Westdeutsche in die wichtigsten politischen Ämter, eine neue Währung und neue wirtschaftliche Verhältnisse, neue Bildungsinhalte in den Osten. Während sich in den alten Bundesländern kaum etwas veränderte, wurden im Osten ganze Biographien im Positiven wie im Negativen  komplett neu geschrieben. Die Zivilgesellschaft  hat insgesamt noch einige Reserven hinsichtlich des Entwicklungspotential. In das teilweise vorhandene Vakuum aus Demokratieverdrossenheit machen sich Rechtspopulisten und Parteien vom rechten Rand breit. Kultur ist weltoffen und hat das Potential, gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen. Künstler nehmen ihre Umgebung sensibel wahr und stoßen durch ihre Arbeit kritische und neue Denkprozesse an. Die Arbeit der Kulturbastion Torgau lebt diese Philosophie der Weltoffenheit, Demokratie und Toleranz.

 

Wenn nach 30 Jahren alles das was die Menschen im Osten von Deutschland bisher Positives erreicht haben, in ein negatives Licht gerückt wird, auch über die politische Instrumentalisierung durch die AfD – ist das für das Zusammenwachsen einer Gesellschaft von Nachteil. Vorhandene Probleme müssen gemeinsam, konstruktiv und intelligent gelöst werden. Dumpfe Parolen gegen Minderheiten als Lösung zu präsentieren spalten dagegen die Gesellschaft. Unsere 1989 erstrittenen Bürger­rechte sind alles andere als selbstverständlich. Gerade in der heutigen Zeit sollte man sich dessen bewusst sein. Darum unter­stützen wir mit unserer Arbeit Initiativen für Weltoffenheit, Demokratie und Toleranz. Demokratie muss lebendig sein, in guten wie in schlechten Zeiten.

 

 

 

Mein Vater: Guckt nicht so albern, wir wissen ja nicht, wann sie wieder dicht machen!
Wir haben uns damals lustig über sine Hektik gemacht, aber er hatte recht.

Sebastian Möllmer, 42 Jahre, Estrichlegermeister aus Zinna

 

Als die Mauer plötzlich geöffnet werden sollte, saßen wir wie viele andere auch ganz genauso vor dem Fernseher, wie Günter Schabowski über seinem berühmten Zettelstapel: verdutzt und irgendwie überrumpelt. Mein Vater konnte es kaum glauben, setzte uns alle am nächsten Tag ins Auto und fuhr „rüber“, kaufte sich ein neues Auto und meinte: „Guckt nicht so albern, wir wissen ja nicht, wann sie wieder dicht machen!“
Klar, wir haben uns damals über seine Hektik lustig gemacht, aber er hatte recht. Sicher sein konnten wir uns nicht wirklich.

Viele meiner Schulkameraden sind dann in den ersten Jahren danach vor allem von West-Firmen für die Ausbildung interessant gewesen und ihrem Ruf auch gefolgt, haben das höhere Gehalt natürlich mehr als dankend angenommen – klar, welcher junge Mensch hätte das nicht getan!
Ich wollte aber nie wirklich aus der Region weg, habe mcih zwar gegen die Branche meiner Eltern entschieden, aber bin in meinem Handwerk spätestens als „Deutscher Meister“ dann wiederum von einigen Unternehmen aus den alten Bundesländern umworben worden.
Warum ich trotzdem geblieben bin? Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, was zu verpassen. Als dann die Kinder kamen, haben wir uns aber mehr Gedanken darüber gemacht, welche Persepektiven sie mal haben sollen und in was für einer Gesellschaft sie aufwachsen können.

Es sind tausende Möglichkeiten für jeden offen. Aber es stimmt: der Gemeinschaftssinn geht inzwischen bundesdeutsch abhanden. Und nicht zufällig fühlen sich viele einfach auch abgehängt, weil scheinbar nichts für sie getan wird, die unmittelbare Umgebung gerade hier draußen nicht besonders attraktive Verweiloptinen bereit hält. Die Familien sollten sich wieder besser vernetzen, ihren Kindern zuschauen, wie sie sich gegenseitig fördern und eigene Ideen umsetzen, die auf unglaublich ehrlichen Wünschen beruhen und von uns zum Teil ja wegen des anderen Blickwinkels kaum wahrgenommen werden. Das könnte eine Mission des „bessere Ostens“ sein – und idealerweise macht der Rest einfach mit. Das ist gelebte Demokratie: nicht leicht, manchmal unbequem, immer lohnenswert. Kann ja schließlich jeder mit konstruktiven Ideen mitmachen.

 


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Seminarveranstaltung zum Facilitymanagement
27.11.2019, 16:30 Uhr - 19:30 Uhr
IHK-Elternabend
02.12.2019, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr
Mitarbeiterentsendung ins EU-Ausland
03.12.2019, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.12.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Stammtisch Life Science
04.12.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Neujahrsempfang: Gemeinsam für die Region
29.01.2020, 19:00 Uhr - 23:00 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
25.02.2020, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
IHK-Praxisseminar: Genehmigungsverfahren nach BImSchG
26.02.2020, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
03.03.2020, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Workshop: Werkvertrags(Bau)recht nach VOB/B und BGB
10.03.2020, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Weihnachtsabo

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga