Dienstag, 19. November 2019
Freitag, 8. November 2019

NORDSACHSEN

"Menschlich typisch Osten" war ein Kompliment

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Nordsachsen. In DDR-Ostalgie-Formaten wird viel über Westpakete und Westbesuche gesprochen. Doch auch die Familien-Delegationen und Partnerorganisationen aus dem Westen hatten nach ihrer Rückkehr jeweils viel zu berichten - vor allem über Gastfreundschaft made in GDR...

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Wir mussten uns doch alle nach dem Mammut-Tag belohnen – also warum nicht gemeinsam?

Hanne-Lore Krause (†) aus Arnsdorf

 

Frauen, die in Nachthemden und Kittelschürzen in einem Treppenhaus auf den rohen Stufen saßen, als wäre es die Sitztribühne einer komödiantischen Theateraufführung.

Julia Sachse, Redakteurin der Torgauer Zeitung, 30 Jahre, aus Süptitz

 

Ich weiß noch, dass ich Fotos wälzte, stundenlang. Als Kind gefielen mir die lustigen Muster auf den Tapeten, Vorhängen und Kleidern so gut. Und als ich älter wurde, öffneten sie mir ein Tor in die Vergangenheit meiner Familie. Denn die Verwandtschaft meiner Mutter lebte hauptsächlich in und um Dresden – im "Tal der Ahnungslosen". Und ich war zu spät geboren, um zu verstehen, wer mal "Wessi" und wer "Ossi" gerufen worden war und warum auch in meiner Familie die DDR- und Wende-Zeit neben amüsanten Anekdoten für Feiertagsgelage auch tiefe Wunden hinterlassen hatte.

Regelmäßig kramte ich die Alben heraus, wenn ich bei meiner Großmutter war und blieb vor allem an den skurrilen hängen:

Frauen, die in Nachthemden und Kittelschürzen in einem Treppenhaus auf den rohen Stufen saßen, als wäre es die Sitztribühne einer komödiantischen Theateraufführung. Das schallende Lachen war förmlich zu hören, die Gläschen mit Cognac glitzerten beinah ein bisschen beim Umblättern. "Da war unser Wohnhaus gerade fertig geworden und wir sind alle nacheinander eingezogen. Und weil man sich dabei ständig im Flur auf den zig Stockwerken traf, haben wir einander geholfen, Kisten zu schleppen und abends die Hausbars geplündert. Wir mussten uns doch alle nach dem Mammut-Tag belohnen - warum also nicht gemeinsam?", erzählte Oma lächelnd. Sie wohnte in einem von drei sogenannten Zwölfeckhäusern in ihrem Ort, hatte als Gemeindemitarbeiterin deren Bau von der ersten Planungsstunde an mitbetreut. Und sie kannte jeden im Ort. Und dessen Kinder. Und verschwägerte Verwandte – samt kleiner Sünden und großer Tragödien. Aber weil sie sagte, es hätte ihr nie irgendeinen Nutzen versprochen, aktiv präkäres Wissen mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu teilen, sei sie "einfach" loyal geblieben. Heute weiß ich, dass ihre Söhne das ganz anders handhabten. Aber da sich die Stasi auch mit Druckmitteln erschreckend gut auskannte, wie wir heute wissen, finde ich persönlich eine Bewertung ihres Moralempfindens - das meiner Onkel - im Nachhinein sehr schwierig. Die Fröhlichkeit in den Gesichtern meiner Familie auf den alten geselligen Bildern hingegen steckt mich noch heute an!

 

Ich glaube,
das Zusammensein als Familie war hier irgendwie wichtiger, intensiver –
und darum beneideten sie uns.

Silke Grochowy-Wölflick,, 47 Jahre, Diabetesberaterin aus Süptitz

 

 

Was wir so liebten, die großen Feiern in der Familie, Nachbarschaftshilfen und so was, kannten unsere Westbesucher fast gar nicht. Ich glaube, das Zusammensein als Familie war hier irgendwie wichtiger, intensiver und darum beneideten sie uns.

Wie wir hier zusammengehalten und uns gegenseitig unkompliziert geholfen haben, gemeinsam Lösungen für ganz alltägliche Probleme gefunden haben, das ist in meinen Augen charakteristsch gewesen für das Lebensgefühl in den Ortschaften.

Seit Mitte der 90er ist genau das aber immer mehr verloren gegangen. Nicht unwiederbringlich - wir können das über die Erziehung unserer Kinder jederzeit wieder etablieren. Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig, es braucht nur jemanden, der mitmacht! Wir fördern generationsübergreifend mit unseren Vereins-Projekten den Zusammenhalt einmal der Familien und natürlich auch der Dorfgemeinschaft. Woran man selbst mitgearbeitet hat, das will man auch erhalten und man hat ein Auge darauf, wie anderen damit umgehen.

Das klingt nach einer Gesellschaft, die sich viele 1989 schon gewünscht haben und die wir ihnen immernoch schuldig sind.


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