Sonntag, 15. Dezember 2019
Dienstag, 12. November 2019

TORGAU

"Der letzte Sargnagel des SED-Systems"

Tilmann Siebeneichner von der HU Berlin referierte im Torgauer DIZ über der DDR-Kampfgruppen.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Die Ungewissheit war groß, ob der Vortrag von Tilmann Siebeneichner über die Rolle der DDR-Kampfgruppen die Besucherreihen im Dokumentations- und Informationszentrum Torgau wird füllen können. Am Ende waren alle Zweifel verpufft.

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TZ: Warum gab es in der DDR Kampfgruppen?
T. Siebeneichner:
Der antifaschistische Gründungsmythos der DDR legitimierte nicht nur den Herrschaftsanspruch der SED. Er kommunzierte zugleich, dass der Klassenkampf – in letzter Konsequenz verstanden als Bürger-Krieg – auch nach der Beseitigung des Nazi-Regimes keineswegs vorbei sei und nur diejenige Revolution etwas wert sei, die sich auch zu verteidigen wisse. Der Aufstand vom Juni 1953 war ein für die „letzten Revolutionäre“ fast schon traumatisches Erlebnis, das ihre in der Weimarer Republik gewonnene Überzeugung (scheinbar) bestätigte, dass zum Arbeiter das Gewehr gehöre – „so lange, bis es in der gan- zen Welt keine kapitalistischen Blutsauger mehr gibt“. So hieß es beispielsweise 1956 in einer Broschüre zur Popularisierung der Kampfgruppen. 

War die Gründung der Kampfgruppen somit eine direkte Folge des 53er-Aufstands?
In Anlehnung an die bewaffneten Arbeiterformationen der Weimarer Republik, aber auch den internationalen Brigaden des spanischen Bürgerkriegs waren sie Ausdruck der Forderung, dass „Wachsamkeit und Kampf gegen feindliche Agenten Aufgaben des täglichen Klassenkampfes seien und nicht nur durch Staatsorgane, sondern auch durch die Bevölkerung getragen werden müssen“. Ihre Bildung war in der Tat eine Folge des 17. Junis, ihre Begründung erfolgte jedoch im Rückgriff auf die „revolutionären“, das heißt militanten Traditionen der kommunistischen Bewegung. 

Sie sprachen davon, dass die Kampfgruppen ein Instrument der SED ge- wesen sind...
Das waren sie in zweifacher Hinsicht: Zum Ersten schuf sich die SED mit ihnen ein bewaffnetes Organ, das vergleichbare Proteste wie die des 17. Junis 1953 in Zukunft konsequent unterdrücken sollte. Zum anderen waren sie aber auch ein Instrument staatssozialistischer Identitätspolitik. Sie repräsentierten, wie sich die SED ihre Bevölkerung idealerweise wünschte: klassenbewusst und kampfbereit. 

Was unterschied Mitglieder der Kampfgruppe von Soldaten?
Die Angehörigen der Kampfgruppen waren keine Soldaten, sondern ganz gewöhnliche Werktätige, die sich freiwillig und unentgeltlich dem Schutz der sozialistischen Errungenschaften widmeten. Dafür wurden sie von der SED mit Ehrungen und Privilegien wie beispielsweise einer Kampfgruppen-Rente 

bedacht. 

Wie erklärt sich der Widerspruch, dass es mehrheitlich Arbeiter waren, die 1953 beim „faschistischen Putschversuch“ in der DDR auf den Straßen waren, und es nun Arbeiter sind, die die Errungenschaften des Sozialismus mit dem Gewehr in der Hand verteidigen sollen? 

Dies erklärt sich historisch und ist eng verknüpft mit dem Werden und Wachsen der kommunistischen Bewegung in Deutschland. Von Anfang an verstand sich die KPD ganz im Sinne Lenins als politische Avantgarde. Sie gab vor, am besten zu wissen, was gut für die Klasse sei. Schon in der Weimarer Republik hatte sich jedoch gezeigt, dass die Klasse keineswegs willfähriges Objekt der kommunisti- schen Führung war. Ohnehin bildeten die Kommunisten innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung immer eine Minderheit. Erst mit der Errichtung des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ und der „Zwangsvereinigung“ von SPD und KPD konnte die SED vorgeben, im Namen der „deutschen Arbeiterklasse“ zu sprechen, ignorierte dabei aber stets, dass auch nach 1945 nicht alle Arbeiter Kommunisten waren, sondern auch Sozialdemokraten oder Anarchisten, die durchaus andere An- sichten dazu hegten, wie der (Staats-) Sozialismus aussehen sollte. 

Diesem Widerspruch stand aber das öffentliche Gelöbnis und die enorme Zahl von 200000 Kämpfern entgegen... 

Nicht übersehen werden sollte, dass die DDR eine Diktatur war, und zwar eine, die bis in die 1960er Jahre hinein ziemlich rigoros auf die Durchsetzung ihrer Herrschaftsansprüche hinarbeitete. Der Dienst in den Kampfgruppen sollte freiwillig sein, richtig. De facto wurde aber auch Druck auf Betriebsangehörige ausgeübt, den Kampfgruppen beizutreten und die bereits erwähnten Privilegien stellten natürlich auch Versuche dar, den Kampfgruppen-Dienst attraktiver zu machen. 

Wie sicherte die SED ihren Einfluss auf die Kampfgruppen?
Es wurde verfügt, dass 60 Prozent aller Kämpfer auch Parteimitglieder sein mussten. Führungspositionen waren ohne Ausnahme SED-Mitgliedern vorbehalten. 

Welche Rolle spielte dabei der Bau der Mauer?
Der Bau war höchst umstritten, auch in der DDR-Bevölkerung. Um ihn zu legitimieren, kam den Kampfgruppen eine besondere Rolle zu. Eben weil vielen durchaus klar war, dass es sich hier um eine Maßnahme der Regierung handelte, die kaum im Einklang mit den Wünschen und Interessen der Bevölkerung stand, wurden die Kampfgruppen mobilisiert und an vorderster Front eingesetzt. Sie sollten nach innen wie nach außen den Eindruck erwecken, die Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalles“ – wie die Mauer im SED-Jargon hieß – war nicht das Ergebnis von politischen Entscheidungen auf höchster Ebene, sondern die Klasse selbst sei in Form des unmittelbar bewaffneten Organs zur Tat geschritten, um mit einer „menschlichen“, später steinernen Mauer die „sozialistischen Errungenschaften“ des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ zu schützen. 

Sie erwähnten unter anderem den Historiker Alf Lüdtke, der im Zu- sammenhang mit den Kampfgruppen von einer „Faktizität der Fiktion“ sprach. Was heißt das?

Angesichts des diktatorischen Charakters der DDR gab es auch keine freie Öffentlichkeit. Historiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer Präsentationsöffentlichkeit, man könnte auch sagen: Propaganda. Auf Dauer blieb diese Propaganda jedoch keineswegs folgenlos, zumindest auf den Kommandohöhen der Macht nicht. Angesichts der regelmäßigen Auftritte von Kampfgruppen in der DDR-Öffentlichkeit, die diszipliniert und mit festem Marschtritt daher- kamen, hegten Spitzenfunktionäre durchaus die Überzeugung, sich auf „ihre“ Klasse verlassen zu können. Sicher, interne Überprüfungen ver- hehlten nicht, dass es in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch im Fall der Kampfgruppen, nicht alles so rosig war, wie es schien. Aber ihr Ton war doch stets ein optimistischer: Wir sind uns der Probleme bewusst, aber auf einem guten Weg, das wird schon ... Das würde ich als „Faktizität der Fiktionen“ bezeichnen: ein selbstverschriebener Optimismus, der am Ende in Ignoranz gegenüber den wirklichen Verhältnissen umschlug, oben wie unten. 

In Ihrem Vortrag hieß es zudem, Kampfgruppen-Angehörige hätten einen schweren Stand im Betrieb gehabt. Bitte erläutern Sie das.

Ursprünglich war gedacht, den Kampfgruppen-Dienst außerhalb der Arbeitszeit zu betreiben. Da sich unter diesen Umständen jedoch nur sehr wenige bereiterklärten, regelmäßig an der Ausbildung teilzunehmen, wurde diese schließlich während der Arbeitszeit durchgeführt; nach Einführung der 5-Tage-Wo- che dann gebündelt an bestimmten Wochenenden. So entstand häufig der Eindruck, wer sich den Kampfgruppen anschloss, sei eigentlich nur zu faul zum Arbeiten. Wurden die Kampfgruppen-Angehörigen also als faule, egoistische, unsolidarische Genossen innerhalb der Betriebsgemeinschaft betrachtet, ar- tikulierte sich in solchen Vorwürfen natürlich auch ein Bewusstsein um die eigentliche Rolle der Kampfgruppen, nämlich der Drohung an die eigene Klasse, im Konfliktfall mit Gewalt gegen Arbeiter vorzugehen. 

Wie reagierten die Kampfgruppen-Mitglieder auf die Mobilisierungen, denen mit Blick auf den Wendeherbst 1989 erste Proteste auf den Straßen vorausgingen? 

Einsätze gegen Demonstranten wurden seit dem Frühjahr 1989 geübt. Im Rahmen einer Übung, die im April in Delitzsch durchgeführt wurde und bei der das Vorgehen gegen angeblich von der Kirche aufgewiegelte Demonstranten geübt werden sollte, regte sich bereits heftiger Unmut unter den Kampfgruppen-An- gehörigen. Für solche Einsätze sind die Kampfgruppen nicht gebildet worden, fanden viele der beteiligten Kämpfer und weigerten sich, das Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung zu trainieren. 

Wie ist die Formulierung einzuordnen, dass die Kampfgruppen der letzte Sargnagel des Systems gewesen seien? 

Nun ja, die Gründe für den Zusammenbruch der DDR sind vielfältig, angefangen bei Gorbatschows Perestroika, der sich verändernden geopolitische Situation mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn, bis hin zu einem breiten gesellschaftlichen Verdruss über die zunehmende Ignoranz der SED-Führung – man denke etwa an die Kommunalwahlen im Frühjahr 1989 und/ oder das Sputnik-Verbot. „Wir sind das Volk“, die Parole der friedlichen Revolution, artiku- lierte damals zuallererst den Wunsch, mit der Führung wieder ins Gespräch zu kommen, einen echten und ehrlichen Dialog zu beginnen und mit der bis dahin gültigen „Faktizität der Fiktionen“ zu brechen. Die SED wusste auf die Proteste jedoch nicht anders zu antworten als mit Gewalt oder zumindest Gewaltandrohung. In diesem Reflex kam die Überzeugung führender Kommunisten wie Honecker oder Mielke zum Ausdruck, dass Politik letztendlich immer eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod sei, in der es keine Kompromisse, nur Freund oder Feind geben könne. Dass im Fall der friedlichen Revolution nun die eigene Bevölkerung zum Feind wurde, während sie – das wird heutzutage oft übersehen – doch für eine Reform des Sozialismus auf die Straße ging, bewirkte die endgültige Entzweiung von Führung und Bevölkerung. Und diese Entzweiung beruhte letztendlich darauf, dass die SED-Spitze Politik in letzter Konsequenz immer als gewalttätige Auseinandersetzung begriff – dafür standen die Kampfgruppen und das machte sie zum „letzten Sargnagel des Systems“. 

Sie sprachen bei Ihren Forschungen mit ehemaligen Angehörigen der Kampfgruppen. Wie war deren Reaktion auf Ihr Forschungsprojekt?

Die waren ungemein positiv. Ehemalige Kampfgruppen-Angehörige luden mich zu sich nach Hause ein, sprachen lang und ausführlich mit mir über ihren Dienst in den Kampfgruppen und zeigten Erinnerungsstücke, Fotos und vieles mehr, das mein Forschungsprojekt vielfältig bereichert hat. 

Was haben Sie aus der im Nachgang in Gang gekommenen Diskussion im DIZ mit nach Hause genommen?

Ich habe mich gefreut, dass auch zahlreiche ehemalige Kampfgruppen-Angehörige präsent waren, die das Gespräch mit mir suchten. Ich bedauere, dass diese Gespräche nicht schon vorher stattgefunden haben, denn tatsächlich habe ich im DIZ noch einiges über die Kampfgruppen erfahren, das mir vorher so nicht bekannt war und mein Forschungsprojekt ganz ähnlich bereichert hätte wie die Gespräche, die ich damals mit ehemaligen Kampfgruppen-Angehörigen führte. Das zeigt mir wiederum, dass die Geschichte der Kampfgruppen noch keinesfalls auserzählt und erledigt ist, sondern, dass wir es hier mit einem historischen Gegenstand zu tun haben, der ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, weil er auf ganz einzigartige Weise den Zusammenbruch des SED-Regimes und die Dynamik der „friedlichen Revolution“ zu erklären vermag. 

Gespräch: Christian Wendt 


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