Samstag, 28. März 2020
Freitag, 21. Februar 2020

TORGAU

Wilhelm Krudthoffs Grabstein kehrt in die Kirche zurück

Ab sofort kann der Grabstein an der südlichen Wand der Marienkirche bewundert werden. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Wilhelm Krudthoffs Grabstein kann ab sofort in der Marienkirche bewundert werden. Lesen Sie hier mehr über die historische Bedeutung des Steins und des ehemaligen Torgauer Diakons.

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Nicht nur als historisch bedeutsam, sondern auch als bildhauerisch wertvoll bezeichnete Historiker Dr. Jürgen Herzog den Grabstein von Wilhelm Krudthoff, als dieser am gestrigen Freitag nach langer Lagerungs- und Restaurationszeit endlich der Öffentlichkeit enthüllt wurde. Bis 2001 stand der Stein an der Nordseite der Marienkirche, wurde dann lange gelagert und im vergangenen November dann von Restauratorin Christine Laubert bearbeitet. Bis auf ein paar Handgriffe sind die Arbeiten an dem knapp 2,60 Meter großen und über eine Tonne schweren Stein nun abgeschlossen und er kann ab sofort in der Marienkirche bestaunt werden. Dort steht er nun an der südlichen Seite der Wand, direkt auf den rechten Seite wenn man die Kirche betritt. Jürgen Herzog hat in der Vergangenheit viele Nachforschungen zum ehemaligen Diakon Wilhelm Krudthoff und seinem Grabstein angestellt und niedergeschrieben.

 

Als der Gemeindekirchenrat sich im Jahr 2001 entschied, im Bestand gefährdete Grabsteine von den Kirchenaußenwänden der Stadtkirche St. Marien in die Kirche zu versetzen, wurde der Grabstein des Diakons Wilhelm Krudthoff (1678-1756) und seiner Frau Christina Elisabeth geb. Goldmann (1700-1757) in Erwartung einer zukünftigen Restaurierung in den Gewölben der Bastion VII am Ausgang des Martin-Luther-Rings eingelagert.

Dank der Unterstützung der Denkmalbehörde des Landratsamtes Nordsachsen konnte das künstlerisch wertvolle und historisch für Torgau bedeutende Denkmal von der Restauratorin Christine Laubert, die für Torgau schon zahlreiche wichtige Arbeiten durchgeführt hat, restauriert werden. Jetzt hat der Grabstein einen würdigen Platz an der Südwand im Kircheninneren gefunden.

Wilhelm Krudthoff war für die Stadt Torgau und ihre Geschichtsschreibung ein bedeutender und achtenswerter Geistlicher. Als der Superintendent Dr. Johann Christian Stemler 1759 seine Antrittspredigt hielt, erklärte er auch: „Ich habe mit Vergnügen vernommen, dass mein jetziger Herr Kollege Magister Wilhelm Krudthoff, ein Mann von großer Wissenschaft und ungemeinem Fleiße, das wegen der Religion berühmte Torgau herauszugeben entschlossen, und dazu allbereit einen Anfang gemacht. Gott friste sein Jahre und mehre seine Kräfte, dass er das nützliche Werk zu Stande bringe.“

Restauratorin Christine Laubert, Historiker Dr. Jürgen Herzog und Pfarrerin Christiane Schmidt waren bei der Enthüllung des Grabsteins zugegen.

Krudthoff hat zahlreiche Leichenpredigten verfasst, die veröffentlicht worden sind. 1729 erschien von ihm eine Schrift über die lutherische Religion in Torgau, die er anlässlich des 200. Jubiläums des lutherischen Katechismus im Umfang von 76 Seiten in Leipzig drucken ließ. Wichtiger sind für uns zwei als Handschriften überlieferte Arbeiten, die nie zum Druck gelangt sind. Sie wurden zunächst in der Torgauer Gymnasialbibliothek bewahrt und sind bei der verurteilungswürdigen Bibliotheksauflösung durch einen Schuldirektor der damaligen Oberschule vom historischen Torgauer Stadtarchiv übernommen worden.

Dabei handelt es sich einmal um die „Sammlung allerley Torgischen Begebenheiten“, ein Manuskript von 839 eng beschriebenen Seiten mit umfangreichem Register vom Jahr 1754. Er überliefert darin erstens eine Übersetzung aus dem lateinischen Tagebuch des Torgauer Stadtarztes Dr. Balthasar Gabriel Summer (1529-1602), der eng mit seinem Vorgänger im Amt, dem bedeutenden Naturforscher Dr. Johann Kentmann (1518-1574), befreundet war. Dieses Tagebuch, dessen Urschrift heute nicht mehr auffindbar ist, ist ein einmaliges Zeugnis für die bürgerliche Torgauer Lebenswelt des 16. Jahrhunderts.
Zweitens sind die Briefe des aus Torgau stammenden Wissenschaftlers Dr. Jacob Horst (1537-1600), der zahlreiche medizinische Publikationen hinterlassen hat, enthalten.

Von großer reformationsgeschichtlicher Bedeutung ist der dritte Teil „Das evangelische Torgau in den ersten 100 Jahren“ von 1517 bis 1617, ein Ergebnis seiner eigenen Forschungsarbeiten im Umfang von 558 Seiten. Krudthoff bemerkt dazu „Als ich vor 31 Jahren 1723 […] nach Torgau berufen war […] trug ich ein großes Verlangen, mich in einiger Erkänntnis der Torgischen Alterthümer fest zu sehen, und fand auch gute Gelegenheit dazu, aus: unterschiedenen geschriebenen Nachrichten, aus geistlichen und weltlichen Archiven […] über 240 alte documenta, Briefe und Nachrichten […].“

Mit Wolfgang Strohbach und Uwe Edel waren auch zwei Vertreter des Fördervereins der Stadtkirche St. Marien am Freitag mit von der Partie. Dieser unterstützte die Restaurierung des Grabsteins finanziell und freute sich nun über den Abschluss der Arbeiten.

Von nicht geringer Bedeutung ist sein zweites hinterlassenes Manuskript von 1755, das er mit „Historischer Stromateus (Behältnis) torgauischer Altertümer“ überschrieben hat. Auf 287 eng beschriebenen und nicht leicht lesbaren Seiten überliefert er hier zahlreiche Urkunden und Nachrichten zur Torgauer Geschichte. Er bemerkt darin, dass er sich „über 30 Jahre mit den torgischen Altertümern“ beschäftigt habe und ihm das „manniches unschuldiges Vergnügen gemacht“ hat.
Dankbar erinnert er sich, dass er dem „geliebtesten Torgau“ verbunden sei und das er nunmehr 77 Jahre alt, als „eine nur noch glimmende Lampe, beynah verzehret […] nicht mehr […] öffentlich dienen kann“. Er schließt mit einem immerwährenden Friedensseegen für die Einwohner der Stadt Torgau.
Als er am 28. November 1756 starb, hinterließ er seine Witwe, die ihm schon drei Monate später, am 19. Februar 1757, in den Tod folgte. Beide wurden an der Kirche auf dem Pfarrkirchhof beigesetzt.

Die Torgauer Geistlichen widmeten ihm einen in Torgau gedruckten Nachruf.
Krudthoff hinterließ nur eine Tochter, drei weitere seiner Kinder waren vor ihm verstorben. Sie, die Frau des königlichen und kurfürstlichen Stutereiinspektors Schüßler, ließ ihren Eltern den aufwändigen Schriftgrabstein setzen.
Für nachfolgende Autoren der Stadtgeschichtsschreibung war Krudthoff eine wichtige Quelle für sonst verlorenes Schrifttum. Häufig haben sie das nicht angegeben. Er sollte im städtischen Bewusstsein erhalten bleiben, auch dafür steht sein Grabstein.


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