Sonntag, 5. April 2020
Donnerstag, 26. März 2020

NORDSACHSEN

In Zeiten von Corona…#8

Sebastian StöberFoto: Dirk Heinze

von unserem Chefredakteur Sebastian Stöber

…gibt es durchaus überraschende Wendungen. So wie die Nachricht, dass italienische Corona-Patienten in Leipzig behandelt werden. Ich habe mit Marian Wendt über seinen Anteil an dieser Wendung gesprochen.

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In Zeiten von Corona…

gibt es durchaus überraschende Wendungen. Als es vor zwei Tagen hieß, Leipziger Kliniken würden Corona-Patienten aus Italien aufnehmen und behandeln, war das keine Nachricht, die ich erwartet hatte.

Immerhin berichten die TZ und andere Medien seit Tagen darüber, wie sich deutsche Krankenhäuser da-rauf vorbereiten, die vielen erwarteten Corona-Fälle zu bewältigen und welche Schwierigkeiten es insbesondere dabei gibt, das Personal mit der nötigsten Schutzausrüstung zu versorgen.

Um diesen Widerspruch aufzuklären, habe ich mit dem Torgauer Bundestagsabgeordneten Marian Wendt telefoniert. Es war auch seine Initiative, die italienischen Patienten nach Deutschland zu holen.

Aktuell arbeitet er von seiner Berliner Wohnung aus, wo ich ihn auf dem Weg zum Briefkasten erreichte.

TZ: „Warum die Italiener einen sächsischen Politiker feiern“, hat der Berliner Tagesspiegel getitelt. Es ging um Ihre Rolle beim Einfliegen italienischer Corona-Patienten nach Leipzig. Wie sah Ihre Rolle dabei aus?
Marian Wendt: Das war eines der intensiveren Projekte der letzten Tage. Ich arbeite seit vergangener Woche Montag im Homeoffice und telefoniere seitdem ständig. Aus Nordsachsen rufen mich Bürger an, die Fragen haben; ich selbst suche Kontakt zu Unternehmen und Institutionen, um mich über deren Lage zu informieren und - wo es möglich ist - zu helfen.

Als Mitglied in der Deutsch-Italienischen Parlamentariergruppe stehe ich zudem in engem Kontakt mit der deutschen Botschaft in Rom und mit italienischen Kollegen. Da gibt es immer wieder Probleme zu lösen: Masken durften die Grenze nicht passieren, Schutzanzüge sind am Frankfurter Flughafen hängen geblieben. Aus diesem Kontakt ist auch die Idee entstanden, Patienten aus Bergamo in Deutschland zu behandeln.

Welche Abstimmungen waren dafür nötig?
Donnerstag vergangener Woche kam der Stein ins Rollen und mir ist es wichtig zu unterstreichen, dass ich nur einer von vielen Akteuren war. Die Botschaft in Rom hat bei der Sächsischen Regierung angefragt, ich habe das Anliegen unterstützt.

Die Sächsische Staatsregierung und die Ärzte in den Kliniken waren sofort bereit zu helfen. Dabei muss kein sächsischer Bürger Sorge haben, dass im Krankheitsfalle seine Behandlung gefährdet ist. Dies war und ist mir wichtig zu kommunizieren.

Krankenhäuser in Deutschland setzen geplante Operationen aus, um genügend Kapazitäten für den Corona-Ernstfall freizuhalten; die Menschen sind gehalten, sich nicht mehr als nötig im öffentlichen Raum aufzuhalten. Das Verständnis für diesen Vorstoß wird nicht allzu groß sein.
Diese Argumente sind nicht trivial, das weiß ich und ich habe volles Verständnis dafür, wenn es deshalb Kritik gibt. Die Ärzte und Pfleger in Leipzig haben sich vehement für diese Aktion eingesetzt – das finde ich beeindruckend, denn sie pflegen die Patienten, nicht ich.

Für jeden Patienten, den wir in Deutschland behandeln, wird in Italien ein Beatmungsbett frei und kann ein weiteres Menschenleben gerettet werden. Das ist ein starkes Argument.

Das ist es schon, aber ist es auch mehr als ein bloßes Symbol?
Oskar Schindler hat gesagt: „Wer nur ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt.“  Es ist aber auch die Botschaft, dass Europa keine leere Worthülse ist. Wir zeigen, dass wir füreinander da sind. Ich hoffe, dass weitere Bundesländer nachziehen – Nordrhein-Westfalen und Bayern haben bereits Bereitschaft signalisiert.  

Aktuell, so scheint es, würden sich viele Menschen sicherer fühlen, wenn die Grenzen ringsum dicht blieben.
Es wäre dramatisch, wenn uns dieses Virus dauerhaft in die engen nationalen Grenzen zurückdrängen würde. Denken wir doch mal zurück an die Flut-Jahre 2002 und 2013. Da bekamen wir Unterstützung aus Tschechien, Polen oder den Niederlanden. Jetzt können wir etwas zurückgeben. Das Virus ist eine globale Bedrohung, seine Bekämpfung kann nur gelingen, wenn wir alle Ressourcen bündeln.

Sie haben auch gute Kontakte in die Vereinigten Staaten – deren Führung trägt aktuell nicht gerade zu globalen Lösungen bei.
Ich bin traurig über Politik der USA. Das kann nicht der Ansatz sein, der in dieser Lage hilft. Von dort können wir zu meinem Bedauern keine Unterstützung erhoffen. Genauso wie im Vereinigten Königreich zeigt sich an dieser Stelle, dass Populisten keine Lösungen anbieten können, sondern nur sachorientierte Politik zum Ziel führt.

Deutschland merkt gerade ganz stark, wie abhängig wir von der Lieferung von Medikamenten und Verbrauchsmaterialien aus dem fernen Osten abhängig sind. Das zu ändern muss doch jetzt ganz oben auf der Prioritätenliste der Politik stehen!
Die Abhängigkeit von globalen Märkten ist nicht erst seit Corona bekannt. Schon vorher gab es Engpässe bei bestimmten Medikamenten, weil wir zu wenig zahlen. Mittel- und langfristig muss es das Ziel sein, hier unabhängig zu werden. Dazu gehört auch, dass die Unternehmen hier wirtschaftlich produzieren können. Wir müssen jetzt die richtigen Schlüsse ziehen.

Kliniken in Deutschland klagen aktuell über Lieferengpässe vor allem bei Schutzausrüstung für die Mitarbeiter. Ist hier Abhilfe in Sicht?
Durch die Änderungen im Infektionsschutzgesetz beschafft der Bund zentral das Material. Außerdem läuft in China aktuell die Produktion wieder an. Ich erwarte daher eine Stabilisierung der Versorgungslage.

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