Mittwoch, 24. April 2019
Freitag, 26. Februar 2010

HISTORIE

Keine Scheiben für den Palast

Von Dr. Hubert Marusch

Torgau (TZ). Im Herbst 1966 bat uns unser Ministerium, schnellstens Vorschläge zur Einführung der Hochvakuumbedampfung vorzulegen. Der damalige Ministerpräsident der DDR, Willi Stoph, hatte in der UdSSR solche Anlagen gesehen und forderte nun die schnelle Nutzung dieser Verfahren in der DDR.

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Torgau (TZ). Im Herbst 1966 bat uns unser Ministerium, schnellstens Vorschläge zur Einführung der Hochvakuumbedampfung vorzulegen. Der damalige Ministerpräsident der DDR, Willi Stoph, hatte in der UdSSR solche Anlagen gesehen und forderte nun die schnelle Nutzung dieser Verfahren in der DDR.

Bereits vorher hatte ich mich mit dieser Problematik beschäftigt und diverse einschlägige Hochschulinstitute und den VEB Carl Zeiss in Jena angeschrieben mit dem Ziel, uns bei diesen Arbeiten zu unterstützen. Lediglich Carl Zeiss lud mich zu einem Gespräch ein. Als die dortigen Mitarbeiter erfuhren, welche Flächen wir im Gegensatz zu den kleinen optischen Linsen im Zeiss-Werk bedampfen wollten, machte man uns wenig Hoffnung in Bezug auf die Realisierbarkeit.

Ich schlug damals dem Ministerium vor, Verfahren zur Hochvakuumbedampfung von Glasscheiben mit Aluminium (Spiegel) und mit Edelmetallen (Sonnenschutzgläser) zu entwickeln. Kurze Zeit danach wurden wir vom Institut Manfred von Ardenne (IvA) zu einem ersten Gespräch eingeladen. Unser Ansprechpartner war hier Prof. Dr. Schiller, stellvertretender Direktor des Instituts. Hieraus entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit bis 1991. In gemeinsamen Gesprächsrunden wurden mögliche Entwicklungen skizziert. Wir einigten uns zunächst auf ein Verfahren zur Entwicklung von Aluminiumspiegeln, da zu damaliger Zeit Silber immer teurer wurde und importiert werden musste. In Dresden auf dem Weißen Hirsch (Zeppelinstraße und Plattleite) waren wir beeindruckt von den Villen, in denen das IvA seinen Sitz hatte. Selbst die Werkstatt in einem Nebengebäude besaß Gardinen an den Fenstern!

Bald wurde die Entwicklungsrichtung wieder geändert. Der Preis von Silber war gefallen. Dagegen hatte die moderne Architektur mit der großflächigen Anwendung von Glas im Gesellschaftsbau Probleme durch die Aufheizung der Räume im Sommer. Deshalb begann nun die Entwicklung von Sonnenschutzgläsern. Da uns Gold als Reflexionsschicht auf dem Glas, wie es im westlichen Ausland üblich war, nicht zur Verfügung stand, wurde die Entwicklung mit Kupfer als Reflexionsschicht begonnen. IvA übernahm die Bedampfungstechnologie und das WTZ die Schichtuntersuchung, den Einbau in Isoliergläser und die der Bedampfung vor- und nachgelagerten Verfahrensschritte.

In der Zwischenzeit war im IvA anstelle der Hochvakuumbedampfung die Kathodenzerstäubung (Magnetron-Beschichtung oder Sputtering) entwickelt worden. Dieses Verfahren benötigte ein geringeres Vakuum und erreichte wesentlich höhere Leistungen. Auf dieser Grundlage wurde die erste Magnetron-Anlage in unserem Werk in Potsdam-Babelsberg aufgebaut. Im Jahre 1972 begann die Versuchsproduktion des neuen Sonnenschutzglases, das in einem Isolierglas verbaut den Namen Theraflex erhielt. Bald sah man nun in repräsentativen Bauten sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland leicht violett schimmernde Isolierglasscheiben. Allerdings waren wir nicht in der Lage, die großflächigen Scheiben für den Palast der Republik zu liefern, sodass sie importiert werden mussten.
In der Folgezeit wurden mit der Magnetron-Technik verschiedenfarbige Spiegel (Farbtöne neutral, grau, bronze, gold und rotsilber) entwickelt. Die Produktion begann im Farbenglaswerk Weißwasser im Jahre 1985. Diese Spiegel wurden unter dem Warenzeichen alticor gehandelt.

Im Jahre 1987 nahm das Spiegelwerk Lommatzsch die Produktion von Glaskippdächern für Pkw mit einer Titannitrid-Beschichtung auf.
Parallel dazu wurden Wärmedämmgläser mit einer aktiven Reflexionsschicht aus Silber entwickelt. In Torgau arbeiteten wir intensiv an der Vorbereitung zum Aufbau einer Anlage zur Herstellung von Wärmedämm-Isoliergläsern im Bereich der Thermoscheiben-Fertigung. In einem Vortrag, den ich im November 1988 vor der Glaser-Innung des Bezirkes Cottbus hielt, verkündete ich, dass im Jahre 1991 die Wärmedämmscheibe zur Verfügung stehen würde.

Obwohl bereits Anlagenteile gefertigt waren, beschloss der neue Eigentümer des Glaswerkes Torgau, VEGLA Aachen (Saint Gobain), den Kauf einer Leybold-Heraeus-Magnetronanlage zur Beschichtung von Floatglas-Bandmaßen (3,21 m x 6,00 m). Der Grundstein wurde im September 1992 gelegt und ein Jahr später lief bereits die Produktion an. Allerdings war hier das IvA nur Zaungast. In Dresden wurde aus dem ausgegliederten Magnetron-Bereich die „Von-Ardenne-Anlagentechnik“. Diese Firma gehört heute zu den im Weltmaßstab führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Beschichtung von Architekturglas und von Solarzellen.

Leider war das Umfeld in der DDR immer weniger dazu angetan, unsere Entwicklungen schnell in die Produktion zu überführen. Trotzdem können die Mitarbeiter des WTZ Bauglas stolz darauf sein, dass sie mit dem IvA an den oben skizzierten Arbeiten mitwirken durften. Einige von ihnen wurden übernommen und konnten mit ihren Erfahrungen eine hervorragende Arbeit leisten.

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