Freitag, 19. April 2019
Freitag, 10. September 2010

HISTORIE

Tag des offenen Denkmals 2010: Die Festung Torgau aus denkmalpflegerischer Sicht

Reduit (Defensionskaserne) im Brückenkopf, 1859 vollendet, südliche Partie Foto: TZ/Archiv

Dr. Steffen Delang

Torgau (TZ). Im Herbst dieses Jahres, konkret am 29. November, jährt sich zum 200. Mal der Akt, in dessen Folge in Torgau jene strategische Fortifikationsanlage entstand, deren Reste noch heute in direkter wie indirekter Weise das Stadtbild prägen. Dies soll Anlass sein, das Thema der sächsisch-preußischen Festungsanlagen und unseren heutigen Umgang mit deren Resten nochmals aufzugreifen.

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Torgau (TZ). Im Herbst dieses Jahres, konkret am 29. November, jährt sich zum 200. Mal der Akt, in dessen Folge in Torgau jene strategische Fortifikationsanlage entstand, deren Reste noch heute in direkter wie indirekter Weise das Stadtbild prägen. Dies soll Anlass sein, das Thema der sächsisch-preußischen Festungsanlagen und unseren heutigen Umgang mit deren Resten nochmals aufzugreifen. Das Thema des diesjährigen Tages des offenen Denkmals – Kultur in Bewegung – Reisen, Handel und Verkehr – hat scheinbar wenig damit zu tun. Aber bei etwas weiterer Betrachtung wird man sehr schnell auch Bezüge dazu erkennen. Immerhin dienten die umfänglichen Festungsanlagen der Sicherung und Behauptung eines der wichtigsten Elbübergänge in Mitteldeutschland. Die 1889 aufgelassene Festung ist mit ihren Hinterlassenschaften einfach in einem solchen Maß stadtbildprägend, dass man dies nicht als historische Marginalie abtun kann.

Hier nur einige Beispiele: Der Brückenkopf, der am vollständigsten erhaltene Teil der Festung, bestimmt das Erscheinungsbild der Stadt am rechten Elbufer, wer sich der Stadt von Osten nähert, wird unweigerlich mit dieser Anlage konfrontiert. Nicht zu übersehen sind die langgestreckten Mauerzüge entlang der Elbfront, die ihren militärischen Charakter nicht verbergen. Ganz selbstverständlich erscheinen sie auf den meisten Ansichten der charaktervollen Elbfront. In großzügigem Schwung umgibt das „Glacis“ den größten Teil der Altstadt und macht mit seiner in Sachsen einzigartigen Gestalt die Festungszeit transparent. Selbst die ringförmigen Villengürtel auf dem Gelände der ehemaligen Festungsmauern sind als Folgebebauung so strukturiert, dass der einstige Festungsgrundriss an entscheidenden Stellen nachgezeichnet wird, so z. B. am Ravelin vor dem Leipziger Tor oder an der Lünette V/VI, der heutigen Bahnhofstraße. Daneben finden sich im gesamten Stadtgebiet Reste der Festungsanlagen, Bastionen, Poternen, Kurtinen und zahlreiche Baulichkeiten, die noch heute durch ihre besondere Gestalt verraten, dass sie dem Festungsbetrieb dienten, wie z.B. die Festungsbäckerei vor dem Schloss, das Dienstgebäude in der Straße der Jugend oder die Laboratoriumsgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft.

Torgau hat mit Recht in den vergangenen Jahren um seine Wahrnehmung als eine der schönsten Renaissancestädte Deutschlands und um die Würdigung als politisch-administratives Zentrum der Reformation gerungen. Zahlreiche Veranstaltungen haben dieses Bewusstsein gefestigt, allen voran vielleicht die 2. Sächsische Landesausstellung im Jahre 2004. Aber Torgau ist eben mehr als Renaissance und Reformation, selbst im Schloss Hartenfels, dem wohl prominentesten Bauwerk der Renaissance, hat sich die Festungszeit unabänderlich und unübersehbar verewigt. Es erscheint wohl einfach an der Zeit, dass man sich nun auch anderen historischen Perioden widmet und sie für ein umfassenderes Bild von der Stadtgeschichte erschließt.

Dem folgt auch die Denkmalpflege, denn sie agiert nicht losgelöst vom Zeitgeist, von aktuellen Strömungen und zentralen Themen. So waren die Torgauer Festungsanlagen in den Nachkriegsjahren kein Gegenstand der Bestandforschung geschweige denn der praktischen Tätigkeit. Dies änderte sich aber spätestens mit der Veröffentlichung des Denkmalinventars „Die Denkmale der Stadt Torgau“ von Peter Findeisen und Heinrich Magirius im Jahre 1976. Hier wurden die Anlagen der Festung erstmals aufgezeigt und als geschichtliche Zeugnisse gewürdigt. Folgen für die unmittelbare praktische Arbeit hatte dies zunächst nicht. Zwar wurden Teile der Festung weitgehend erhalten, aber nicht mit besonderem Engagement gepflegt. Bis in die heutigen Tage hinein sind viele Bereiche zumeist dem Selbstlauf überlassen oder aber der Initiative einzelner Eigentümer. Hingegen entstand in den letzten Jahren das soziokulturelle Zentrum und die Kulturbastion mit Kino und Konzertbetrieb, ein sehr vielversprechender Akt denkmalverträglicher Umnutzung und mittlerweile längst auch ein über die Grenzen der Stadt hinaus bekannter Ort für kulturelle Erlebnisse.

Die Festung Torgau hat als Denkmal der Militärgeschichte im Freistaat Sachsen eine besondere Stellung, sie ist die einzige neuzeitliche Stadtfestung überhaupt. Dass Torgau nach 1810 als sächsische Festung entstand und strategischen Aufgaben zur Sicherung des wichtigen Elbübergangs dienen sollte und nach 1815 von Preußen übernommen, vervollkommnet und zur Grenzfestung gegen Sachsen ausgebaut wurde, macht ihre besondere historische Dimension aus. Fortifikationsgeschichtlich steht sie am Beginn einer neuen Bauweise mit detachierten Werken, also einem System vorgelagerter Befestigungen, das die Intensität feindlicher Angriffe verringern sollte. Diese Besonderheiten kennzeichnen die Torgauer Anlage und machen sie trotz des Umstandes, nur eine der kleineren Festungen des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein und sich neben Ulm, Germersheim, Ingolstadt oder Magdeburg vergleichsweise bescheiden ausgenommen zu haben, bedeutsam und entwicklungsgeschichtlich interessant.
Denkmalpflegerisch können in den letzten Jahren einige bemerkenswerte Ergebnisse vermerkt werden. Neben der bereits erwähnten Kulturbastion hat sich die Stadt Torgau der Festungsmauern entlang der Elbe angenommen. Die teils gravierenden Schäden im Verblendmauerwerk wurden im Vorfeld der Landesausstellung behoben. Im Zusammenhang mit den Hochwasserschutzmaßnahmen nach 2002 entstand  der zerstörte südliche Pfeiler des Wassertores neu und die Einlassvorrichtungen für die mobilen Schutzwände wurden in die Flügelmauern integriert. Privatinteressen bestimmten über Jahre das Geschehen im südlichen Teil des Brückenkopfes.

Glücklicherweise hat sich nunmehr mit dem militärhistorischen Verein Grenadierbataillon v. Spiegel e.V. eine Gruppe Interessierter gefunden, die einen anderen Umgang mit der Substanz anstrebt und im positiven Sinn ordnend in das Geschehen am Brückenkopf eingreift. Solche Initiativen sind umso wichtiger, je weniger die kommunalen Möglichkeiten ausreichen, Substanz zu erhalten und zu pflegen.
Das Glacis ist in seinen stadthygienischen und stadtgestalterischen Qualitäten wohl nie infrage gestellt worden, sein städtebauliches und stadtbaugeschichtliches Potenzial wurde aber möglicherweise unterschätzt. Mittlerweile existiert ein im Auftrag der Stadtverwaltung erstelltes Entwicklungskonzept für die Parkanlage, das auch die denkmalpflegerischen Aspekte berücksichtigt.

All die durchaus hoffnungsvollen Ansätze einer denkmalpflegerischen Beschäftigung mit der Torgauer Festung können aber nicht darüber hinwegsehen lassen, dass dies erst Anfänge eines langen Entwicklungsprozesses sind, in dem es der Stadt Torgau aber durchaus gelingen kann, sich nicht nur ein bislang vernachlässigtes Kapitel der Stadtgeschichte neu zu erschließen, sondern auch in ihrer Außendarstellung ein zusätzliches Profil zu gewinnen: Torgau als Festungsstadt. Die vorhandenen Anlagen Schritt für Schritt umzunutzen und für die Öffentlichkeit zu gewinnen, ist allemal der bessere Weg als sie dem Selbstlauf zu überlassen, in dessen Folge wirklich nur ein Biotop bliebe, das aber als geschichtliches Zeugnis nur noch bedingt aussagefähig wäre. 

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