Donnerstag, 20. Juni 2019
Freitag, 27. Januar 2012

LOKALGESCHEHEN

Der Tornado kam abends vor 100 Jahren

Johannes Thiele sitzt auf der Bank vor dem altehrwürdigen Ofen, den er wieder auf den ursprünglichen Holz-Feuerungsbetrieb umrüstete.Foto: TZ/Tiedke

von unserem Themen-Redakteur Gerd Tiedke

Sitzenroda (TZ). Der majestätische Ofen mit den grünen Kacheln verströmt wohlige Holzfeuer-Wärme in den Raum unter der niedrigen Balkendecke. Hier scheint jeder Winkel buchstäblich Geschichte „eingeatmet“ zu haben.

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Sitzenroda (TZ). Der majestätische Ofen mit den grünen Kacheln verströmt wohlige Holzfeuer-Wärme in den Raum unter der niedrigen Balkendecke. Hier scheint jeder Winkel buchstäblich Geschichte „eingeatmet“ zu haben. Das Haus in der Sitzenrodaer Straße „Zum Quellental“ Nummer 61 muss wohl so um das Jahr 1838 errichtet worden sein, sagt Johannes Thiele, der das Anwesen vor etwa zwei Jahren erworben hat und nun in mühevoller Kleinarbeit, aber mit umso mehr Hingabe und regionalhistorischem Detailbewusstsein ausbaut: „Es handelt sich um ein ehemaliges Wohnstallhaus“, sagt der Leipziger Unternehmer. Er setzt sich auf die rustikale Bank vor dem erwähnten Kachelofen, den er übrigens von irgendwann mal eingebauter Ölheizung wieder auf den ursprünglichen Feuerungsbetrieb umrüstete.

Auf seinem Schoß entfaltet Johannes Thiele die Kopie einer alten Bauzeichnung. Seit er das Original besitzt, betreibt er Nachforschungen hinsichtlich eines ganz bestimmten Ereignisses, welches sich am 12. Mai 1912 – also morgen in 15 Wochen auf den Tag genau vor einem Jahrhundert – hier in Sitzenroda zutrug: Am Abend jenes 12. Mai 1912 zwischen 22 und 23 Uhr näherte sich ein verheerender Tornado aus Richtung Leipzig der Dahlener Heide. Nachdem er die Mulde überquert hatte, zog er über Großzschepa nach Hohburg und erreichte schließlich das Sitzenrodaer Oberdorf. Laut Thomas Säverts „Tornado-Liste Deutschland“ besaß der Sturm die Stärke F 3, also eine Geschwindigkeit von etwa 254 bis 332 Kilometern pro Stunde (Dächer werden abgedeckt, leichte Wände abgetragen; Bäume bis hin zu einzelnen Waldstrichen werden entwurzelt). Das kleine Dorf Sehlis bei Taucha war unmittelbar vor dem Eintreffen des Tornados in Sitzenroda bereits vom Wirbelsturm nahezu völlig verwüstet worden.
Auch das Wohnstallhaus, heute Nummer 61 in der Straße „Zum Quellental“, lag offenbar genau inmitten der Durchzugsschneise des Tornados. Der westliche Teil des Gebäudes wurde sehr stark beschädigt - das Dach und einzelne Fachwerkwände stürzten ein. Deshalb weist das Gebäude äußerlich sichtbar heute nur noch zum Teil Fachwerkbauweise auf.

„Zeichnung zum Wiederaufbau des durch Wirbelsturm zerstörten Kuhstalles, sowie Ausbau der Küche im Wohnhause und Neubau eines Schornsteins mit Backofen für die Witwe Seyffert Gut No. 10 zu Sitzenroda“, steht auf einem der alten Pläne geschrieben, datiert am 17. Juni 1912. „Der Sturm war damals tatsächlich hier“, sagt Johannes Thiele. „Auch aus Gesprächen mit Nachbarn wurde mir das bestätigt. Die wussten es zum Teil von ihren Großeltern.“ So erzählt man sich in der unmittelbaren Nachbarschaft noch heute die Überlieferung, dass nach dem Tornado 1912 ein „Scheunendach im Holze lag“. (Wenn vom „Holz“ die Rede ist, dann meint man nicht nur in Sitzenroda umgangssprachlich damit den Wald - man „geht in die Pilze ins Holz“, „ins Hulz Heedelbeeren flicken“.)
Auch ist den alten Zeichnungen, die Johannes Thiele heute zum Glück noch besitzt und sie auch wie einen Schatz hütet, eine zeitgenössische Baubeschreibung beigefügt. Darin heißt es gleich zu Beginn: „Die Fundamente und Umfassungsmauern des Kuhstalles sind aus Bruchstein und sollen stehen bleiben. Das Stockwerk soll 1 Stein stark mit verstärkten Pfeilern, das Giebeldreieck 1/2 Stein stark in Kalkmörtel mit zungen hoch gemauert werden. Die Decken werden geschalt, gerohrt und mit Zementmörtel geputzt.“

Auch der Brandschutz wurde damals schon bedacht, wie weiter daraus zu erlesen ist: „Zwischen Wohnhaus und Stall soll eine Brandmauer von Grund aus aufgeführt werden, in welcher eine in Falls schlagende Tür vom Hausflur nach dem Stall führen soll, und welche mit Eisenblech beschlagen wird und selbsttätig schließen muß.“
Was den hauseigenen Backofen betraf, so wurde dieser „auf ein Stück vom Nachbar Lehmann angekauftes Land an der Hinterfront des Wohnhauses angebaut“. Johannes Thiele ist auf den Backofen ganz besonders stolz, sagt er, als er die sorgfältig restaurierte eiserne Ofentür öffnet und mit einer Handlampe in das Innere des Gewölbes hineinleuchtet, das auf den ersten Blick einen Eindruck von alles andere als klein erweckt. „Den habe ich im Herbst vergangenen Jahres saniert, die Schamotte des Bodens sind komplett erneuert“, sagt er. „Bloß zum Anbacken bin ich noch nicht gekommen. Das sollte ursprünglich jetzt im Januar noch geschehen. Aber die Zeit fehlt einfach dazu.“

Doch bei aller Arbeit, die Johannes Thiele hier an und rund um sein – ja man kann es so nennen – historisches Anwesen noch erwartet, gibt er die Nachforschungen nach jenem 12. Mai vor fast 100 Jahren nicht auf: „Vielleicht hat ja noch jemand irgendwelche Dokumente, schriftliche beziehungsweise bildliche Zeugnisse oder Schilderungen vom Tornado damals. Ich glaube, das würde sicher nicht nur mich allein interessieren.“
Auch die TZ-Themenseiten-Redaktion ist natürlich daran interessiert, ob es tatsächlich noch Zeugnisse der  Ereignisse jenes Maiabends des Jahres 1912 irgendwo gibt – eventuell auch aus anderen Orten der Region. Wenn ja, dann lassen Sie es uns wissen: Redaktion der Torgauer Zeitung, Elbstraße 1–3, 04860 Torgau.

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