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LokalgeschehenMontag, 2. Juli 2012

"Vielen ist es einfach peinlich"
Die Ausgabestelle der Torgauer Tafeln in der August-Bebel-Straße.
Foto: TZ/Braune


von unserem Themen-Redakteur Gerd Tiedke



Torgau (TZ). „Eigentlich dürfte es gar keine Tafeln in Deutschland geben“, schimpft Hans Jörg Woy von der Torgauer Tafel. Seine Ehefrau Helga Woy, Leiterin des gemeinnützigen Vereins, pflichtet ihm bei: „Wenn die Tafeln in Deutschland vier Wochen geschlossen hätten, dann wäre aber etwas los. Viele würden dann endlich aufwachen.“ Das Ehepaar spielt auf schlimme Schicksale an, die sich in den letzten Jahren gehäuft haben. „Wir verhindern, dass es Menschen so schlecht geht, dass sie protestierend auf die Straße gehen“, erklärt Hans Jörg Woy. Sie sprechen von weinenden Rentnern, die um Hilfe bitten, oder auch von einer Mutter, die über 40 Stunden in der Woche arbeiten geht und davon aber weder sich, noch ihre Kinder ernähren kann. „Es ist ein gutes Gefühl diesen Menschen zu helfen, aber ein schlechtes, dass sich solche Vorkommnisse häufen“, bringt es Helga Woy auf den Punkt. Seit der Eigenständigkeit des Vereins ab Oktober 2007 existiert nicht nur die Hauptstelle in der August-Bebel-Straße.

Die Mitarbeiter der Tafel, die aus Ein-Euro-Jobbern, Bundesfreiwilligen-Bedienstete oder Ehrenamtlichen Helfern bestehen, sind auch außerhalb der Kreisstadt aktiv. „Ein absolut notwendiger Schritt, denn manche sind doch gar nicht mehr in der Lage weite Strecken zu fahren, oder können es sich schlichtweg nicht leisten“, so die Leiterin. Daher existieren seit knapp fünf Jahren vier Außenstellen der Torgauer Tafel. Regelmäßig werden in Beilrode, Belgern, Dommitzsch und Dahlen Bedürftige mit Essen versorgt. Allerdings findet man dort nicht, wie in Torgau feste Räumlichkeiten vor, in denen Speisen gelagert werden können. Dazu fehlen „an allen Ecken und Enden“ die finanziellen Möglichkeiten. Mit einem Kühlwagen fahren die Tafel-Mitarbeiter diese Orte an, um Menschen kistenweise mit Nahrung zu versorgen. „Früher hatten wir zwei Autos, doch aus Kostengründen mussten wir eines abstoßen“, sagt Hans Jörg Woy. Doch für 2013 soll es wieder ein zusätzliches Fahrzeug geben, um den starken Nachfragen gerecht zu werden. Die waren auch dafür verantwortlich, dass es zu der Errichtung von „Außenstellen“ kam. „Es gab so viele Anfragen aus den Dörfern. Das war dann die logische Konsequenz“, erinnern sich die Woys. Über 300 Bürger versorgt die Tafel derzeit außerhalb der Stadt. Dennoch kommt ein großer Teil der Dorfbewohner lieber weiterhin in die Kreisstadt. „Es ist vielen einfach peinlich dabei gesehen zu werden. Auf dem Land wird ja schnell geredet. Das wollen manche umgehen“. 

In Belgern werden einmal die Woche Nahrungspakete für 78 Bewohner ausgeliefert. Die Rolandstadt ist im Altkreis damit führend vor Dommitzsch (38) und Beilrode (33). Insgesamt ist aber Dahlen mit 81 Bedürftigen trauriger Spitzenreiter. „Wir könnten auch in Mockrehna eine Außenstelle aufmachen , dort ist die Schamgrenze aber noch zu hoch“, verrät Hans Jörg Woy. Dort kommen die Menschen nach wie vor nach Torgau, um in ihrem Dorf der Schmach zu umgehen, dabei „ertappt“ zu werden, Hilfe zu beanspruchen. „Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung meinte einmal zu uns, es gebe keine Bedürftigen in Torgau“, erzählen die Woys mit fassungsloser Mine. Der Gegenteil sei der Fall: „Der Anteil der Rentner und jungen Familien, die in Zukunft zu uns kommen werden, wird drastisch steigen. Irgendwann stoßen wir aber auch mal an unsere Grenzen“. Dank der guten Zusammenarbeit mit vielen Discountern der Region ist überhaupt gewährleistet, dass auch Menschen außerhalb des Vereinszentrums versorgt werden können.Wenn das Tafel-Mobil die Außenstellen anfährt, um Essen auszuliefern, wird auch gleich neue Ware mitgenommen: „Wir haben in Beilrode, Dommitzsch, Belgern und Mockrehna mehrere Discounter, die uns mit Essen verschiedenster Art eindecken“, so Helga Woy. Entweder sind die Speisen kurz vor dem Ende des Haltbarkeitsdatums, oft sind aber auch Zertifikate dabei, auf denen versichert wird, dass die Ware auch Wochen nach der Haltbarkeit noch genießbar ist. Trotz der vielen Arbeit wären die Woys lieber beschäftigungslos: „Es ist traurig, dass so viele Menschen Hilfe brauchen.“




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