Mittwoch, 20. Februar 2019

 
Freitag, 11. Juli 2014

HISTORIE

Als man in der DDR noch "pfuschte"

Bei einem „Ökulei“ (ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich ) der Produktionsleitung im VEB Landmaschinenbau Torgau, hier im Bild etwa um 1980, wurden viele Unzulänglichkeiten auf die Schippe genommen. So auch Pfuscharbeit im Betrieb und das „Pfuschen“ nach Feierabend. Foto: Erdmute Bräunlich

Von Günther Fiege

Torgau. Auf den ersten Eindruck ist es so, dass man unter „pfuschen“ nichts anderes versteht, als etwas mehr schlecht als recht zusammenzubauen.

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Torgau. Auf den ersten Eindruck ist es so, dass man unter „pfuschen“ nichts anderes versteht, als etwas mehr schlecht als recht zusammenzubauen. Oft sagen wir auch: Die Handwerker haben wieder mal gepfuscht, schlechte Arbeit geleistet. Es gibt aber auch die berühmte Redewendung, dass man sich nicht ins Handwerk pfuschen lassen soll. Das Wort „pfuschen“ aber hatte viele Jahre lang in der DDR einen speziellen Sinn, der weniger mit schlechter Arbeit zu tun hatte, als dass die Arbeit außerhalb offizieller Betriebsarbeit stattfand. „Ich muss heute noch pfuschen“, sagte ein Kollege zum Beispiel aus dem VEB Steingutwerk zum anderen. Oder: „Wir brauchen noch einen zum Pfuschen, kommst Du mit?“.

Sie pfuschten außerhalb der Arbeitszeit nach Feierabend oder am Wochenende in einer „Feierabendbrigade“. Tätigkeiten in der Feierabendbrigade waren von der Betriebsleitung abgesegnet, denn anders waren zusätzliche Aufgaben nicht zu schaffen: Neue Toiletten im Betriebskindergarten, malermäßige Instandsetzung des Speisesaales. Dennoch hieß es „pfuschen“, weil die verbauten Materialien nicht im Plan des Betriebes enthalten waren. Man musste sie „organisieren“, wie das nötige Werkzeug, das manchmal privat von zu Hause mitgebracht wurde. Die Feierabendarbeit wurde höher entlohnt als die Tätigkeit in der üblichen Schicht. Das wiederum war meist geregelt in einem BKV (Betriebskollektivvertrag). Das Hauptgebiet des „Pfuschens“ aber blieb die private Verschönerung des eigenen oder nachbarlichen Heimes. Da gab es die Frau, die als Finanzbuchhalterin arbeitet, nebenbei aber Kostüme nähte.

Es gab den Ingenieur aus dem VEB Flachglaskombinat oder Landmaschinenbau, der zusätzlich Fernsehantennen baute. Der Ingenieur lieferte den jeweils gewünschten „Westsender“ dazu. Auch bei der HO (Handelsorganisation) Torgau, wo ich arbeitete, pfuschte man. Da wurden durch Gebrauchswerber nach Feierabend in Privatgeschäften Schaufenster dekoriert oder die Kreis-MMM (Messe der Meister von Morgen) gestaltet. Auch für die Kreisleitung der SED und Massenorganisationen wurden des Öfteren gepfuscht. Meistens ging es um die Ausgestaltung von Delegiertenkonferenzen mit Losungen, Ausstellungstafeln, Blumen und Fahnenschmuck. Im Auftrag des Betriebes waren einige Gebrauchswerber zum Messeeinsatz nach Leipzig verpflichtet.

Und wer auf Draht war, sicherte sich nebenbei einen Dekorationsauftrag bei einer Fremdfirma. Wenn man bedenkt, dass ein Gebrauchswerber um 1960 ein Monatsanfangsgehalt von nur 250 DDR-Mark hatte, war man froh, etwas nebenbei zu verdienen. Je weniger Material und Ersatzteile in den Betrieben vorhanden war, desto mehr wurde gepfuscht und das nicht nur nach Feierabend. Die Tätigkeit begann oft schon ab Freitagmittag, nach dem Motto: „Freitag um eins macht jeder seins!“

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