Donnerstag, 14. November 2019
Freitag, 8. November 2019

DOMMITZSCH

"Der Laden ist mein Leben"

Rentner Ronald Rabe hinter der Ladentheke. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Nur wenige Geschäfte in der Leipziger Straße in Dommitzsch haben die vergangenen Jahrzehnte überlebt. Das Schuhhaus Rabe ist eines der wenigen und konnte jetzt 100jähriges Jubiläum feiern. 

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Dommitzsch. Als der Großvater von Ronald Rabe vor 100 Jahren sein Schuhgeschäft im Dommitzscher Stadtkern eröffnete, war die Leipziger Straße noch eine Einkaufsmeile wie man sie sich vorstellt. Laden an Laden. Die verschiedensten Händler boten ihre Waren feil. Handwerker priesen ihre Dienste an. Es herrschte Begängnis. Allein drei Schuhläden buhlten um Kundschaft. Das ist lange vorbei. 

Heute sind in der Leipziger Straße gerade mal noch eine Handvoll Geschäfte zu finden. Darunter ein Fleischer, ein Blumenladen, ein Schreibwaren- sowie ein Textilgeschäft. Der Kundenstrom ist abgeflaut. Die Dommitzscher Einkaufspassage gilt als typisches Beispiel für das Sterben des Einzelhandels in den Innenstädten. Der Schuhladen von Ronald Rabe ist ein Dino. Er hat überlebt. Aber nur scheinbar. Denn eigentlich wäre der älteste und traditionsreichste Anlaufpunkt in der Leipziger Straße auch nicht mehr. Ronald Rabe betreibt ihn nur noch als Hobby. Geld wirft der Verkauf von Schuhen und Lederwaren schon längst nicht mehr ab. Der 70- Jährige, der in dritter Generation hinter der Ladentheke steht, kann finanziell auf seine Rente bauen. Doch das wirft nur einen kleinen Schatten auf die Jubiläumsfeier zu Monatsbeginn. Die Freude über die „100“ überwiegt. 

Selbst Bürgermeisterin Heike Karau und andere Mitarbeiter aus dem Rathaus schauen mit einem Blumenstrauß vorbei. Rund 25 Gäste, darunter viele Freunde und alte Weggefährten, geben sich die Klinke in die Hand. Natürlich spürt man bei Ronald Rabe neben einer gehörigen Portion Stolz ein bisschen Wehmut. Er kann die Verbraucher ja verstehen, die lieber in großen Märkten oder im Internet einkaufen. Da wo riesige Auswahl herrscht, die Preise niedriger sind und nebenan (oder ein paar Klicks weiter) das nächste Schnäppchen lauert.

 Der Ur-Dommitzscher hätte es gerne gesehen, wenn seine Tochter Annika die Tradition und das Geschäft in der vierten Generation weitergeführt hätte. „Aber sie sieht ja, was los ist. Von dem Umsatz kann man nicht leben“, lächelt Ronald Rabe. Unverholen gibt er Einblick in seinen Arbeitsalltag. Wenn am Tag vier „echte“ Kunden kommen, ist das okay. Viele Dommitzscher schauen auch nur zum Quatschen vorbei. 50 bis 60 Euro Umsatz täglich für Schuhe, Einlegesohlen, Schuhcreme etc. decken gerade mal die Unkosten ab. Doch vor allem ein paar ältere Stammkunden schätzen die Dienste von Ronald Rabe sehr. Das familiäre Ambiente und die individuelle Beratung. Bei 400 bis 500 Paar Schuhen ist die Auswahl übersichtlich. Und der Rentner kann auch in kleineren Mengen jederzeit nachbestellen. „Der Laden ist mein Leben. Solange ich kann, mache ich weiter“, sagt der 70-Jährige.  

Sein Großvater Richard öffnete am 1. November 1919 das Schuhhaus der Familie Rabe. Der Schuhmachermeister betrieb eine Werkstatt und stellte Schuhe her oder reparierte sie gemeinsam mit seinen Gesellen. Der kleine Betrieb zog einige Male um, bis er in der Nr. 80 ein dauerhaftes Domizil fand. 1945 wurde der Firmengründer von den Sowjets verschleppt. Sohn Rudolf übernahm ein Jahr später das Geschäft. 1959 schloss er mit dem Konsum Torgau einen Kommissionshändlervertrag ab. Der Laden brummte. Vor allem Mitte der 60er Jahre. Die Wende kam, das Schuhhaus ging 1990 wieder in Familienbesitz über. Ronald Rabe zeigt ein Foto vom Mai 1990, kurz vor Einführung der D-Mark. In langen Schlangen standen die Kunden vor der Tür. Manche kauften bis zu acht Paar Schuhe, weil sie wohl glaubten, dass das Geld verfällt. Auch die 90er Jahre liefen für das Schuhhaus gut. 

Als der Vater 1996 starb, schulte Ronald – der bis ´93 in der Margarinefabrik als Schlosser und Kesselwärter tätig war – um. Auch zwei Verkäuferinnen standen in jener Zeit noch hinter der Theke. 16 000 D-Mark Umsatz im Monat waren keine Seltenheit. 

„Doch die Einnahmen sanken wie eine Fieberkurve beständig“, bedauert der Inhaber. Dieser Tage findet das Schuhhaus in der Leipziger Straße gerade mal wieder etwas mehr Zuspruch. „Zum Jubiläum haben wir die Preise radikal um 50 Prozent gesenkt. Das spürt man“, lächelt er. Doch an der finanziellen Situation ändert das nichts. Ohne Rente hätte Ronald Rabe die Tür längst für immer abschließen müssen.


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