Freitag, 20. September 2019
Freitag, 13. September 2019

TORGAU

"Es braucht neue Wege"

Florian Key (TU Dresden), Dr. Mario Wenzel (Projektmitarbeiter Gedenkstätte GJWH Torgau), Dr. Angelika Censebrunn (Projektmitarbeiter Gedenkstätte GJWH Torgau), Prof. Dr. Cornelia Wustmann (Technische Universität Dresden); Moderation: Ingolf Notzke.Foto: Gedenkstätte

Presseinfo

Torgau. Die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof und die Kulturbastion richteten erneut ein Heimkindertreffen aus.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Am vergangenen Samstag reisten ehemalige DDR-Heimkinder aus dem gesamten Bundesgebiet in die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Seit nunmehr 17 Jahren ermöglicht das Treffen in Torgau die Begegnung der Betroffenen und den Erfahrungs- und Erinnerungsaustausch, denn bis heute ist es für die ehemaligen DDR-Heimkinder meist schwierig, mit Außenstehenden über ihre Erlebnisse zu sprechen. Der älteste Teilnehmer war fast 80 Jahre alt und hat den langen Weg aus Osterode nicht gescheut.

Unterstützung zugesagt

Den Auftakt des Treffens bildete das Veranstaltungsprogramm in der Kulturbastion Torgau. Begrüßt wurden die Teilnehmer durch Staatssekretär Erhard Weimann (Bevollmächtigter des Freistaates Sachsen beim Bund), der für die Arbeit der Gedenkstätte und die Schicksale der Betroffenen anerkennende Worte fand: „Was ich am meisten bewundere? Den Mut, das alles anzusprechen.“ Er zeigte großes Interesse für die Schicksale und sicherte der Gedenkstätte seine Unterstützung zu. Gabriele Beyler, Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Gedenkstätte, betonte, dass eine Aufarbeitung nur gemeinsam mit den Betroffenen überhaupt erst möglich gewesen sei. Deshalb widmete der Trägerverein den in diesem Jahr verliehenen Karl-Wilhelm-Fricke-Preis der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur allen ehemaligen Heimkindern (TZ berichtete). „Dieser Preis ist uns Motivation und Verpflichtung zugleich. Auch wenn viel erreicht wurde, können und dürfen wir in unserem Engagement nicht nachlassen“, so Beyler. Um die Aufklärungsarbeit voranzubringen und der Verklärung entgegen zu wirken sei es wichtig, junge Menschen zu erreichen.

Die DDR sei für Jugendlichen heute weit weg. „Die Lebenswelt ist solch eine andere, dass es bei der Vermittlung neue Wege braucht. Gedenkstätten können als Ort historisch-politischen Lernens einiges leisten, aber sie müssen auch die jüngere Generation erreichen“, sagte Manuela Rummel, Leiterin der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Gedenkstätte.

Ein erfolgreiches Konzept war in den vergangenen Jahren das kulturelle Bildungsprojekt „Wert der Freiheit“. Gemeinsam mit den Kooperationspartnern Schweizerhaus Püchau und dem BAFF Theater Delitzsch hatte die Gedenkstätte dafür im August den Sonderpreis für Kulturelle Bildung des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst erhalten. Im Rahmen des Treffens wurde darüber hinaus ein neues Bildungsangebot vorgestellt: „Klang der Diktatur: Ein Hörerlebnis im Klassenraum“. Dabei handelt es sich um ein Hörspiel, welches die Autorin Ulrike Zeitz aus Zeitzeugenberichten und Besucherstimmen entwickelt hat. Es lässt ein autoritäres System „erlebbar“ werden, „denn selbst Zeitzeugenberichte und Gedenkstättenbesuche drohen ihre Wirkung zu verfehlen, wenn man die Dynamiken einer Diktatur nicht begreift.“

Kostenfreies Hörspiel

Ab sofort wird das Hörspiel bundesweit verschiedenen Bildungseinrichtungen kostenfrei zur Verfügung gestellt. In einem ersten Schritt werden die Geschichts- und Ethiklehrer in Schulen angesprochen und erhalten das Hörspiel auf einer USB-Karte mit entsprechendem Informationsmaterial.

Die Gedenkstätte hat sich inzwischen als Ort der Aufklärung, Erinnerung und Begegnung etabliert und doch braucht es auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer Aufarbeitung. Zu viele historische Orte der DDR-Heimerziehung sind inzwischen in Vergessenheit geraten. Umso wichtiger ist es, dass die wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema eine Stärkung erfahren hat.

Drei Forschungsprojekte

Derzeit laufen drei große Forschungsprojekte, die im Rahmen des Heimkindertreffens vorgestellt wurden. Seit Mai 2018 wird durch eine Förderung des Beauftragten der Bunderegierung für die neuen Länder der Aufbau eines „Zeitzeugenarchivs ehemaliger DDR-Heimkinder“ realisiert. Ziel ist es, die Stimmen der Betroffenen für zukünftige Generationen zu sichern. Die Technische Universität Dresden und die Gedenkstätte arbeiten seit Januar 2019 in einem gemeinsamen Forschungsverbund zusammen. Bis 2022 werden dabei die Umerziehungsmethoden der DDR-Spezialheime und deren Auswirkungen auf die Lebenswege der Betroffenen und deren Angehörige untersucht. Beide Projekte wurden auf einem Podium vorgestellt. Aber auch Vertreter des dritten Forschungsvorhaben, bei dem die Universität Leipzig federführend ist, waren vor Ort, um mit Betroffen ins Gespräch zu kommen. Ein Ziel dieses Vorhabens ist es, Bedarfe für die Bewältigung von Gewalterfahrungen der Betroffenen zu ermitteln und entsprechende Hilfsangebote zu entwickeln.

Blick aufs Heute

Anliegen der Aufklärung und Forschung ist es aber auch, dass neben dem Blick auf die Geschichte der Blick auf das Heute nicht vergessen wird. Leider seien aktuell repressive Tendenzen in der Sozialen Arbeit auf dem Vormarsch. „Es werden Stimmen laut, die wieder ein Wegsperren von ,unliebsamen schwierigen‘ Kindern und Jugendlichen vorantreiben“, kritisierte Beyler. Aktuell sind Misshandlungsfälle aus einem deutschen Kinderschutzprojekt in Rumänien bekannt geworden (Beitrag in der TZ am 30. August). Das Projekt sollte sozial auffällige Kinder und Jugendliche aus Deutschland „rehabilitieren“. Es laufen Ermittlungen wegen schwerster Misshandlungsvorwürfe. Die Jugendlichen seien in „erniedrigender und entwürdigender“ Weise und mit „schwerer Gewalt“ sowie mit Nahrungsentzug bestraft worden. Beyler: „Es ist erschreckend, wie schnell sich Dinge wiederholen, wenn niemand hinschaut.“ Alle Teilnehmer waren sich einig, dass es nach wie vor dringend notwendig ist, die Lobby der Heimkinder zu stärken. Dazu wurde sich auch bei den anschließenden Gesprächen in der Gedenkstätte angeregt ausgetauscht.     


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
26. Sachverständigentag in Leipzig
26.09.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
IHK-Umweltforum 2019
08.10.2019, 10:00 Uhr - 16:00 Uhr
IX. Leipziger Finanzmarktforum
08.10.2019, 13:00 Uhr - 18:15 Uhr
Unternehmertreff: Flüchtlinge in dualer Ausbildung
09.10.2019, 09:00 Uhr - 11:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
09.10.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Russland - Recht haben und Recht bekommen
09.10.2019, 09:00 Uhr - 13:00 Uhr
Immobilienakquise - kreativ und rechtssicher
09.10.2019, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Sichere E-Mail-Kommunikation im Unternehmen
10.10.2019, 16:00 Uhr - 18:30 Uhr
1. Sachsen-Netzwerktreffen WASSER INTERNATIONAL
18.10.2019, 17:00 Uhr - 20:30 Uhr
Business-Speed-Dating auf der Designers Open 2019
25.10.2019, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
3D-Druck in der Anwendung
29.10.2019, 08:30 Uhr - 17:30 Uhr
8. Ostdeutsches Energieforum 2019
29.10.2019, 15:00 Uhr - 30.10.2019, 14:00 Uhr
Workshop: Neue Strukturen im HR-Bereich
29.10.2019, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
Seminartag (nicht nur) für das Gastgewerbe
04.11.2019, 10:00 Uhr - 15:00 Uhr
Ausbilder-Stammtisch der IHK zu Leipzig
04.11.2019, 14:00 Uhr - 16:00 Uhr
Incoterms ® 2020 - was ist neu?
04.11.2019, 14:00 Uhr - 18:00 Uhr
Geschäftlich tätig in Polen
05.11.2019, 09:30 Uhr - 14:00 Uhr
6. Fachtag "Begeistert Unternehmerin"
05.11.2019, 14:00 Uhr - 20:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.11.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
06.11.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Gesprächskreis Immobilienwirtschaft
14.11.2019, 19:00 Uhr - 21:30 Uhr
Marktupdate Zentralasien – Informationsveranstaltung
18.11.2019, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Seminarveranstaltung zum Facilitymanagement
27.11.2019, 16:30 Uhr - 19:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Azubi Fibel

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga