Dienstag, 9. März 2021
Montag, 22. Februar 2021

TORGAU

"Es reicht tatsächlich"

Dieter Glimpel – sein Leserbrief brachte für Mandy Jäckel und Nick Leukhardt das Fass zum Überlaufen. Foto: Thomas Keil

Leserbrief

Torgau/Balingen. Robuste Ausdrucksweise oder Grenzüberschreitung? Während die CDU-Fraktion keinen weiteren Gesprächsbedarf hat und Dieter Glimpel von der AfD eher zu Ersterem tendiert, haben Mandy Jäckel und Nick Leukhardt eine andere Sicht der Dinge.

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So etwas kann ja mal passieren, dass man sich nach einer hitzigen Diskussion in der Wortwahl vergreift. Diese Quintessenz haben Nick Leukhardt und Mandy Jäckel aus einem unlängst veröffentlichten Leserbrief von AfD-Stadtrat Dieter Glimpel gezogen. Darin ging es um CDU-Stadtrat Edwin Bendrin, der den Torgauer Reinhard Wehner in einem MDR-Interview als „Spastiker“ bezeichnet hatte. Dem ehemaligen TZ-Redakteur und der amtierenden FWG-Stadträtin stoßen die verbalen Entgleisungen Edwin Bendrins schon länger sauer auf, weswegen sie den Leserbrief von Herrn Glimpel nun zum Anlass nehmen, um sich selbst einmal zu Edwin Bendrin und seiner nach wie vor anhaltenden Mitgliedschaft in der Torgauer CDU-Fraktion zu äußern. Eigentlich sind es zwei Briefe in einem. Für den ersten Teil zeichnet Nick Leukhardt verantwortlich:

„Jetzt reicht es? Ja, was genau, sehr geehrter Herr Glimpel? Denn auch ich bin der Meinung, dass es absolut reicht. Nur eben nicht mit dem, laut Aussage des hiesigen AfD-Manns, unbegründeten Shitstorms gegen Edwin Bendrin, sondern vielmehr mit der Bauchpinselei, die seit Monaten und Jahren mit dem jetzigen CDU- (und ehemaligen Grünen) Stadtrat und seiner Fraktion betrieben wird.

Natürlich: Wäre die herabwürdigende Aussage von Menschen mit Behinderungen gegenüber nur, wie von Herrn Glimpel behauptet, ein einmaliger Ausrutscher, dann wäre es wahrlich nur halb so schlimm gewesen. Unschön, menschenverachtend und eines Stadtrats (egal welcher Fraktion) absolut unwürdig, aber eben nur ein Ausrutscher.

Nur passieren dem guten Herrn Bendrin solche Ausrutscher mit erschreckender Regelmäßigkeit. Dabei richtet sich sein Unmut jedoch, zumindest meines Wissens, meist nicht gegen Menschen mit Behinderung, sondern vor allem gegen ausländische Mitbürger. So genannten „Abschaum“, wie Edi Bendrin solche Menschen gerne bezeichnet.

Man muss eigentlich nur den Namen Edwin Bendrin in Verbindung mit der Stadt Torgau bei der Suchmaschine Google eingeben und findet direkt ein ganzes Füllhorn an Entgleisungen, die auf die Kappe des nach wie vor amtierenden CDU-Stadtrates gehen. 

Da gäbe es zum Beispiel den Auftritt Bendrins beim ersten Corona-Spaziergang in Torgau, Anfang Mai 2020, wo er an vorderster Front, Seite an Seite mit Neonazis aus der Staupitzer Konzertlocation marschierte und die Legitimität von COVID19 und die im Zuge der Pandemie getroffenen Maßnahmen anzweifelte. Ein Vorfall, über den sogar der Tagesspiegel berichtete

Dass man sich zusammen „tuen“ müsse, um dieser „geistig gestörten Regierung“ mal zu zeigen, „wo die Harke hängt“, machte Bendrin nicht nur als einmaligen Ausrutscher auf dieser Anti-Corona-Demo öffentlich, sondern tat dies auch auf Facebook kund (siehe TZ).

Sogar die Parteikollegen des werten Herrn Glimpel hatten in der Vergangenheit bereits den Parteiausschluss von Edwin Bendrin gefordert. Klingt kurios? Ist aber so. Nachdem sich Bendrin in einer Stadtratssitzung 2018 kritisch über die, seiner Aussage nach, Südosteuropäer in Torgau-Nordwest ausließ und sagte: bevor man neue Spielplätze bauen könne, müsse man vorher zuerst „dieses Klientel beiseite räumen“, äußerte sich der AfD-Kreisverband Unterfranken-Nord auf Facebook folgendermaßen: „Unsere Diagnose: Rassismus, Antiziganismus, und bestimmt noch irgendein -ismus, der mir gerade nicht einfällt. Unsere Forderung: Parteiausschluss ist das Mindeste! Dazu lebenslange FB-, Twitter- und Youtube-Sperre sowie Hausverbot in allen örtlichen Supermärkten.“

Eine Social-Media-Sperre wäre für Edi Bendrin wohl vielleicht tatsächlich mal eine gute Idee. Dort wettert er nämlich nicht nur öffentlich gegen die Corona-Maßnahmen der CDU, sondern fordert die Menschen auch dazu auf, sich in Lebensgefahr zu bringen. Nachdem die Warnung der Großen Kreisstadt Torgau veröffentlicht wurde, man solle sich nicht mehr auf den gefrorenen Großen Teich begeben, argumentierte Bendrin, dass es nur halb so schlimm sei, wenn man einbreche und ins eiskalte Wasser falle. Angesichts einer Frau, die in Iserlohn ins Eis eingebrochen und gestorben war, sprach er nur von „natürlicher Auslese“. Ganz offen, in einer Kommentarspalte auf Facebook.

Nun stelle ich Ihnen, lieber Herr Glimpel, die Frage: Wie viele „Ausrutscher“ braucht es noch, bis daraus System wird? Und an Euch, liebe CDU: Wie offen muss man sich nicht nur gegen eine christlich-demokratische Grundordnung, sondern auch gegen die eigene Partei äußern, bis es zu mehr als einem internen Rüffel und einer halbherzigen öffentlichen Entschuldigung kommt?

Vielleicht hilft die folgende, abschließende Sache bei der Entscheidung: Als ich mich im November 2020 aus Torgau verabschiedete, nachdem ich den oben genannten Marsch Bendrins beim Corona-Spaziergang in der TZ veröffentlicht hatte, bekam ich von eben jenem Droh-Nachrichten. Zuerst via WhatsApp, ein paar Tage später auch über Telegram. Eine Kostprobe gefällig? „Verschwinde aus Torgau, sonst werde ich dich eigenhändig aus dieser Stadt vertreiben. […] Ich habe meine Leute auch in den alten Bundesländern, da kannst du ruhig untertauchen.“

Ich weiß nicht, wie Sie die Sache sehen, aber ich habe mir meine Meinung gebildet: Jetzt reicht es!“

FWG-Stadträtin Mandy Jäckel wendet sich ebenfalls direkt an Dieter Glimpel:

„Sehr geehrter Herr Glimpel, wir kennen die Situation wohl alle von uns selbst nur zu gut: In einem Disput schaukeln sich die Gefühle hoch, man will seiner Wut Ausdruck verleihen und ehe man es sich versieht, rutscht einem eine Aussage heraus, die man unter normalen Umständen so wohl eher nicht gesagt hätte. 

Ich für meinen Teil kann jedoch mit Fug und Recht sagen, dass ich, so hitzig eine Diskussion jemals war, noch nie jemanden als Spastiker bezeichnet habe. Solche Begrifflichkeiten gehören einfach nicht zu meinem Wortschatz. 

Dass in ihrem privaten Umfeld solch menschenverachtenden Aussagen nicht weiter verfolgt werden, kann sein. Trotzdem heißt das nicht, dass sie gesellschaftlich anerkannt sind. Und erst recht nicht, dass sie ein demokratisch gewählter und christliche Werte vertretender Stadtrat wie Edwin Bendrin diese auch benutzen sollte. Von der Tatsache, dass dies auch noch im Fernsehen geschah, ganz zu schweigen. Vielleicht darf ich Sie an dieser Stelle an Artikel 1, Absatz 1, im Grundgesetz erinnern. Sollte dieser nicht Maßstab für uns alle sein? 

Als gewählter Stadtrat steht man in der Öffentlichkeit, dem sollte man sich zu jeder Zeit bewusst sein. Egal, ob man vor einer Kamera spricht, sich mit Bürgern unterhält oder seine Kommentare in diversen Social-Media-Kanälen zum Besten gibt. Dass diese zahllosen Entgleisungen endlich angesprochen und öffentlich gemacht wurden, war längst überfällig und hat keinesfalls etwas mit Wahlkampf zu tun. 

Dass unsere Debatten-Kultur immer weiter verroht und man sich, anstatt konstruktiv miteinander zu reden, oftmals nur noch beschimpft, hört man heutzutage immer wieder. Und wenn ich mir die Aussagen von Herrn Bendrin so ansehe, dann kann ich diese Entwicklung voll nachvollziehen. Solch ein Umgang miteinander verbreitet die sogenannte „Hate Speech“ immer weiter und sorgt dafür, dass ein immer krasserer Umgangston salonfähig wird. Gerade wir, als gewählte Volksvertreter, sollten uns gegen diese Entwicklung stark machen, den Mund aufmachen und sagen: Jetzt reicht es!“


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