Freitag, 20. September 2019
Donnerstag, 5. September 2019

HISTORIE

"Geheime Hilfe" des Landrates

Von Harry Liebmann

Zu den Anfängen bei der Stromversorgung in Audenhain / Fortsetzung

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Audenhain. Nachdem die Gemeinde Oberaudenhain im Jahre 1915 den Vertrag zum Ausbau des Ortsnetzes und zur Stromlieferung mit den Landkraftwerken Leipzig AG Kulkwitz wegen nicht termingerechter Erfüllung gekündigt hatte, wurde in Erwartung baldiger Stromversorgung ein Vertrag mit dem Elektrizitätswerk Liebenwerda abgeschlossen. Aber auch hier kam es nicht, sicherlich kriegsbedingt, zur Realisierung des im Vertrag zugesicherten Aufbaus des Stromnetzes in der Gemeinde. Im Jahre 1919 entschloss man sich dann zu Verhandlungen zur Loslösung vom Vertrag mit dem Liebenwerdaer E–Werk. Gemeindevorsteher May und Gemeindevertreter Feuerstein führten auf Beschluss der Gemeindevertretung die Verhandlungen in Falkenberg.

Vor Abschluss dieser Verhandlungen in Falkenberg hatte man jedoch im gleichen Jahre schon wieder Verhandlungen mit den Landkraftwerken Leipzig AG Kulkwitz aufgenommen und sogar schon einen Vertrag zum Anschluss an das Leitungsnetz dieser Aktiengesellschaft getätigt. Vertraglich wurde ein Baukostenzuschuss der Gemeinde von 15 000 Mark zugesichert, wovon die Hälfte sofort nach Aufnahme des Ortsnetzausbaus und der Rest 14 Tage nach der ersten Stromlieferung an die Landkraftwerke abgeführt werden sollte. Im Gegenzug verpflichteten sich die Landkraftwerke, die Arbeiten schnellstens aufzunehmen und mit größter Beschleunigung zu beenden. Sollte wider Erwarten mit den Arbeiten bis Jahressende nicht begonnen worden sein, verliert, so im Vertrag festgelegt, der Vertrag seine Gültigkeit.
Nachdem mit den Arbeiten begonnen wurde, kam es aber erneut zu Verzögerungen seitens der Landkraftwerke. In einem Schreiben an die Gemeinde Oberaudenhain teilte diese der Gemeinde mit, dass sie wegen der enormen Verteuerung des Ortsnetzausbaus die Stromlieferung nicht für den im Vertrag zugesicherten Preis ausführen kann. Die Gemeinde erklärte sich daraufhin nicht zu weiteren Zahlungen bereit und führte an, dass die Teuerung nicht von heute auf morgen gekommen sei und bei zügigem Beginn der Ausbauarbeiten hätte verhindert werden können.

Einstimmig wurde beschlossen, keine weitere Einwilligung für einen Baukostenzuschuss zu geben. In der Begründung dazu wurde angeführt, dass die Gemeinde schon eine große Schuldenlast zu tragen hat und es unsinnig wäre, sich noch eine solche zusätzliche Schuldenlast aufzubinden. Zu weiteren Verhandlungen sei man erst bereit, wenn ruhigere Tage und sichere Zeiten eingetreten sind.
Die Nachrichten von der scheinbar weiter fortschreitenden Elektrifizierung im Lande waren aber sicher auch in Oberaudenhain gehört worden und so stand zum Jahresende 1920 der Ortsnetzausbau in der Gemeinde erneut auf der Tagesordnung des Gemeinderates. Der Preis für die Gemeinde hatte sich inzwischen auf 154 648 Mark erhöht. Diese enorm erhöhte Summe wurde nun den Gemeindegliedern bekannt gegeben und dazu die Frage gestellt, ob nun ausgebaut werden soll oder nicht. In freier Aussprache kam es zu keiner Einigung und somit entschied man sich für eine geheime Abstimmung, welche 37 Ja und 13 Nein Stimmen brachte. Damit galt der Antrag als angenommen, da zusätzlich alle fehlenden Stimmen als Ja Stimmen gezählt wurden. Gemeindevertreter Feuerstein wurde daraufhin zu sofortigen Nachtragsverhandlungen mit den Leipziger Landkraftwerken beauftragt.

Ausgestattet mit einer Vertragsvorlage der Gemeinde Oberaudenhain vom 14.5.1921 mit Namensunterschrift von 46 Grundstücksbesitzern wurden die Verhandlungen mit dem Leipziger Landkraftwerk aufgenommen. In diesem Vertrag bekannte sich die Gemeinde zu den Kosten für den Ortsnetzausbau und verpflichtete sich zur Stromabnahme nach Fertigstellung.
Zur Aufbringung der Kosten für die Gemeinde legte die Gemeindevertretung fest, dass jeder Grundstücksbesitzer eine einmalige Zahlung von 15 Mark pro Morgen besitzende Fläche zu entrichten und jeder eine einmalige Hausanschlussabfindung von 500 Mark zu zahlen hat. Als Umlagebeträge für die Flächeneigentümer entstanden so laut Protokollaufzeichnungen Kosten von 65 bis 3 722 Mark.  Weiter wurde für jeden Stromabnehmer, der sich erst nach der Fertigstellung des Ortsnetzes zu einem Hausanschluss entscheidet, eine Verdoppelung des Preises festgelegt, welche dann in bar an die Gemeindekasse zu zahlen ist.

In dieser für die Gemeinde nicht einfachen finanziellen Situation gab es aber auch Hilfe von höherer Stelle. Am 20. 5.1921 fand eine außerordentliche Gemeindevertretersitzung statt, an welcher Landrat Dr. Gereke teilnahm. Thema dieser Sitzung war der Ausbau des elektrischen Ortsnetzes, in der Landrat Dr. Gereke zu verstehen gab, dass er gewillt ist, der Gemeinde in dieser finanziellen Notlage zu helfen. So stellte er der Gemeinde eine Kreisbeihilfe von 50 000 Mark in Aussicht, um so die Ausbaukosten für die Gemeinde auf ca. 100 000 Mark zu begrenzen.

Erleichtert nahmen die Gemeindevertreter diese Ankündigung des Landrates auf, wurden anschließend jedoch von ihm ermahnt, diese Zusage doch möglichst geheim zu halten.
Die Weiterführung der Arbeiten zum Ortsnetzausbau gingen nun wahrscheinlich zügig weiter, denn schon zum Ende des Jahres 1921 konnten in der dunklen Jahreszeit viele Familien in Oberaudenhain auf das Kerzenlicht verzichten.


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