Freitag, 20. September 2019
Donnerstag, 12. September 2019

MOCKREHNA

"Mein Herz blutet!"

Alexander Hentzschel: „Das ist Dürre in höchster Form!“Foto: privat

H. Landschreiber

Alexander Hentzschel über Savanne, Geduld und Käseglocken-Naturschutz

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Doberschütz  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Alexander Hentzschel, Förster im Revier Schöneiche (Raum Doberschütz-Mockrehna) des Forstbezirkes Taura im Staatsbetrieb Sachsenforst, warum in Sachen Beseitigung der Waldschäden Geduld gefragt ist.

SWB: Wie geht es dem deutschen Wald im Allgemeinen und dem Wald in Ihrem Revier Schöneiche im Speziellen?
Alexander Hentzschel:
Es gibt Regionen in Deutschland, wo es dem Wald noch gut geht. Aber dem sächsischen Wald, speziell in meinem Revier, geht es so schlecht wie noch nie.
Was bereitet Ihnen am meisten Sorge?
Es ist das zweite Dürrejahr in Folge. Eine Trockenheit so wie es sie noch nie gab, hat unsere Wälder ausgezehrt. Auch Bäume benötigen Wasser, um wachsen und leben zu können. Das sollte man sich einmal vor Augen führen.
Ursachen, warum es den Wälder schlecht geht, gibt es viele: Stürme, Hitze, Trockenheit, dazu der Borkenkäfer. Geht‘s noch schlimmer?
Kämen jetzt noch Herbst- oder Winterstürme, wäre das für die eh schon destabilisierten Bäume der Super-GAU. Sie sind anfällig wie nie.
Was speziell treibt Ihnen die Sorgenfalten auf die Stirn?
In der Vegetationsperiode 2018, also von März bis Oktober, fielen 100 Milliliter Regen: Mit dieser Menge muss die Vegetation in Savannen klarkommen. Das ist Dürre in höchster Form. Die Ausmaße habe ich so noch nie gesehen.
Wie sieht es im aktuellen Jahr aus?
Bis zum Mai waren wir zuversichtlich. Ab Juni und bis zum heutigen Tag (5. September, Anm. d. Red.) fiel kaum nennenswerter Niederschlag, und wenn, dann nur lokal. Dieser Umstand hat die Situation aus dem Vorjahr noch verschärft. Die angeschlagenen Bäume konnten sich nicht erholen: Kiefern, Lärchen und Fichten, aber auch unsere geliebten Buchen und Eichen haben schwer unter der Trockenheit zu leiden.   
Welche Auswirkung sind sicht- und spürbar?
Die Bäume sind stark gezeichnet: Der Schadholz-Einschlag durch absterbendes Holz hat stark zugenommen. Dazu kommen die riesigen Holzmassen, die den Stürmen zum Opfer fielen und aus den staatlichen- oder privaten Wäldern geholt werden müssen. Wer mit wachen Augen durch die Wälder läuft, erkennt, dass sie an vielen Stellen schon verlichtet und kahl sind. Diesem Umstand entgegenzuwirken, ist die große Aufgabe der kommenden Jahrzehnte. Es wird spannend.
Was sind aktuell Ihre Aufgaben?
Immer noch die Schadholz-Aufarbeitung. Vor Sturmtief Friederike hatte ich in meinem 1700 Hektar großen Revier jährlich einen Hiebsatz von 10000 Festmetern, bis zum heutigen Tag waren es schon 20000 Festmeter. Bis Jahresende kommen weitere 5000 Festmeter dazu. Seit 2018 haben Friederike und die Dürre dafür gesorgt, dass 230000 Festmeter Holz, allein im Forstbezirk, anfielen. Bei dieser massiven, erzwungenen Holzernte von Nachhaltigkeit zu sprechen, ist aberwitzig. Zurzeit werden keine grünen Bäume, sondern nur Schadholz geschlagen.
Wie fühlen Sie sich dabei?
Mir blutet das Herz. Für uns Förster ist es schwer, den Kopf oben zu behalten. Eine Besserung für die Zukunft ist nicht in Sicht. Viele Fragen müssen beantwortet werden. Vordergründigstes Ziel ist es, neue Wälder aufzubauen. Das dauert hunderte Jahre.
Was lässt Sie sonst noch im Alltag verzweifeln?
Allein schon der Wetterbericht im Radio, wenn davon die Rede ist, dass es keinen Regen geben wird. Für die meisten Menschen ist das Freibad-Wetter ja schön, aber nicht für uns Förster und die Bauern auch nicht. Aktuell bereitet mir die Natur mit den Wäldern, Wiesen und Feldern keine Freude.
Wo ist für Sie der Lichtblick?
Ich habe eine wichtige Aufgabe in meinem Beruf, das gibt mir Auftrieb. Wir müssen neue Wege finden, dass die Wälder überleben. Und Geduld haben in den nächsten 100 Jahren.
Was müsste passieren, um den Wäldern Linderung zu verschaffen?
Wir müssen versuchen, andere Baumarten anzupflanzen. Das hängt aber vom Klima und der Bodenbeschaffenheit ab. Ein Beispiel: Die Rotbuche befindet sich an der Existenzgrenze.  
Welche Bäume könnten hier heimisch werden?
Es gibt Versuche mit der Esskastanie, die in Südosteuropa beheimatet ist, als trockenressistent gilt und wertvolles Holz produziert.
Wie sieht der Wald der Zukunft aus?
Wenn wir das wüssten! Das ist die große, neue Aufgabe, die Zeit kostet. Es werden Jahre vergehen, bis die Schäden reguliert sind. Interessant ist auch, dass die Aufforstung den Bedarf an Vermehrungsgut, also Saatgut und Forstpflanzen für die Baumschulen sprengt. Es werden Engpässe entstehen. Einen reinen Kiefernwald wird es nicht mehr geben: Es müssen andere Baumarten gesät werden, um die Vielfalt zu erhöhen. Wir müssen aufpassen, dass uns die Nutzfunktion des Waldes nicht aus den Händen gleitet.
Auch der Regenwald im Amazonas oder die Taiga in Sibirien stehen in Flammen. Bereitet Ihnen das, fernab Ihres Berufes, Sorge?
Jeder Wald geht mich etwas an! Bei mir mischen sich Trauer und Verzweiflung, das wir Menschen scheinbar immer noch nicht gelernt haben. Das Positive ist, dass man darüber redet und nicht schweigt. Meine Hoffnung ist, dass von der Lokal- bis zur Weltpolitik gegengesteuert wird. Mit einer weltweiten Aufforstung als CO2-Speicher ließen sich die Klimaziele schneller verwirklichen.
Bleibt Holz ein Energieträger der Zukunft?
Holz wurde seit Menschengedenken als Energiequelle genutzt. Zurzeit herrscht ein Überangebot. Die hiesigen Reviere mit den hohen Schadmengen sind für die nächsten Jahre „leergeräumt!“ Die Nachfrage wird steigen und das Angebot sinken, da Holz erst einmal wieder nachwachsen muss. Holz als Baustoff zu nutzen, sehe ich als Förster am liebsten. Holz als Energieträger ist CO2-neutral. Wir müssen allerdings aufpassen, nicht alles unter Totalschutz zu stellen – also Käseglocken-Naturschutz zu betreiben. Wenn wir kein Holz mehr aus unseren Revieren verwerten, kommt es von woanders her – auch aus anderen Region der Welt. Deshalb ist es wichtig, weiter auf heimisches Holz zurückzugreifen und nicht auf Tropenholz. Deswegen sind Wiederaufforstungen so wichtig.


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
26. Sachverständigentag in Leipzig
26.09.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
IHK-Umweltforum 2019
08.10.2019, 10:00 Uhr - 16:00 Uhr
IX. Leipziger Finanzmarktforum
08.10.2019, 13:00 Uhr - 18:15 Uhr
Unternehmertreff: Flüchtlinge in dualer Ausbildung
09.10.2019, 09:00 Uhr - 11:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
09.10.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Russland - Recht haben und Recht bekommen
09.10.2019, 09:00 Uhr - 13:00 Uhr
Immobilienakquise - kreativ und rechtssicher
09.10.2019, 17:00 Uhr - 19:30 Uhr
Sichere E-Mail-Kommunikation im Unternehmen
10.10.2019, 16:00 Uhr - 18:30 Uhr
1. Sachsen-Netzwerktreffen WASSER INTERNATIONAL
18.10.2019, 17:00 Uhr - 20:30 Uhr
Business-Speed-Dating auf der Designers Open 2019
25.10.2019, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
3D-Druck in der Anwendung
29.10.2019, 08:30 Uhr - 17:30 Uhr
8. Ostdeutsches Energieforum 2019
29.10.2019, 15:00 Uhr - 30.10.2019, 14:00 Uhr
Workshop: Neue Strukturen im HR-Bereich
29.10.2019, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr
Seminartag (nicht nur) für das Gastgewerbe
04.11.2019, 10:00 Uhr - 15:00 Uhr
Ausbilder-Stammtisch der IHK zu Leipzig
04.11.2019, 14:00 Uhr - 16:00 Uhr
Incoterms ® 2020 - was ist neu?
04.11.2019, 14:00 Uhr - 18:00 Uhr
Geschäftlich tätig in Polen
05.11.2019, 09:30 Uhr - 14:00 Uhr
6. Fachtag "Begeistert Unternehmerin"
05.11.2019, 14:00 Uhr - 20:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.11.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
06.11.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Gesprächskreis Immobilienwirtschaft
14.11.2019, 19:00 Uhr - 21:30 Uhr
Marktupdate Zentralasien – Informationsveranstaltung
18.11.2019, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Seminarveranstaltung zum Facilitymanagement
27.11.2019, 16:30 Uhr - 19:30 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Azubi Fibel

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga