Montag, 30. November 2020
Donnerstag, 29. Oktober 2020

TORGAU

"Schließung ist für viele Wirte eine echte Katastrophe"

Sebastian Otto, Gaststätte in Wörblitz, bietet Pizza zum Abholen an. Damit hat er im Frühjahr gute Erfahrungen gesammelt.Foto: privat

von unserem Redakteur Nico Wendt

Nordsachsen. Die neuen Corona-Regeln treffen auch die Gastronomie-Branche hart. Restaurants und Kneipen müssen ab 2. November wieder dicht machen. Die TZ fragte einige Wirte der Region, wie sie die Entscheidung sehen: 

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Von TZ-Redakteur Nico Wendt 

Nordsachsen. Die neuen Corona-Regeln treffen auch die Gastronomie-Branche hart. Restaurants und Kneipen müssen ab 2. November wieder dicht machen. Nur Lieferung und Abholung von Speisen für den Verzehr zu Hause ist möglich, heißt es im aktuellen Maßnahmepaket der Bundesregierung. Die TZ fragte einige Wirte der Region, wie sie die Entscheidung sehen: 

 

Weniger Ware bestellt 

Sebastian Otto, Inhaber Gaststätte Zum Goldenen Anker Wörblitz: „Ganz ehrlich? Ich habe damit gerechnet, dass es so kommt. Schon in der vergangenen Woche deutete alles daraufhin. Deshalb habe ich weniger Ware und fast gar keine Getränke mehr bestellt – zum Glück. Ich werde nun wieder freitags und samstags Pizza zum Abholen anbieten. Darauf habe ich mich ein bisschen spezialisiert. Schon im März und April war der Zuspruch sehr gut. Damit fange ich ab 6. November an. 

Außerdem biete ich sonntags einen Mittagstisch mit Vorspeise, Hauptgang und Dessert zum Abholen an. Dazu gibt es eine verkürzte Speisekarte. Und wer am Sonntag, dem 15. November, Martinsgans essen möchte, kann es auch gerne bestellen. Natürlich trifft es unsere Branche wieder hart. Ich bin gezwungen, mein Personal erneut in Kurzarbeit zu schicken. Es gibt finanzielle Ausfälle ohne Ende. Bei mir geht es noch halbwegs, weil ich keine Pacht oder Miete bezahlen muss. Aber in den Städten ist das für viele Gastronomen eine Katastrophe.“ 

 

Schuss vor den Bug 

Manuela König, Inhaberin vom Landgasthof „Zur Elbaue“ Weßnig: „Ich will am liebsten gar nichts sagen, weil ich so wütend bin. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Gerade, dass auch wir kleinen Dorfkneipen einen solchen Schuss vor den Bug bekommen, wo der Zulauf doch ohnehin nicht so groß ist wie in den Städten. Das Vertrauen, das wir uns in den vergangenen Wochen mühsam bei der Kundschaft erarbeitet haben, ist nun wieder weg. Natürlich bieten wir Essen auf Rädern und Speisen zum Abholen an. Aber die finanziellen Einbußen sind trotzdem enorm. Weihnachten steht vor der Tür, viele Familienfeiern hätten stattgefunden. Mein Bauchgefühl sagt, wir müssen darunter leiden für diejenigen, die sich nicht an die Regeln gehalten haben. Uns wird sprichwörtlich der Hahn zugedreht. Beim ersten Lockdown habe ich nicht gejammert. Aber jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, was werden soll. In dem letzten halben Jahr haben wir das niemals rausbekommen, was wir eingebüßt hatten.“ 

Michael Borisch, Restaurant im Kulturhaus: „Ich sehe es ein bisschen aus einem anderen Blickwinkel. Meine Mutter war ihr Leben lang Krankenschwester, mein Vater Krankenfahrer. Ich weiß, was bei der Tuberkulose-Epidemie in den 50er Jahren alles gemacht wurde. Wir haben das Glück in Deutschland, dass uns der Staat viele Verluste ausgleicht. Insofern bin ich entspannter. Ich kann auch verstehen, dass die Politik reagieren muss, wenn die Infektionszahlen steigen. Ich bin selber Corona-Positiv, habe Arbeitsverbot bis 4. November. Mir geht es zwar gut. Ich habe keine Symptome. Ich kenne aber auch Personen, denen es sehr dreckig geht. Ich bin mit meinem Herzen vorbelastet und muss mich dann später untersuchen lassen, ob es Spätfolgen gibt. Meine Angestellten sind aber alle negativ getestet. 

 

Anderer Blickwinkel 

Mein Partyservice läuft weiter. Das Restaurant ist ohnehin nur bei Veranstaltungen geöffnet und derzeit zu. Ich hoffe, dass wir Gastronomen im Dezember wieder ins Geschäft einsteigen können. Bis dahin müssen wir die Situation so hinnehmen. Wenn man sich ein bisschen einschränkt, glaube ich, können wir die Krise überstehen. Wenn jetzt nicht reagiert würde und wir hätten in den nächsten fünf Jahren 20 000 Tote, wäre auch niemandem geholfen. Deswegen würde ich auch keine Demo gegen Corona-Maßnahmen besuchen.“

Beatrix Dörge, Betreiberin des Restaurants „Herr Käthe“, Schlosscafe´ und Kostbar in Torgau: „Wir nehmen es nur noch mit Galgenhumor. Denn was bringt das jetzt? Erst hieß es, es wäre wissenschaftlich bewiesen, dass Gaststätten keine Virenschleudern sind. Jetzt sind wir plötzlich welche. Das ist doch bescheuert. Aus meiner Sicht ist die Schließung der Lokale völlig unangebracht und überzogen. Sie bringt viele Gastronomen an den Rand ihrer Existenz.

 Meine Kostbar lasse ich offen – und zwar täglich von 11 bis 14 und von 17 bis 19 Uhr. Hier gilt: bestellen und mitnehmen. Für das Restaurant „Herr Käthe“ wäre es auch machbar. Man kann für den jeweiligen Abend Essen bestellen. Auf jeden Fall fahre ich nicht wieder komplett runter. Natürlich muss ich meine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. 

Man nimmt zwar mit dem November den umsatzschwächsten Monat. Aber ohne staatliche Ausgleichszahlungen werden trotzdem viele Lokale nicht überleben. Mich ärgert ein bisschen: Unsere Gäste waren so vernünftig mit Mundschutz und Abstandsregelungen. Ich hätte sogar noch Plexiglas in der Kostbar zum Schutz eingebaut. Aber nein – man entscheidet sich wieder für solch einen Lockdown. Ich kann es einfach nicht verstehen und auch nicht gutheißen, was die Politik da entschieden hat.


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