Mittwoch, 21. Oktober 2020
Sonntag, 20. September 2020

TORGAU

75 Jahre nach der Eröffnung: Ehemalige Lagerkinder besuchen das Fort Zinna

Alexander Latotzky und Elisabeth Kohlhaas bei der Kranzniederlgung am Fort Zinna. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Der Verein „Kindheit hinter Stacheldraht“ legte am Samstag Kränze am Fort Zinna nieder und vermittelte den Torgauern ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

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122 671. Mindestens so viele deutsche Bürger waren in der Zeit von 1945 bis 1950 in sowjetischen Lagern in Deutschland eingesperrt. Mal berechtigt, oft jedoch ohne irgendeine Überprüfung oder gar ein faires Gerichtsverfahren. Dabei waren es nicht nur Männer die dort inhaftiert wurden, sondern auch Frauen saßen in den vielen Lagern ein. Sie lebten dort unter Bedingungen, die man sich heutzutage kaum noch vorstellen kann.

Auch wenn dies eher die Ausnahme als die Regel war, gab es unter den Inhaftierten immer wieder schwangere Frauen, die ihr Kind im Lager zur Welt brachten und dann dort mit ihm eingesperrt waren. Über 30 Mütter saßen laut damaligen Angaben der Volkspolizei mit ihren Kindern als meist politische Gefangene in den sowjetischen Lagern und später, dann getrennt von ihren Kindern, in DDR-Gefängnissen. Die Kinder, Angehörige oder Kindeskinder dieser Mütter besuchten am vergangenen Wochenende Torgau, das mit seinem ehemaligen Speziallager, dem Fort Zinna, ebenfalls für allerhand Unrecht und Leid in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Es wurden Kränze niedergelegt und anschließend im Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) der Film „Kindheit ohne Namen“ gezeigt.

Ein Verein bringt zusammen

Die rund 20 Anwesenden hatten sich dabei natürlich nicht rein zufällig alle gemeinsam am Samstag in Torgau getroffen, sie wurden vom Verein „Kindheit hinter Stacheldraht“ dorthin eingeladen. Dessen Gründer und Vorsitzender, Alexander Latotzky, wurde im Torgauer Sowjet-Lager als Ergebnis einer Liebesbeziehung zwischen seiner Mutter und einem ukrainischen Wachsoldaten gezeugt und 1948 im sowjetischen Speziallager in Bautzen auf die Welt gebracht. Nicht nur dort, sondern auch in anderen Gefängnissen und Kinderheimen verbrachte er seine Kindheit und gründete fast 50 Jahre nach seiner Geburt den Verein „Kindheit hinter Stacheldraht“.

„Wir gedenken heute unserer Eltern, die uns unter großen Schmerzen auf die Welt gebracht haben“, sagte Alexander Latotzky bei der Kranzniederlegung am Samstag-Vormittag am Fort Zinna. Elisabeth Kohlhaas vom DIZ fügte dem hinzu, dass dies ein Teil der Geschichte sei, der nicht vergessen werden sollte.

Besonderer Zeitpunkt

Und um dies zu gewährleisten, warf sie auch einen kurzen Blick in die Vergangenheit, auf die Geschichte des Fort Zinna. „Denn es ist ein besonderer Zeitpunkt, an dem wir uns heute treffen: Vor genau 75 Jahren wurde das Fort Zinna in Torgau eingerichtet.“ So sei das sowjetische Speziallager für politische Gefangene Anfang September eröffnet worden und bereits am 21. September waren dort rund 3000 Menschen inhaftiert. Im Laufe der Zeit wuchs diese Zahl auf über 8000 an. „Unter den Gefangenen befanden sich auch mehrere 100 Frauen“, erzählte Kohlhaas. „Einige wurden schwanger und brachten Kinder zur Welt. Unseres Wissens nach wurden fünf Kinder in Torgau geboren.“

Nachdem am Vormittag den Eltern der vielen Kinder aus Speziallagern bei der Kranzniederlegung gedacht wurde, ging es anschließend in die Ausstellung des DIZ, in welchem sich am Nachmittag Filmemacher Hans-Dieter Rusch einfand. Er verlieh den hinter Stacheldraht geborenen Kindern in seinem Film „Kindheit ohne Namen“ (2019) eine Stimme und zeigte eben diesen Film am Samstag auch einigen interessierten Torgauern und den Mitgliedern des Vereins „Kindheit hinter Stacheldraht“. Es kam dabei besonders im Nachhinein zu interessanten Gesprächen, bei denen die ehemaligen Lagerkinder ihre Geschichten erzählen konnten und  die Fragen der Torgauer beantworteten.Nick Leukhardt 

Filmemacher Hans-Dieter Rutsch sowie Günther Weckbach und Barbara Kirchner vom Verein "Kindheit hinter Stacheldraht" standen den interessierten Torgauern im Gespräch Rede und Antwort.

 


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