Freitag, 22. Oktober 2021
Donnerstag, 14. Oktober 2021

GESPRÄCH AM SONNTAG

Andreas Näther: "Impulse zum Nachdenken"

Freut sich auf zahlreiches Publikum beim Theaterabend am 24. Oktober in der Kirche Gröba: Andreas Näther, Vorstand vom Sprungbrett e. V.Foto: Foto: Heiko Betat

Von unserem Redakteur Heiko Betat

Andreas Näther wünscht sich einen Theaterabend, der auch Mut macht

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Riesa. Den Stahlstädtern steht ein außergewöhnlicher Theaterabend bevor. Im Rahmen des Projektes „Riesaer*innen auf dem Weg in die Deutsche Einheit“ gastieren drei Akteure am Sonntag, dem 24. Oktober, 19 Uhr, in der Kirche Gröba mit dem Stück „Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?“. Der US-amerikanische Theatermacher Noah Voelker, die Neubrandenburger Schauspielerin Rika Weniger und der Mittweidaer Choreograf Burkhard Körner haben diese Frage ihrem Theaterstück vorangestellt, in dem sie sich auf die Suche nach ihrem Platz innerhalb der ostdeutschen Erzählung begeben. Andreas Näther, Vorstand beim Sprungbrett e. V., hatte angeregt, diese Produktion nach Riesa einzuladen.

 

SWB: Die Frage „Wie macht man gute Kunst für Ostdeutsche?“ lässt den Schluss zu, dass den Menschen hierzulande Kunst auf besondere Weise vermittelt werden muss. Stimmt das?
Andreas Näther:
Ich denke, damit ist ein Thema gemeint, das darunter liegt: Es braucht eine eigene Herangehensweise, die den Erfahrungshorizont von uns Ostdeutschen berücksichtigt und dadurch das Publikum abholt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und so Akzeptanz bei den Betroffenen findet. Ostbiografien kann man nicht wegwischen. Wir brauchen eine Kultur, in der spezielle Themen der Ostdeutschen eine Rolle spielen und sie auch selbst zu Wort kommen und nicht nur fremdgedeutete Interpretationen nach einem Schwarz-Weiß-Schema prägend sind. Natürlich ist auch der Blick von außen spannend, zum Beispiel von dem Theatermacher aus den USA, der seinen ostdeutschen Kollegen einfach Fragen gestellt hat. Lernen und Kultur braucht die richtigen offenen Fragestellungen.


Wie kam es dazu, die Produktion nach Riesa einzuladen?
Das hängt mit dem gemeinsamen Projekt „Wendegeschichten“ von Sprungbrett e.V., Stadtmuseum und Stadt Riesa zusammen. Dafür wurde mit den Partnern vor zwei Jahren das Konzept geschrieben, in dem unter anderem steht, dass wir mit dem Projekt eine differenzierte biografische Aufarbeitung der Wende leisten wollen. Die Brüche 1989/90 waren für manche Lebensläufe positiv, für andere aber auch negativ und schmerzlich, für alle waren sie anstrengend. Es waren gravierende Veränderungen, die die Biografien geprägt haben. Das Theaterstück bietet die Möglichkeit, dem Ganzen noch mal Raum zu geben. Aufmerksam wurde ich auf das Theaterstück, das ich bisher noch nicht live gesehen habe, durch persönliche Kontakte. Einer der drei Akteure ist Burkhard Körner. Ich stamme aus Mittweida und war dort in der Jungen Gemeinde aktiv, und der Vater von Burkhard war unser Pfarrer, der schon damals mit uns über Friedens- und Umweltfragen und die Grenzen des Wachstums diskutiert hat. Wir sind bis heute befreundet und er erzählte mir, dass sein Sohn mit dem Stück auf Tournee geht. So kam zu den Stationen Mittweida, Döbeln, Bautzen und Dresden noch Riesa hinzu.


Als Veranstaltungsort wurde die Kirche Gröba gewählt. Welche Gründe gab es dafür?
Wegen des Flairs sollte der Theaterabend eigentlich im Joliot-Curie-Saal stattfinden. Das hätte aber zu viel Aufwand bedeutet. Damit rückte die Gröbaer Kirche ins Blickfeld. Das Thema passt auch besser zu ihr. Wegen ihrer Rolle zur Wende.


Was ereignete sich dort?
Ab 1986 fanden in der Kirche, in der ich Jugenddiakon war, Liedermacher- u.Kleinkunstabende, die sogenannten Puzzleveranstaltungen, statt, in denen kritische Dinge kulturell und spitzfindig angesprochen wurden. Die Kirche war immer gut gefüllt. Unter anderem schufen diese Aktivitäten auch die kritische Basis für die Gründung des Neuen Forums Riesa im Okt.1989. Am 30. Okt. 1989 gab es am gleichen Ort den ersten öffentlichen Dialog mit damaligen SED-geführten Kommunalpolitkern und SED-Funktionären. Über 2500 Menschen nahmen teil, die meisten vor der Kirche, denn nur 300 passten rein. Das war der Durchbruch für Riesa, Bürgerinnen uund Bürger fanden zu ihrer Stimme zurück.


Nun, fast auf den Tag genau 32 Jahre später, wird zum Theaterabend in diese Kirche eingeladen. Welche Erwartungen haben Sie?
Die Erwartung, dass es gelingt, Impulse zu geben, über die eigene Geschichte nachzudenken und diese zu reflektieren. Zu wünschen wäre, dass man den Mut bekommt, mit der eigenen Geschichte offensiv umzugehen. Dass man die Buntheit der Erfahrungen auch einmal ohne Wertung stehen lässt und daraus mit diesen Erfahrungen auch auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesse und Fragestellungen schaut. Ist der negative Druck raus, kann man mit Enttäuschungen anders umgehen und darüber reden. Wir reden immer über Erfolge, die Helden der friedlichen Revolution. Das ist aber nur die eine Seite. Es gibt aber auch eine andere, die der stillen Macher, die sowohl das Leben in der DDR und auch jetzt am Laufen halten und es auch erträglich machen, ohne dass es Mitläufer oder Mainstreamanhänger oder Erfüllungshelfer irgendeiner politischen Richtung sind. Dies wird manchmal zu wenig beleuchtet. Da sind so viele Zwischentöne.


Wie geht es mit dem Projekt „Wendegeschichten“ weiter?
Die Aufzeichnungen von Interviews mit Leuten, die gern ihre Erlebnisse schildern wollen, werden fortgesetzt. Gern können sich da Interessierte bei uns melden. Am Freitag, dem 5. Nov., ist das Forum-Theater Leipzig mit dem Stück „Voigt Weine – Tradition mit Zukunft“ im Mehrgenerationenhaus in der Alleestraße 88 um 18 Uhr zu Gast. Das Publikum ist zum interaktiven Spiel eingeladen. Und 2022 soll das in diesem Jahr abgesagte Gastspiel vom Kabarett aus Mannheim nachgeholt werden. Mannheim ist die Partnerstadt Riesas, die Partnerschaft wurde schon zu Ostzeiten eingegangen.

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